Nominierte Erzählung

Graphic Novel erzählt vom Leben und Leiden in Friedrichshain

Die neue Graphic Novel der Belgierin Judith Vanistendael ist in zwei Kategorien für den „Comic-Oscar“ nominiert. Ihre Geschichte spielt hauptsächlich in Friedrichshain.

Foto: privat

Es ist ein Buch über das Leben im Angesicht des Sterbens – und die Schreinerstraße in Friedrichshain spielt mit. "Als David seine Stimme verlor" ist die zweite Graphic Novel der Belgierin Judith Vanistendael und erscheint kommende Woche im deutschen Handel. Sie spielt in Berlin, wo Vanistendael während ihres Kunststudiums lebte.

Im Südwesten der Stadt segelt Judiths Freund Lutz immer im Kreis, von See zu See. "Das war ausschlaggebend für die Verortung der Geschichte, denn in Belgien geht das nicht." Doch auch andere Berliner Orte und Institutionen werden zu Comicstationen. Nicht ganz zufällig, startete Vanistendael ihre Karriere doch beim Berliner Verlag Reprodukt.

Das Boot des Freundes taucht natürlich auch im Buch auf. Ein Segelturn in Brandenburg ist der letzte große Ausflug des Protagonisten David, bevor er stirbt. David – und davon handelt die Geschichte – ist an Kehlkopfkrebs erkrankt. Wie er angesichts der Diagnose in Schweigen versinkt und seine Stimme verliert, wie seine Frau und Töchter mit ihren Ängsten umgehen, und welche Kraft das Leben trotzdem hat – davon handelt dieses Buch. Angesiedelt ist die Geschichte in einer kreativen Familie: David ist Reisebuchhändler, seine Frau Paula Grafikerin, seine Tochter aus erster Ehe Fotografin. Und Tochter Tamar ist noch ein Kind.

Autorin Vanistendael kommt regelmäßig nach Berlin

Vanistendael lässt alle vier in eigenen Kapiteln zu Wort kommen und zeigt, wie sie damit umgehen, dass ein geliebter Angehöriger todkrank ist. Die 40-Jährige weiß, worum es geht. "Der Krebs hat meine eigene Familie jahrelang verfolgt. Es ist ein Gefühl wie im Krieg." Eine nahe Verwandte starb an Krebs, ein enger Angehöriger überlebte. "Ich war sehr viel bei ihm im Krankenhaus. Auch darauf beruhen die Klinikbilder im Buch." Ihr Stiefvater erhält die Diagnose Krebs, als Judiths Sohn geboren wird, und stirbt ein Jahr darauf, zum Geburtstag des Kindes. Geburt und Tod – und der Reigen des Lebens.

Das Buch erzählt nicht Vanistendaels Geschichte, doch sind die Bilder und Emotionen sehr persönliche. Aus deutscher Sicht überraschend, wenngleich ohne politischen Kommentar, ist das Ende, Davids Aufbruch zu seiner letzten Reise. "In Belgien ist Sterbehilfe erlaubt. Es ist keine leichte Sache, aber normal", berichtet Vanistendael. "Ich wusste nicht, dass das in Deutschland verboten ist." In Belgien habe man damit gute Erfahrung gemacht. "Man kann in der Phase der Krankheit, ab der klar ist, dass es nicht mehr weitergeht, um diese Hilfe bitten. Ich habe das schon erlebt und es als ruhig und ernst empfunden. Das ist nicht hässlich. Oft finden dann die besten Gespräche zwischen Angehörigen statt."

Die skizzenhafte, frische Darstellung und das Ambiente ihrer Patchworkfamilie fußen auf Eindrücken aus zahlreichen Berlin-Aufenthalten. Denn Vanistendael kommt regelmäßig zu Besuch in die deutsche Hauptstadt, obwohl ihr Studium in Berlin Anfang der 90er-Jahre "überhaupt nicht erfolgreich war". "Ich war mit 18 Jahren einfach zu jung. Ich bin erst in Berlin erwachsen geworden." Vanistendael zog damals an die Schreinerstraße in Friedrichshain. "Die Häuser waren kaputt, auf den Straßen gab es kein Licht, es gab keine Geschäfte, keine Cafés, und viele Menschen wirkten überhaupt nicht glücklich nach dem Mauerfall. Alles war unsicher und so chaotisch wie ich."

Schauplatz Friedrichshain: "Es musste realistisch sein"

Vanistendael stammt aus Brüssel, aus einem, wie sie sagt, "bürgerlichen, reichen, künstlerischen Elternhaus". Ihr Vater Geert ist selbst Schriftsteller. Auf Berlin folgten für sie Stationen in Gent – "gegen Berlin eine kleine, weiße, niedliche, reiche Stadt" – und Sevilla, schließlich absolvierte sie die angesehene Comicschule Sint-Lukas in Brüssel. Inzwischen lebt die Künstlerin im Brüsseler Stadtteil Molenbeek. "Dort gibt es den höchsten Anteil von Migranten, vor allem aus Afrika. Ich finde es lebendig, jung und warm. Aber hübsch ist es nicht. Eher aggressiv."

Im Vergleich zu Molenbeek wirke Neukölln auf sie friedlich, sauber und großräumig. Erst im neuen Jahrtausend kam Vanistendael wieder nach Berlin. "Und da habe ich mich in die Stadt verliebt." Seitdem besucht sie regelmäßig ihre Freunde an der Schreinerstraße und trinkt "sehr gerne Kaffee oder auch Bier in den Kneipen". Der Kiez, die Fassaden, die großen Bäume und breiten Straßen, die Kinderspielplätze und das Klinikum am Friedrichshain – sie sind in ihrem Buch zu finden. "Es musste realistisch sein, etwas, das ich kenne."

Mit 26 Jahren hatte Vanistendael ihren ersten Comic begonnen, als Abschlussarbeit für Sint-Lukas und erschienen ebenfalls im Verlag Reprodukt. Der Originaltitel "De Maagd en de Neger" (Die Jungfrau und der Neger) schaffte es nicht ins Deutsche: Die Berliner machten daraus "Kafka für Anfänger". Das Buch wurde auf dem renommierten Festival International de la Bande Dessinée d'Angoulême für den Grand Prix nominiert.

Emotionen in Wasserfarbe

Auch Vanistendaels jetzt zweites Buch im Reprodukt Verlag wird bereits hoch gelobt. Mit der englischsprachigen Ausgabe wurde sie auf der größten Comicmesse der Welt, der Comic-Con in San Diego in den USA, Ende Juli in zwei Kategorien für den Eisner Award, den sogenannten Comic-Oscar, nominiert. Das Buch ist in Farbe gezeichnet, besser gesagt, in Wasserfarben gemalt. "Die Technik soll eins sein mit der Geschichte", erklärt Vanistendael. Farben konnten, wie auch die Traumsequenzen, die unausgesprochenen Emotionen und Ängste darstellen. Außerdem biete Wasserfarbe die Möglichkeit, den Sterbenden durchsichtiger werden zu lassen.

Vanistendael unterrichtet in Brüssel an der Sint-Lukas als Dozentin für Comic. Mit dem Autoren Michael de Cock arbeitet sie am zweiten Band des Kinderbuchs "Rosie und Moussa". Außerdem erscheint demnächst eine weitere Graphic Novel von ihr. Diesmal geht es um einen Leibwächter, der Politiker vor der ETA schützte und aussteigen will. Diesen Mann – Mark Bellido – hat Vanistendael bei einer Pilgerreise nach Santiago de Compostella kennengelernt.

Judith Vanistendael ist am 14. September zu Gast auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin: Um 14.30 Uhr im Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Eintritt: 8, erm. 6 Euro.

"Als David seine Stimme verlor", Reprodukt Verlag, 280 Seiten, Hardcover, 34 Euro. ISBN 978-3-943143-95-9

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