Berliner Baumeister

"Robertneun" setzt auf Vielfalt ohne Plastikcharme

Tom Friedrich und Nils Buschmann verstehen sich als Vertreter einer Art „Gebrauchsarchitektur“. Das Industrielle und Bodenständige liegt ihnen.

Das knallt. Das Rot der Fassaden der ersten Häuser des Projekts "Am Lokdepot" hinter den Bahngleisen leuchtet kräftig. Rot eingefärbter Sichtbeton, tiefrote Stahlelemente im Fensterbereich, dunkelrote Ziegel im Sockel – ein leuchtendes Statement für ein Stück neue Stadt, das in Schöneberg an der Grenze zum Kreuzberger Viktoriakiez entsteht. Nach langjährigen politischen Debatten und Änderungen der Bebauungspläne, die hier in direkter Nachbarschaft zum neuen Park am Gleisdreieck ursprünglich ein Gewerbeareal vorsahen, ist das Bauprojekt mittlerweile unübersehbar. Seit diesem Frühjahr sind die ersten der insgesamt 16 geplanten Wohnhäuser auf der Großbaustelle an den Gleisen zwischen Monumenten- und Dudenbrücke fertig. Knapp 250 individuelle Wohnungen werden in den drei unterschiedlichen Haustypen an den denkmalgeschützten Lokdepots des Deutschen Technikmuseums realisiert, die diesem Projekt auch seinen Namen geben.

"Feuerwehrrot" nennt Architekt Tom Friedrich den Farbton, den er und Nils Buschmann vom Berliner Büro "Robertneun" ganz bewusst für die Fassade der Gebäude gewählt haben. Der Neubau soll eben gerade nicht neu aussehen, "wie so viele Projekte in der Stadt, die auch nach zehn Jahren noch so plastikmäßig wirken wie am ersten Tag", sagt Nils Buschmann. Und Tom Friedrich ergänzt: "Die Idee war auch, das Vorhandene weiterzudenken. Wir wollen den Charakter der bestehenden Industriebauten und den gewerblichen Charme des Areals mit seinen Ziegelbauten und dem Kopfsteinpflaster gestalterisch wie inhaltlich in eine Art Fabrikwohnen übersetzen." Deshalb die rote Fassade, deshalb auch "ganz normale Materialen wie Beton mit Gebrauchsspuren und Stahl, die sich auch innen finden", so Buschmann. Und: Innen können die Räume der Wohnungen dank eines modularen Systems der Trennwände individuell geplant werden.

Doch nicht alle Häuser, der mit dem werbewirksamen Label von Fabriklofts vermarkteten Bauten, entstehen unter der Ägide der beiden Berliner Architekten, die schon seit 2006 an diesem Langzeitprojekt sitzen. "Robertneun" hatte die Idee, hier Wohnen statt Gewerbe zu realisieren und entwickelte den Masterplan sowie die Entwürfe. Aber: "Wir sind jetzt aus dem Projekt raus", sagt Buschmann. Die Architekten zeichnen für sieben Wohnhäuser verantwortlich, "die restlichen Gebäude macht jetzt ein Generalplaner, er wollte Kostensicherheit", so Buschmann. "Robertneun" fürchtet ein wenig um die architektonische Qualität und Vielfalt der künftigen Wohnhäuser. "Die Finanzen stehen da im Vordergrund", sagt Friedrich. Die Wohnungen haben denn auch ihren Preis. Ab 3300 Euro und deutlich aufwärts müssen die Käufer pro Quadratmeter hinblättern. Der Markt gibt das her. Und so wechseln auch in diesem Kiez die Aussichten. Die Bewohner der Eylauer Straße in Kreuzberg blicken nun auf das wachsende Neubauprojekt, während dessen Bewohner künftig den spektakulären freien Blick über die Gleise in den Himmel Berlins genießen können.

"Im Interesse von fast 250 neuen Wohnungen, war das Problem, dass ein Neubau Kreuzberger Anwohnern künftig den Blick verbaut, nicht zu lösen", sagt Nils Buschmann.

Das Industrielle und Bodenständige in der Architektur liegt den beiden, die sich seit ihrer Bürogründung 2001 als Vertreter einer Art "Gebrauchsarchitektur" im besten Sinne verstehen. Ihr erster größerer Auftrag war denn auch die Planung eines Ladens der Feinkost-Kette Frische Paradies, für die "Robertneun" unterdessen fast zu einer Art Haus- und Hofplaner avancierte. Mittlerweile haben sie bereits in acht deutschen Großstädten Filialen der Gourmet-Kette gestaltet, von denen unter anderen das Berliner Projekt am Schlachthofareal 2009 den Berlin-Preis des Bundes Deutscher Architekten erhielt.

Kennengelernt haben sich die heute beide 42-Jährigen im ersten Semester an der Technischen Universität Berlin, wo sie ab 1992 Architektur studierten und sich unter anderem bei dem Niederländer Kees Christiaanse mit Städtebau beschäftigten. "Das war die Zeit, in der vor allem in den Niederlanden sehr große Wohnungsbauprojekte realisiert wurden", sagt Friedrich. Ihre ersten Berlin-Projekte waren eine Nummer kleiner: 2005 begannen sie mit der Innengestaltung des legendären Clubs "Weekend" im Haus des Reisens am Alexanderplatz. Auch das Interieur der angesagten "Tausend Bar" in den S-Bahnbögen am Schiffbauerdamm hat "Robertneun" entwickelt. Ihr Büro führen die Architekten in einem Bau von Werner Düttmann (1921-1983), einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Nachkriegsmoderne, im ehemaligen Gemeindesaal der St. Agneskirche in Kreuzberg.

Warum sie sich "Robertneun" nennen? "Wir wollten nicht unsere Namen aneinanderreihen und wie ein Altherrenbüro klingen." Ihre Bauten belegen, dass diese Befürchtung unnötig war.

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