Bildung Mehr Schulschwänzer in Berlin – Senat will durchgreifen

Bereits jeder Vierte hat mindestens einen Tag unentschuldigt gefehlt. Das zeigt eine neue Statistik der Berliner Bildungsverwaltung. Jetzt will Bildungssenatorin Scheeres härter durchgreifen.

In Berlin schwänzen immer mehr Schüler die Schule. Inzwischen hat bereits jeder Vierte schon einmal blau gemacht und mindestens einen Tag unentschuldigt gefehlt. Das geht aus der jüngsten Statistik der Bildungsverwaltung hervor, die der Berliner Morgenpost vorliegt.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will nun härter durchgreifen und das Schwänzen schneller ahnden. In schwierigen Fällen sollen künftig Schulaufsicht, Jugendamt und Familiengericht eng zusammenarbeiten, um Schüler wieder zum Schulbesuch zu bewegen. Zudem werden Bußgelder fällig.

Laut Statistik fehlten im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2013/14 fast 25.000 von 104.852 Schülern der siebten bis zehnten Klasse einen bis zehn Tage, ohne dass sie eine Entschuldigung hatten.

2481 dieser Schüler brachten es auf bis zu 20 unentschuldigte Fehltage. 873 Jungen und Mädchen fehlten sogar mehr als 40 Tage unentschuldigt.

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Damit hat sich die Zahl der Schulschwänzer gegenüber dem 1. Halbjahr des Schuljahres 2013/14 noch einmal deutlich erhöht. Dort fehlte jeder fünfte Schüler mindestens einen bis zehn Tage unentschuldigt. Besonders groß ist die Steigerung bei mehr als 40 unentschuldigten Fehltagen. Fehlten im ersten Halbjahr 2013/14 644 Schüler mehr als 40 Tage ohne Entschuldigung, waren es im zweiten Halbjahr bereits 873. Das ist eine Steigerung von 35,6 Prozent.

Kaum Erfolg im Kampf gegen Schulschwänzer

Die Zahlen zeigen, dass alle Anstrengungen, Schüler vom Schuleschwänzen abzuhalten, bisher wenig erfolgreich waren. Bildungssenatorin Scheeres hat deshalb im November eine neue Reglung zur Schulpflicht in Kraft gesetzt. Schulen müssen jetzt schneller eine Schulversäumnisanzeige stellen.

Eine Anzeige wird fällig, wenn ein Schüler im Halbjahr an fünf nicht aufeinander folgenden Tagen unentschuldigt gefehlt hat. In diesem Fall muss die Schule auch mit den Eltern Kontakt aufnehmen. Bisher wurde eine Versäumnisanzeige erst dann gestellt, wenn ein Schüler zehn Tage pro Halbjahr unentschuldigt gefehlt hat. "Die neue Reglung gilt für alle Schulformen", sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). "Wir wollen so früh wie möglich eingreifen und erreichen, dass uns kein Schüler verloren geht."

Im Bezirk Mitte, der besonders viele Schulschwänzer zu verzeichnen hat, will die Bildungsverwaltung zudem eine spezielle Vereinbarung auf den Weg bringen. Die sieht eine enge Verzahnung zwischen Schule, Jugendamt und Familiengericht sowie die feste Einbindung der Schulaufsicht vor. Schülern wie Eltern soll damit der Ernst der Lage noch stärker verdeutlicht werden. Ist dieses Modell erfolgreich, soll es auf weitere Bezirke ausgeweitet werden.

"In Mitte muss im Fall einer Schulversäumnisanzeige die Schulaufsicht und nicht die Schule die Eltern zum Gespräch einladen", sagte Bildungssenatorin Sandra Scheeres der Berliner Morgenpost. Ziel des Gesprächs sei es, herauszufinden, ob die Eltern bereit und in der Lage sind, ihre Kinder vom Schwänzen abzuhalten. "Ist das nicht der Fall, werden das Familiengericht und das Jugendamt eingeschaltet."

Die Neuköllner Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) begrüßte die neue Reglung. "Wir fordern seit langem ein konsequentes, einheitliches Vorgehen aller Bezirke", sagte sie der Morgenpost. Die neue Statistik erfasst bisher nur Fehlzeiten der Schüler der siebten bis zehnten Klassen. Für Grundschüler liegen keine Zahlen vor.

Kinder aus Mitte und Neukölln fehlen besonders häufig

Besonders oft bleiben Kinder und Jugendliche in Mitte und Neukölln der Schule ohne Entschuldigung fern. So lag allein an den Bildungseinrichtungen in Mitte im Schuljahr 2013/14 die Zahl der Anzeigen gegen Eltern von Schulschwänzern bei 770. Mit der Versäumnisanzeige informiert die Schule das Schulamt, wenn ein Kind mindestens fünf Tage unentschuldigt gefehlt hat. Die Behörde prüft dann die Einleitung eines Bußgeldverfahrens gegen die Eltern. Bis zu 2500 Euro können fällig werden.

Die Ursachen für die Zunahme des Schulschwänzens sieht Sabine Smentek (SPD), Bezirksstadträtin für Jugend und Schule in Mitte, zum einen in der Sozialstruktur ihres Bezirks. Dennoch, sagt sie, sei jeder Schüler, der schwänze, ein Einzelfall mit verschiedenen Hintergründen. So spiele die Familiensituation eine große Rolle. "Manche Eltern achten nicht darauf oder sind überfordert", sagt die Stadträtin. Diese Familien müssten verstärkt betreut werden, doch dazu fehle das Personal im Jugendamt. Für das kommende Jahr habe sie sich daher vorgenommen, die Unterstützung von Familien, in denen das Kind den Unterricht schwänzt, zu verbessern.

Auch Schulpsychologe Klaus Seifried betont, dass jeder Fall anders ist. "Schuldistanz hat verschiedene Ursachen. Wir müssen deshalb genau hinsehen und die jeweils nötigen pädagogischen Maßnahmen ergreifen." Sehr wichtig sei in jedem Fall aber die Kooperation zwischen Eltern und Schule. "Die Eltern müssen die Bemühungen der Schule unterstützen", sagt Seifried. Wäre das nicht der Fall, sei die Schulversäumnisanzeige gegen die Eltern ein sinnvolles Instrument.

Konflikte in den Familien

Bildungsstadträtin Smentek gibt zu bedenken, dass Versäumnisanzeigen den Konflikt in manchen Familien noch verschärfen können. Bisher hätten die Anzeigen außerdem erst nach zehn Tagen unentschuldigten Fehlens erfolgen dürfen. "Da war es oft schon zu spät." Mehr Erfolg verspricht sich die Politikerin von der neuen Regelung, nach der es ausreicht, dass ein Schüler innerhalb eines Halbjahres insgesamt fünf Tage unentschuldigt gefehlt hat. Damit könne sie früher agieren. Es mache aber auch künftig doppelt so viel Arbeit. Deshalb sei sie jetzt dabei, den konkreten Personalbedarf zu ermitteln.

In Neukölln, wo es ebenfalls viele Schulschwänzer gibt, geht man bereits seit Jahren konsequent gegen das unentschuldigte Fehlen vor. Die Bildungsstadträtin des Bezirks, Franziska Giffey (SPD), sagt: "Wir setzen auf Prävention und einen restriktiven Umgang mit den Fehlzeiten der Schüler."

Laut Giffey sind in Neukölln in diesem Jahr 728 Schulversäumnisanzeigen gestellt worden. In 160 Fällen wurden Eltern verwarnt, außerdem gab es 565 Anhörungen und 331 Bußgeldverfahren. In 43 Fällen wurde Erzwingungshaft beantragt, weil Eltern das Bußgeld nicht zahlen wollten. Zur Umsetzung der Haft ist es allerdings in keinem Fall gekommen, da spätestens dann gezahlt worden ist.

Die Bildungsstadträtin weist zudem darauf hin, dass immer mehr Kinder und Jugendliche verspätet zur Schule kommen. "Hier muss konsequent eingegriffen werden, um den Anfängen zu wehren", fordert sie. Aus diesem Grund müssten endlich auch die Zahlen der Fehltage in Grundschulen erhoben werden. "Wir müssen so früh wie möglich gegensteuern."

Viele Schulen setzen bei der Unterstützung von Mädchen und Jungen, die als Schulschwänzer auffällig werden, inzwischen auf sogenannte Praxisgruppen, in denen die Schüler außerhalb der Schule vor allem praktischen Unterricht haben. Zurzeit befinden sich 970 Schüler der Jahrgangsstufe 9 und 10 in einer dieser Gruppen. Die arbeiten seit 2012/13 mit Erfolg. So waren 58,7 Prozent der Schüler, für die kein Schulabschluss erreichbar erschien, durch die Teilnahme in einer Praxisgruppe erfolgreich, 7,1 Prozent schafften sogar den MSA.

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