So wohnt Berlin Ferien in der Kampfzone - Wie Airbnb Kreuzberg verändert

Im Bergmannkiez findet man rund 100 Ferienwohnungsangebote. Und wie viele Mietwohnungen? Null. Das ist nicht nur ein Problem für Menschen, die ein neues Zuhause suchen - es verändert den Kiez.

Es war sofort klar, dass der Mann im Anzug nicht in die Kneipe passte. So etwas passiert in Kreuzberg ja immer häufiger. Aber dass ihm jemand den Finger abgebissen hat, war wirklich eine Ausnahme.

Diese Kneipe an der Gneisenaustraße ist ein Ort, an dem das Kreuzberg von früher lebendig ist. Stammgäste seit den 80er-Jahren, eigensinnig, aber aufgeschlossen. Fremde sind hier gewöhnlich kein Problem. Aber der Herr im Anzug, der an jenem Abend vor dem Tresen stand, war nicht lässig genug. Der Mann, der die Kneipe betreibt, erinnert sich, dass einer der Stammgäste wild tanzte. "Typ Esoterik-Disko." Der Gast im Anzug fühlte sich bedrängt, zwei Körper gerieten aneinander. Eher ungeschickt als aggressiv. Bis der "Typ-Esoterik-Disko" einen Finger im Mund spürte und zubiss. Offenbar viel fester, als er wollte.

Vielleicht aus Angst, schließlich wollte der Mann sein Revier verteidigen.

Diese Geschichte fällt dem Bar-Betreiber, ein, wenn man ihn auf "Ferienwohnungen" anspricht. Viel mehr sagt er nicht, der Betreiber will "bei diesem Thema nicht in der ersten Reihe stehen". Aber dass in seine Kneipe oft Leute kommen, die zufällig dort gelandet sind, fällt auf. Auch wenn es friedlich bleibt.

Nennen wir es trotzdem Kampfzone, was auf einen Blick erkennbar ist. Designerin Alice Bodnar hat etwas anderen Karten von Kreuzberg gestaltet. Sie zeigen das Angebot des Internetportals Airbnb an einem Tag vor einigen Wochen. So eine Karte wird bald im Kreuzberg-Museum hängen. Im Detail ist sie nicht ganz präzise, aber Bodnars Karte zeigt das große Bild, das zu einem Aufschrei führte. Längst erfassen Aktivisten Ferienwohnungen in Datenbanken. Als Maßnahme des Widerstandes.

Die Karte zeigt: Angebotene Ferienwohnungen: 107. Zeitgleich angebotene Mietwohnungen bei einem großen Portal: Keine. Hundertsieben zu Null. Klingt ungesund. Wie verändert es einen Kiez, wenn Menschen dort nur für ein paar Tage leben ?

Es war schon dunkel, als Heidi S. die Haustür aufschloss. Im Treppenhaus kamen ihr Männer entgegen, angetrunken. Einer sagte, sie solle aus dem Weg gehen. Typen in Bachelor-Party-Stimmung. Heidi S. hat ihren 70. Geburtstag vor ein paar Jahren gefeiert, aber einschüchtern lässt sie sich nicht. Eine echte Kreuzbergerin halt.

"Wollt ihr was aufs Maul?", rief sie ins Treppenhaus hinein. "Aber Vorsicht, ich kann Karate." Sekunden später war Heidi S. erschrocken über ihre Courage. In ihrer Wohnung schloss sie die Tür hinter sich und und hörte ihr Herz klopfen. Sie ließ das Licht erst mal aus. Nicht, dass die Party-Jungs merkten, wo sie wohnt.

95 Quadratmeter. Hell, Dielen, Stuck. 680 Euro warm. Alter Mietvertrag

All das erzählt Heidi S. in der Wohnung ihrer Nachbarin Michaela. Sie hat, wie so oft, selbstgebackenen Kuchen mitgebracht. Die Nachbarinnen kennen sich seit 16 Jahren, in diesem Umfeld klingt die Geschichte über die Jungs aus der Ferienwohnung nebenan wie eine Geschichte aus einer fremden Welt. Eine nette Wohnung hat Michaela, auf so was achtet man ja heutzutage. 95 Quadratmeter. Hell, Dielen, Stuck. 680 Euro warm. Alter Mietvertrag. Als freie Übersetzerin und alleinerziehende Mutter, sagt Michaela, könnte sie so eine Wohnung zum heutigen Preis niemals bezahlen.

Wer an seine eigene Miete denkt, mag das mit Gunst sehen oder mit Neid. Unstrittig ist: Das hier ist eine bedrohte Lebensform. Und bedroht ist auch die langjährige Nachbarschaft dieser beiden Frauen verschiedener Generationen.

Die Einschläge kommen näher.

Heidi S. steht am Fenster, zeigt mit dem Finger zum Innenhof und erklärt ihr Haus. Links: "Der zahlt jetzt 1500." Unten: "Müll im Hof, fühlt sich ja keener mehr verantwortlich." Rechts und links: "Ferienwohnungen". Erkennt man an gleichfarbigen Gardinen, die überall zugezogen sind. Aber in ein Fenster kann man reinschauen. Ein junger Mann steht am Herd und kocht Nudeln. Vermietet.

Klar sind nicht alle aggressiv oder schlecht erzogen, diese Urlauber. Aber dass mitten in der Nacht jemand klingelt und fragt, ob man die Haustür öffnen kann, Schlüssel vergessen – das passiert Gästen von Ferienwohnungen oft. Kennt man selbst aus dem Urlaub, da wird gefeiert. Drogen zum Wachbleiben gibt es in Berlin nur ein paar Straßen weiter. Der Mieterverband sammelt Beschwerden, dort spricht man von "chinesischer Wasserfolter". Ein stetes Tröpfeln von Störungen, das Nachbarn in den Wahnsinn treibt.

Firmennamen enden auf "Investment", "Management" oder "Capital"

"Wissen Sie, ich bin in der Nachkriegszeit aufgewachsen", sagt Heidi S. Niemanden wolle sie an Behörden verpfeifen, das sei ihr zuwider, grundsätzlich. Nachgeforscht hat sie trotzdem. Heidi S. hat früher ein Kinderheim geleitet, mit ähnlicher Energie lebt sie ihren Ruhestand. Sie wollte wissen, wer Wohnungen in ihrem Haus gekauft hat. Am Ende ihrer Suche stand sie vor einer Bürotür in Neukölln. Sie hat Fotos gemacht: Ein Zettel mit 20 Firmennamen hing dort. Viel für ein kleines Büro. Fast alle Firmennamen enden auf "Investment", "Management" oder "Capital." Darunter warnte ein Schild vor einem bellenden Büro-Hund.

Vorbei die Zeiten, in denen Mieter den Eigentümer ihres Hauses zumindest mal gesehen haben. Mehr Kontakt hat das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg. Dort mussten Eigentümer ihre Ferienwohnungen melden, um sie noch einige Zeit betreiben zu dürfen. Dass Wohnungen wie Pensionen vermietet werden, damit soll im Jahr 2016 Schluss sein. Annährend tausend Ferienwohnungen wurden in Kreuzberg gemeldet. In Wahrheit sind es sicher mehr, in der gesamten Stadt vermutlich 15.000. Nicht viel für eine große Stadt. Aber sie ballen sich in wenigen Kiezen. Nicht selten bietet eine Person mehrere Wohnungen an. Auch in Städten wie New York führte das zu Protesten.

Ikea-Möbel und Che Guevara

Das Büro mit den vielen Firmenschildern ist gar nicht so überraschend. Privatleute und Firmen aus aller Welt haben in Berlin ihr Geld in Wohnungen gesteckt, um es vor Finanzkrisen zu schützen. Menschen, die gar nicht in Berlin wohnen und auf dem Papier eine Adresse brauchen. Der dänische Investor Taekker etwa machte Schlagzeilen. Der hatte früh billige Wohnungen gekauft. Geld kam von einer Bank, die im Krisenjahr 2008 kollabierte. Rettung für Taekker war, die Wohnungen zu verkaufen. Teile von Kreuzberg wechselten ziemlich schnell den Besitzer.

Aber mal nüchtern betrachtet: Warum sollten Eigentümer ihr Geld über Mieten reinholen, wenn sie mehr von Touristen bekommen? Im Bergmannkiez werden Appartements für mehr als 100 Euro pro Nacht angeboten. Da sind schöne dabei. Und solche mit Ikea-Möbeln und Che-Guevara-Poster an der Wand.

"Wie, das geht bald nicht mehr? Ferienwohnung, das ist doch mein Finanzierungsmodell", diesen Satz hört Eckhart Sagitza oft. Der Leiter des Bereichs Wohnen im Bezirksamt wiederholt gern die Geldstrafe, die auf Zweckentfremdung steht: "Bis zu 50.000 Euro pro Wohnung." Abschrecken soll das. Aber wie es oft bei Vergehen ist, die hart bestraft werden: Die Aufklärungsrate ist niedrig. Wie auch? Klar, man kann sich Mietverträge zeigen lassen. Längerer Leerstand ist auch verboten. Doch Mitarbeiter, die sich um so etwas kümmern, gibt es wenige: Eineinhalb Stellen derzeit für den ganzen Bezirk. Klassiker in der Amtsstube ist dieser Satz: "Soll sich einer ins Gebüsch gegenüber eines Hauses legen und zählen, wie oft Leute mit Rollkoffern vorbeikommen?" So klar ist das Verbot nämlich nicht: Weniger als die Hälfte der Fläche der eigenen Wohnung darf man gewerblich nutzen. Als Büro. Als Bordell. Oder als Gästezimmer. Mieter brauchen dafür übrigens eine Genehmigung, sonst droht die Kündigung.

Kann das Bezirksamt die AirBnB-Angebote nicht überwachen? Schwierig. Dort steht nur die Absicht, an Feriengäste zu vermieten. Oder wie es in der Behörde heißt: "Wenn jemand im Internet schreibt, dass er seine Schwiegermutter erschlagen will, wird er nicht gleich wegen Mordes angeklagt." Mord. Rollkoffer. Monika Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin, schlug vor, Ferienwohnungen für Flüchtlinge zu beschlagnahmen. Futter für die Kampfzone.

Einige zweckentfremdete Wohnungen wurden sogar vom Staat bezuschusst

In einigen Ferienwohnungen stecken sogar Steuermittel. Gabriele Klahr von Gesoplan beobachtet im Auftrag der Stadt, ob Regeln eingehalten werden, die vor Jahren mal an staatliche Zuschüsse für Sanierungen geknüpft wurden. Da geht es um Grenzen für Mieten und Zweckentfremdung. Zuschüsse zur Sanierung gab es im Bergmannkiez reichlich. Heute klingt das absurd. Klahr kennt die Wohnungen, in die Geld geflossen ist, sie erkennt sie auf AirBnB an der Küche, den Fliesen, dem Ausblick vom Fenster. Klar ist das illegal. Aber einige Anbieter von Ferienwohnungen wehren sich auch gegen Nachbarn, die sie beim Amt verpfeifen. In der Bergmannstraße hat ein Anbieter aus Rache für Beschwerden eine Stereoanlage mit Zeitschaltuhr in seine Wohnung gestellt. Auch wenn keine Touristen dort sind, läuft laute Musik. Die Botschaft: Nachbarn, legt euch nicht mit mir an.

Ein Portal wie AirbnB, dahinter stand mal die Idee des Teilens: Wenn ich zu Besuch in New York bin, wohnst du solange bei mir. Daraus ist ein Riesengeschäft geworden. Rund 10.000 Wohnungen in Berlin werden derzeit bei AirbnB angeboten. Einer Firma, die "Luftmatratze und Frühstück" noch im Namen trägt. Die selbstbewusst behauptet, dass die vermittelten Gäste gut 100 Millionen Euro pro Jahr in die Stadt bringen. Inzwischen gibt es sogar einen Dienst, über den man ein billigeres Zimmer suchen kann, solange die eigene Bude über AirbnB vermietet ist.

Die Ökonomie des Teilens hat viele Kleinunternehmer hervorgebracht. Aber anders als viele glauben, steckt nicht hinter allen Ferienwohnungen das Böse.

Christine, 33, arbeitet für ein Start-up, sie mag Tanz und Freiheit. Sie hat sich im Jahr 2012 eine Wohnung im Bergmannkiez gekauft und lebt dort gern. Im Sommer war sie eine Woche Segeln auf dem Mittelmeer. 700 Euro hat das gekostet, komplett finanziert durch die Vermietung ihrer Wohnung. Mit allen ihren Sachen drin, traut sich auch nicht jeder. Man kann aber gut schauen, wer die Wohnung buchen will. Jemand, der auf Facebook ständig Sauffotos postet, ist nicht willkommen. Für ihre Wohnung nimmt sie 105 Euro pro Nacht. "Für Easy-Jet-Raver ist das sowieso zu teuer."

Christines erste Gäste waren Großeltern einer spanischen Familie, die um die Ecke wohnt. Dieser Besuch hat sich darüber gefreut, nah an den Verwandten im Kiez zu wohnen, statt in einem Hotel. So kann AirbnB das viel beschworene Miteinander im Kiez auch fördern.

Bergmannstraßen-Besucher gelten schnell als Sauftouristen

Im Jahr 1997 sang die Band Freundeskreis: "Damals, Silvester in West-Berlin, auf der Bergmannstraße kaufe ich Love Supreme." Das klang nach großer, weiter Welt. Gute Plattenläden, die eine alte Pressung von "Love Supreme" von John Coltrane im Angebot haben, gibt es immer noch. Aber teuer. Wer heute nach Berlin fährt, um Silvester auf der Bergmannstraße zu feiern, wird schräg angeschaut als Sauftourist. Ganz fair ist das nicht. Restaurantbetreiber im Kiez erzählen, dass sie Probleme mit der Vorratshaltung haben: Mal kommen ganze Horden zum Essen, mal niemand. Da schlägt die Stunde der Gastwirte, die Essen gerne aus der Tiefkühltruhe holen. Touristen kommen in der Regel sowieso nur einmal.

Wie sich Kreuzberg verändert, dokumentiert der Journalist Hans Korfmann in seiner Kreuzberger Chronik. Lesenswert seit 1989. Früher ging er in Läden um zu fragen, ob jemand eine Anzeige schalten will. Der Inhaber entschied spontan. Heute trifft Korfmann in Läden oft auf Mitarbeiter, die nichts selbst entscheiden können. Korfmann arbeitet auch als Reisejournalist, er hat er nichts gegen Touristen. Oft genug gehört er auch dazu. "Gut an den Ferienwohnungen ist, dass hier nicht überall Hotelklötze gebaut werden", sagt er. Aber dass Wohnungen vom knappen Mietmarkt verschwinden, kann er nicht akzeptieren. Zu viele Freunde hat er aus Kreuzberg wegziehen sehen. Zu teuer geworden. Idee der Ferienwohnung sei doch gewesen, sagt Korfmann, dass man als Gast das echte Leben mitmacht. Aber was, wenn es dieses echte Leben nicht mehr gibt?

Das Schweigen der Nachbarn

Man vergisst beinahe, dass es auch ganz normale Ferienwohnungen gibt. So was wie die Pension um die Ecke. Auf Gewerberaum. Maklerin Dörthe Behrends hat gemeinsam mit ihrem Mann in der Solmsstraße ihr Business eröffnet: "Bergmannkiez-Ferien" Aus einem "dunklen Loch" haben sie liebevoll gestaltete Appartements erschaffen. Wohnraum ging nicht verloren. Trotzdem redet die Hälfte der Hausbewohner nicht mit ihr. Die andere Hälfte aber sitzt gern auf der Bank, die Behrends neben gepflegten Blumenkübeln vor das Haus gestellt hat. Behrends überlegt sogar, selbst hierher zu ziehen. So gut gefällt ihr der Bergmannkiez inzwischen. Vor 20 Jahren hätte sie das weit von sich gewiesen: "Aus Charlottenburg! Nach Kreuzberg!" Ja, die Zeiten ändern sich.

Foto: Reto Klar

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