Schulabgänger

Jeder zehnte Berliner geht ohne Abschluss von der Schule

Im Schuljahr 2013/2014 haben 9,2 Prozent der Berliner Schüler die Schule ohne Berufsbildungsreife - also ohne Hauptschulabschluss - verlassen. Die Quote ist im Vergleich erneut stark angestiegen.

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Annähernd jeder zehnte Berliner Jugendliche hat im vergangenen Schuljahr 2013/2014 die Schule ohne Berufsbildungsreife, also ohne Hauptschulabschluss, verlassen. Das geht aus einer Erhebung der Senatsbildungsverwaltung hervor. Der Wert von 9,2 Prozent liegt deutlich über der Quote des Vorjahres (7,9 Prozent). Sie stellte bereits eine Steigerung dar, im Schuljahr 2011/2012 wurden 7,4 Prozent Schulabgänger ohne Abschluss registriert.

Die Verwaltungsdaten zeigen auch, dass zwischen den Berliner Bezirken erhebliche Differenzen bestehen. In Mitte schaffte etwa jeder sechste Schulabgänger nicht die Berufsbildungsreife, in Neukölln jeder achte. In Steglitz-Zehlendorf lag diese Quote nur bei 3,8 Prozent, in Tempelhof-Schöneberg und Charlottenburg-Wilmersdorf bei sechs Prozent. In allen Bezirken ist der Anteil der Jungen ohne Abschluss höher als der der Mädchen, berlinweit sind es 10,5 Prozent männliche und 7,9 Prozent weibliche Jugendliche.

Zudem werden in allen Bezirken große Unterschiede zwischen Jugendlichen deutscher und nichtdeutscher Herkunftssprache deutlich. In Friedrichshain-Kreuzberg zum Beispiel verlassen 4,7 Prozent der deutschen Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss, aber 15,3 Prozent der Schüler nichtdeutscher Muttersprache. In Pankow liegt das Verhältnis bei 5,6 zu 21,8 Prozent.

Förderung an Brennpunkten

Die Erhebung der Bildungsverwaltung ist die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des Neuköllner SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck. "Das ist bedrückend, wir sind von unserem selbstgesteckten Ziel, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft der Jugendlichen zu entkoppeln, weit entfernt. Es zeigt aber, wie wichtig unser Brennpunktschulen-Programm ist", sagte Langenbrinck zu den Zahlen.

Die SPD-Fraktion wolle dieses Programm ausweiten. Wie berichtet, können Schulen mit hoher sozialer Belastung seit dem vergangenen Schuljahr bis zu 100.000 Euro pro Jahr zusätzlich erhalten. Voraussetzung ist, dass mindestens 50 Prozent der Schüler von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit sind. Langenbrinck empfahl außerdem, die Ganztagsschulen kontinuierlich auszubauen. "Sie sind Motoren der Integration und fördern die Jugendlichen am besten", sagte der SPD-Politiker.

Auch die Bildungsverwaltung zeigte sich mit der Entwicklung nicht zufrieden. "Ein zentrales Ziel der Berliner Schulen ist und bleibt es, alle Schüler zu einem Schulabschluss zu führen. Die Steigerung der Zahl der Schüler ohne Berufsbildungsreife im vergangenen Schuljahr zeigt uns, dass es noch nicht gelingt, dieser Herausforderung umfassend gerecht zu werden", sagte Ilja Koschembar, Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Es handele sich um den ersten noch nicht vollständigen Abschlussjahrgang der Integrierten Sekundarschule. Die Verwaltung werde die Ergebnisse für jede Schule analysieren und mit den Schulen daran arbeiten, die gefährdeten Schülergruppen erfolgreicher zum Abschluss zu führen, so Koschembar. Dies könne etwa mit Dualem Lernen und Praxislerngruppen möglich sein.

Mädchen sind die besseren Schüler

Die Daten der Bildungsverwaltung zeigen auch, dass der Anteil der Mädchen mit Abitur in allen Bezirken höher ist als der der Jungen. In Charlottenburg-Wilmersdorf zum Beispiel liegt das Verhältnis bei 58,4 zu 46,2 Prozent, in Neukölln bei 34,9 zu 27,9 Prozent. Berlinweit machte fast jedes zweite Mädchen ihr Abitur (45,7 Prozent), aber nur gut jeder dritte Junge (36,6 Prozent). In Berlin erlangten insgesamt etwas mehr als 41 Prozent aller Schulabgänger die allgemeine Hochschulreife. Bei den Schulabgängern nichtdeutscher Herkunftssprache waren es allerdings nur 27,3 Prozent.

Hier werden ebenfalls deutliche Unterschiede zwischen den Berliner Bezirken deutlich. In Pankow betrug der Anteil der Abiturienten nichtdeutscher Herkunftssprache an allen Schulabgängern lediglich 16,1 Prozent, in Treptow-Köpenick 39,3 Prozent. Auch in Lichtenberg und Marzahn Hellersdorf lag der Anteil der Abiturienten aus diesen Familien klar über dem Durchschnitt.

Es sind diese Differenzen zwischen den Bezirken mit guter und weniger guter Sozialstruktur sowie zwischen Kindern aus deutschen und nicht-deutschen Familien, auf die Joschka Langenbrinck sein besonderes Augenmerk richtet. "Die Zahlen zeigen, wie wichtig unser Programm zur Förderung der Brennpunktschulen ist", sagte der SPD-Politiker der Berliner Morgenpost. Die Wahrscheinlichkeit steige, einen Schulabschluss zu erreichen, wenn das Kind eine Kita besucht hat und nicht die Schule schwänzt. Daher sei auch das Programm der Bildungsverwaltung gegen Schuldistanz wichtig.

Zudem, so Langenbrinck, erlebe er bei Schulbesuchen, wie wichtig häusliche Vorbilder sind. Kinder, deren Eltern von Hartz IV leben, litten häufig unter Perspektivlosigkeit. Der Abgeordnete erneuerte die Forderung der Neuköllner SPD nach einer finanziellen Zulage für Lehrer an Brennpunktschulen. Diese sei allerdings aus rechtlichen Gründen schwer durchzusetzen. Möglich sei auch, die Unterrichtsverpflichtung dieser Lehrer zu reduzieren, das sei aber "eine Frage des Geldes". Wie berichtet, hatte auch die Vereinigung Berliner Schulleiter vor wenigen Tagen Anreize für Lehrer an Brennpunktschulen gefordert. Hintergrund sind die Probleme dieser Schulen, genügend Personal zu finden.

"Praxisbezug fehlt häufig"

Katrin Schultze-Berndt, Bildungsstadträtin in Reinickendorf und Schulexpertin der CDU, wollte die Daten der Schulverwaltung vor einer detaillierten Stellungnahme zunächst erst genau analysieren. Allerdings zeigten die Zahlen zu den Schulabgängern ohne Abschluss, dass die erst 2010 in Berlin eingeführte Integrierte Sekundarschule "nicht alles richtet". Um die gefährdeten Jugendlichen müsse man sich intensiv kümmern. Leider sei der starke Praxisbezug der früheren Hauptschule heute nicht mehr in dieser Form vorhanden. Schultze-Berndt riet dazu, die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Betrieben zu intensivieren, etwa Schulpatenschaften von Firmen zu fördern. So könnten Jugendlichen berufliche Perspektiven aufgezeigt werden.

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