Interview

Wowereit – "Berlin hat damals eklatante Fehler gemacht"

Berlins Regierender Bürgermeister spricht im Interview mit der Berliner Morgenpost über Chancen, Investitionen und Bürgerbeteiligung zum Thema Olympische Spiele.

Foto: Krauthoefer / jörg Krauthöfer

Am Dienstag entscheidet der Senat, ob er für Berlin Interesse an der Durchführung der Olympischen Sommerspiele bekundet. Bis zum 31. August hat der Senat Zeit, einen entsprechenden Fragenkatalog an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu senden.

Über Chancen, Investitionen und Bürgerbeteiligung sprach die Berliner Morgenpost mit dem Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit (SPD), in einem Interview, das ausschließlich zum Thema Olympische Spiele verabredet war.

Berliner Morgenpost: Herr Wowereit, Berlin geht ins Rennen um die Austragung der Olympischen Sommerspiele und der Paralympics. Warum?

Klaus Wowereit: Olympische Spiele stehen nach wie vor für eine weltumfassende Idee, für Völkerverständigung, für ein Treffen der Jugend der Welt. Für jede Stadt, die solche Spiele ausgetragen hat, war das eine Gelegenheit, sich zu präsentieren und Investitionen zu tätigen. Es ist die größte Sportveranstaltung der Welt und bringt für die Gastgeberstadt viele Möglichkeiten.

Warum sollten sie in Berlin und nicht in Hamburg stattfinden?

Beide Städte können Olympische Spiele austragen, wie auch Stuttgart, Leipzig oder andere, da habe ich keinen Zweifel. Es ist Sache des deutschen Sports, zu entscheiden, mit wem man international die besten Chancen hat. Der Deutsche Olympische Sportbund muss diese Entscheidung treffen. Hamburg und Berlin sind aufgefordert worden, Fragen zu beantworten. Das werden wir tun.

Sie haben kürzlich gesagt, es sei nur Erfolg versprechend, wenn Deutschland sich als Ganzes mit Berlin als Austragungsstadt bewirbt. Sehen Sie das immer noch so?

Ja. Aufgrund meiner Erfahrung mit internationalen Sportverbänden und Großereignissen in den vergangenen Jahren kann ich sagen, dass Deutschland größere Chancen mit Berlin hat als mit anderen Städten. Das heißt nicht, dass andere Städte nicht Olympische Spiele ausrichten könnten. Es geht aber darum, einen internationalen Wettkampf zu gewinnen.

Ist eine derartige Duellsituation zwischen zwei deutschen Städten überhaupt sinnvoll?

Man hätte auch einen anderen Weg gehen können. Der DOSB hätte sich strategisch überlegen können, mit wem man sich besser positionieren kann, um dann gemeinsam eine Bewerbung zu erarbeiten. Es ist ja nicht die Bewerbung einer Stadt, sondern es ist immer die Bewerbung des deutschen Sports. Die Stadt ist der Austragungsort. Nur so kann es verstanden werden, und nur so kann eine Stadt erfolgreich sein. Wir wissen, wie stark die internationale Konkurrenz ist. Wenn nicht alle Seiten – von Bundespräsident über Bundeskanzlerin, Sportminister und Sportverbände – insgesamt zustimmen und sich engagieren, wird Deutschland es schwer haben, den Zuschlag für die Olympischen Spiele zu bekommen. Im Übrigen legt das IOC Wert darauf, dass es selbst der Veranstalter ist.

Es geht nicht nur um Berlin und Hamburg, sondern auch um zwei Daten – 2024 und 2028. Was wäre der bessere Zeitpunkt für Berlin?

Unabhängig von Berlin sind Überlegungen anzustellen, wann eine Bewerbung Deutschlands die besten Chancen hat. 2024, so scheint der bisherige Stand zu sein, ist die Situation schwierig. Zum Beispiel, weil Deutschland sich vielleicht um die Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2024 bewerben will. Das muss der DOSB zunächst mit dem Deutschen Fußballbund klären. Es gibt also denkbare Gründe, sich erst 2028 zu bewerben. Aber das wird der DOSB entscheiden.

Berlin hat sich bereits um die Spiele 2000 beworben und ist gescheitert. Was muss die Stadt, was müssen Sie besser machen?

Berlin hat damals eklatante Fehler gemacht. Es gab eine grundsätzliche Fehleinschätzung über die Chancen, die Spiele überhaupt zu bekommen. Das sollte man künftig vermeiden. Olympische Spiele sind nur noch sehr, sehr professionell zu stemmen. Sie müssen von einem Management organisiert werden, das internationale Erfahrung hat. Das ist sicherlich eine Erkenntnis, die man damals nicht hatte. Und: In Deutschland tun manche so, als wenn es etwas Negatives wäre, Olympische Spiele auszutragen. Das sehen meine Kollegen in anderen Städten weltweit ganz anders. Es gibt genügend Bewerber, die das mit Begeisterung machen würden und die Möglichkeiten der Weiterentwicklung für die eigene Stadt erkennen. Ich denke schon, dass Berlin seine Sportbegeisterung auch deutlich nach außen zeigen kann, immer im Rahmen eines vernünftigen und von den Menschen mitgetragenen Konzepts natürlich. Aber man muss sich auch selbst deutlich machen, dass es nicht allein an einer guten oder schlechten Bewerbung liegt, wenn man nicht gewinnt. Es ist ein harter internationaler Wettkampf, und es gibt ganz viele und hochkomplexe Kriterien, die zu der Entscheidung führen.

Nun sagen einige, warum sollte sich Berlin für ein derartiges Großereignis bewerben, es kann ja nicht einmal den BER. Haben sie recht?

Natürlich nicht. Das sind zwei verschiedene Schuhe, die passen auch nicht im Vergleich zusammen. In Hamburg, das muss ich an dieser Stelle auch mal sagen, würde man ganz sicher nicht die Frage nach einem Zusammenhang mit den Problemen bei der Elbphilharmonie stellen. Wir in Berlin haben den Nachweis erbracht, dass wir große Sportereignisse organisieren können, und zwar in hervorragender Weise und breit getragen. Jedes Jahr beim Marathon, beim Istaf, aber auch bei der Leichtathletik-WM 2011 oder der Fußball-WM 2006 kann und konnte man sehen, welche Begeisterung in Berlin vorhanden ist, zuletzt beim Empfang der Fußball-Weltmeister. Ich habe da keine Sorge. Wir haben hundertfach bewiesen, dass wir das können – aktuell auch bei den Schwimm-Europameisterschaften in der Stadt.

Wie schätzen Sie die Stimmung in der Bevölkerung ein?

Die ist noch ambivalent und das ist auch kein Wunder, viele Fakten stehen noch gar nicht fest. Nach der Erfahrung in München hat der Sport Befürchtungen, dass eine Bewerbung nicht von der Mehrheit der Bevölkerung getragen wird. Ich sage: Die Bevölkerung muss rechtzeitig transparent informiert werden und die Gelegenheit haben, mitzuentscheiden. Wenn wir den Fragebogen zu den Olympischen Spielen jetzt an den DOSB abgeben, dann ist das nur ein erster Schritt. Anschließend wird es darum gehen, die Pläne gemeinsam genauer auszuarbeiten, Finanzpläne zu erstellen und Möglichkeiten der Mitwirkung zu schaffen.

Wenn der Senat sich am kommenden Dienstag grundsätzlich für eine Ausrichtung der Olympischen Spiele in Berlin ausspricht, wie soll der Bürger da überhaupt noch mitentscheiden?

Die Entscheidung ist dann ja noch nicht gefallen. Der DOSB weiß, dass vor der Abgabe der Antworten schon aus Zeitgründen weder in Berlin noch in Hamburg eine breite Bürgerbeteiligung möglich war. Wenn es eine Bewerbung für 2024 gibt, wird es im kommenden Jahr zu einer Volksbefragung kommen.

Sollen denn alle Berliner in einem Bürgervotum abstimmen, ob sie Olympische Spiele in Berlin wollen oder nicht?

Ja. Ich bin für einen Bürgerentscheid über Olympische Spiele, wenn die Pläne konkretisiert sind, konzeptionell und finanziell. Wir müssen uns da gemeinsam mit dem Parlament die Verfassung und alle rechtlichen Möglichkeiten für ein Bürgervotum anschauen. Aber diesen Weg sollten wir gehen.

Vorbehalte bestehen auch, weil nicht ganz klar ist, was die Berliner langfristig von den Spielen haben. Es wird große Wettkämpfe geben, aber das Planschbecken im Kombibad Spandau Süd bleibt weiter baufällig …

… woher wissen Sie das, so pauschal formuliert? Es werden viele Investitionen in bestehende Sportstätten erfolgen, die dann für den Breitensport und die Schulen genutzt werden können. Denken Sie zusätzlich auch an die vielen Trainingsstätten, die für Olympische Spiele hergerichtet werden müssten. Das ist ja gerade ein Teil unseres Konzepts: Berlin hat schon heute hervorragende Sportstätten – der überwiegende Teil der erforderlichen Anlagen existiert schon. Die Investitionen, die wir tätigen wollen, sollen die langfristige Nutzung für die Sportlerinnen und Sportler und für die Schulen sicherstellen.

Möglichkeiten zu nachhaltigen Spielen bestehen nur, wenn sich das Internationale Olympische Komitee, IOC, zu den geplanten Reformen bekennt. Wie viel Vertrauen haben Sie in die Reformfähigkeit des IOC?

Der Sport muss sich intern auch selbst reformieren und zum Beispiel auch die Vergaben der Vergangenheit hinterfragen und die Erfahrungen kritisch auswerten. Ich hoffe, dass er das tut. Die Anforderungen an den Ausrichter werden seit Jahrzehnten immer höher. Wenn es um bessere Leistungen der Athleten geht, dann ist das nachvollziehbar. Wenn sie aber dazu führen, dass nur noch bestimmte Kandidaturen mit vielen Milliarden Euro bevorzugt werden, dann ist das ein Irrweg. Insofern ist eine Besinnung auf den Kern der olympischen Idee richtig. Aber wir Deutschen sollten dabei auch eine Tonlage vermeiden, die andere zurückstößt. Wir wollen ja etwas bewegen.

Schafft das das IOC?

Das ist ein schwieriger Prozess, weil viele Diskussionen, die wir in Deutschland führen, woanders nicht geführt werden. Wir dürfen nicht immer denken, dass andere Nationen auch unsere Befindlichkeiten haben. Ich glaube schon, dass das IOC ernsthaft darüber diskutieren wird, wie künftig Olympische Spiele ausgetragen werden sollen. Mir gefällt, dass im DOSB inzwischen offen über Reformen geredet wird. Ich warne aber an manchen Punkten auch vor zu hohen Erwartungen, denn da hängt vieles miteinander zusammen. Zum Beispiel hat die Frage, an wen Fernsehrechte vergeben werden, Auswirkungen auf den Wettkampfplan der Spiele. Und jede Bewerberstadt ist förmlich gezwungen, die Bedingungen des IOC zu akzeptieren – oder es sein zu lassen.

Der Sportsenator Frank Henkel hat schon einen Kostenrahmen vorgegeben. Demnach soll die Bewerbung 50 Millionen Euro kosten und die Spiele zwei Milliarden Euro. Müssen die Kosten gedeckelt werden?

Bei den Kosten brauchen wir Transparenz. Olympische Spiele kosten Geld. Unser Vorteil ist, dass wir viele Sportstätten schon haben und keine sonstige Infrastruktur brauchen. Man geht davon aus, dass die Kosten für die Durchführung der Spiele selbst sich durch die Eintrittsgelder und das, was das IOC gibt, decken. Wir müssen aber auf jeden Fall in die Sportanlagen investieren. Dies sind nach heutigen Preisen die etwa zwei Milliarden Euro, die der Sportsenator nannte. Dann entstehen Baukosten für das olympische Dorf, die sich durch die spätere Nutzung als Wohnviertel aber refinanzieren. Und ich gehe bei einigen wichtigen Kostenfaktoren davon aus, dass sich der Bund wie in der Vergangenheit auch beteiligt.

Jede Bewerbung braucht ein olympisches Gesicht. Sind Sie das?

Die Stadt ist das Gesicht. Und für das Management brauchen wir dann eine Person mit viel Erfahrung. Das ist ja ein Fulltime-Job.

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