Unisex

Berlin setzt alle auf eine Toilette

Der Senat soll prüfen, ob in allen öffentlichen Gebäuden Unisex-Toiletten eingerichtet werden - so die Forderung des Integrationsausschusses. Immerhin seien diese Toiletten häufig schon Realität.

Mitte tut es bereits, Friedrichshain-Kreuzberg will es nun auch: Sobald die Haushaltssperre aufgehoben ist, will der Bezirk in den Rathäusern geschlechtsneutrale Toiletten einrichten. Die Bezirksverordnetenversammlungen hatten die Abschaffung von Männlein und Weiblein als spezielle Zielgruppen sanitärer Anlagen als Beitrag zu einer "diskriminierungsfreien" und "Diversity-gerechten" Verwaltung beschlossen.

Auch Menschen, die sich als keinem der beiden Geschlechter zugehörig empfinden, sollen ohne schlechte Gefühle ihre Notdurft in öffentlichen Gebäuden verrichten können.

Der bezirklichen Avantgarde soll jetzt die Landesregierung folgen. Auch in den Immobilien, für die der Senat die Verantwortung trägt, sollen Unisextoiletten eingerichtet werden. Diese Forderung hat am Donnerstag der Ausschuss für Arbeit, Integration und Frauen erhoben. SPD und CDU änderten einen deutlich offensiveren Antrag der Piratenfraktion ab und setzten einen Prüfauftrag durch. Aber der Handlungsauftrag an den Senat ist eindeutig.

Die Beamten sollen prüfen, ob und zu welchen Kosten bei Neu- oder Umbauten Unisextoiletten eingerichtet werden können. Und wenn es in einzelnen Toilettenräumen ohnehin nur ein WC gibt, sollte die Geschlechtertrennung aufgehoben und die Beschilderung entsprechend geändert werden. Der Senat soll bis zum 31. März über die Ergebnisse berichten.

Prüfung für jedes einzelne Gebäude

Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die die Gebäude der Senatsverwaltungen, Polizei, Gerichte und der Feuerwehr verwaltet, aber auch die Landesbibliothek, das Rote Rathaus und die Oberstufenzentren, müsste die geforderten Unisextoiletten für jedes einzelne Objekt prüfen. "Noch kennen wir aber die Anforderungen nicht. Wir werden vom Senat dann den Auftrag erhalten", sagte BIM-Sprecherin Katja Cwejn am Donnerstag auf Anfrage der Berliner Morgenpost.

Die Piraten wollten das Vorhaben eigentlich sofort umsetzen. Die Partei, die bei der Erfassung ihrer Mitglieder auf das Geschlecht als Merkmal verzichtet, setzt sich vor allem gegen die Diskriminierung von inter- oder transsexuellen Personen ein. Diese sollten nicht gezwungen werden, sich beim Toilettenbesuch für eines der Geschlechter zu entscheiden. Nach Mann und Frau getrennte Toiletten sollten aber erhalten bleiben, wo es mehrere Anlagen gebe.

Geschlechterneutrale Toiletten häufig schon Standard

"Wir haben zahlreiche Rückmeldungen von Menschen erhalten, die davon betroffen sind", sagte der frauenpolitische Sprecher der Piraten, Simon Kowalewski. Die Reaktionen zeigten, wie wichtig ihnen diese Entwicklung sei. Der Abgeordnete verwies darauf, dass Unisextoiletten für Nichtbetroffene keinerlei Einschränkungen bedeuteten. In vielen Bereichen seien geschlechterneutrale Klos bereits heute Standard, sagte Kowaleswski: "In der Bahn, im Flugzeug, in Bars, Clubs und an vielen anderen Orten in dieser Stadt."

Anja Kofbinger, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen und Vorsitzende des Ausschusses, begründet ihre Zustimmung zu dem Vorstoß ebenfalls mit Erfahrungen aus dem privaten Umfeld. Auch sie habe zu Hause eine Unisextoilette, es habe aber noch nie Krawall gegeben. "Was zu Hause funktioniert, sollte auch in Senatsgebäuden funktionieren", sagte die Abgeordnete. Bedenken von Frauen, künftig nur noch von Männern verschmutzte Toiletten aufsuchen zu müssen, teilt die engagierte Frauenpolitikerin nicht. Zumal diese WCs mindestens einmal am Tag gereinigt werden müssten.

Gastronomen für Unisex-Lösung

Das sahen die Beschäftigten der Humboldt-Universität 2009 anders. Damals hatten Philosophiestudenten die Unisextoilette einführen wollen. Der Gesamtpersonalrat lehnte das ab, Begründung war die "fehlende Akzeptanz der betroffenen Beschäftigten, die mehr Erschwernisse als Vorteile" sahen.

Tatsächlich aber sind gemeinsame Klos in Berlin längst Alltag. "Unisextoiletten gibt es schon", hieß es beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Vor allem kleine Cafés und Gaststätten bieten oft nur ein Örtchen für alle an. Wenn ein Gastraum weniger als 50 Quadratmeter groß ist, reicht laut Gaststättenverordnung auch heute schon ein Unisexklo, auch wenn mehr als zehn Sitzplätze im Gastraum zur Verfügung stehen. Wer weniger Gäste bewirtet, braucht gar keine Toilette.

Nicht auszuschließen ist jedoch, dass Gastronomen künftig auf eine Ausweitung der Unisex-Lösungen drängen. Denn ab 50 Quadratmetern Größe sind zwei Toiletten vorgeschrieben. Da das Gaststättenrecht in die Hoheit des Landes übergegangen ist, könnte die Landespolitik die Unternehmen von der Pflicht entlasten. Mit dem jüngsten Beschluss des Parlamentsausschusses ist es schwieriger geworden, auf zwei Toiletten zu bestehen.

Unisex-Duschen im Schwimmbad?

Der Generalsekretär der Berliner CDU, Kai Wegner, kritisierte am Freitag, Berlin habe wahrlich Wichtigeres anzupacken – auch im Sanitärbereich.

"Höchste Priorität muss die dringend nötige Sanierung maroder öffentlicher WCs haben", sagte Wegner. Die Forderung nach zusätzlichen Unisextoiletten schieße weit über das Ziel hinaus. "Was soll unter dem hehren Banner der Antidiskriminierung als nächstes kommen: Unisex-Duschen im Schwimmbad oder die Zahnbürste mit zwei Griffen, weil mancher nicht weiß, ob er Links- oder Rechtshänder ist?"

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