12.05.10

Asbestbelastung

ICC-Sanierung deutlich teurer als geplant

Die Sanierung des Internationalen Congress Centrums (ICC) wird viel mehr kosten als bisher geplant. 259 Millionen Euro wären nötig, um das Gebäude auf einen modernen Stand zu bringen. Das erfuhren Abgeordnete bei einem Besuch des ICC von der Messe. Zudem sei die vorgesehene Sanierung unter laufendem Betrieb technisch nicht machbar.

Von Joachim Fahrun
Foto: pa

Mit der richtigen Beleuchtung wirkt das ICC in Berlin-Charlottenburg am Abend und in der Nacht ganz ansehnlich. Über seine Zukunft wird seit Jahren heftig gestritten.

22 Bilder

Das Internationale Congress Centrum (ICC) kann bei laufendem Betrieb nicht saniert werden. Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) arbeitet an einer Senatsvorlage, die den bisher gültigen Senatsbeschluss vom Mai 2008 ersetzen soll. Wolf möchte das ICC jetzt wohl für einige Zeit schließen, umbauen und modernisieren. Die Messe rechnet mit mindestens drei Jahren ab 2013. Damit Berlin lukrative Einnahmen aus dem Kongressgeschäft nicht verloren gehen, müsste der Messe ein Ersatzbau erstellt werden. "Eine Senatsvorlage befindet sich in Abstimmung", bestätigte Wolfs Sprecher.

Die Kosten für die alten und neuen Kongressgebäude steigen damit auf mindestens 350 Millionen Euro. Bisher war von rund 120 Millionen Euro weniger die Rede gewesen. Die Sanierung des ICC wird nach derzeitigen Schätzungen 259 Millionen kosten, anstatt der im Senatsbeschluss veranschlagten 182 Millionen Euro. Ein Ersatzbau, der Jahre lang allein an die Stelle des ICC treten muss, wäre für die bisher für ein Provisorium erwarteten 50 Millionen nicht zu haben, sondern würde mehr als das Doppelte kosten.

Ob und wann Berlin diese Lasten finanzieren kann, ist völlig offen. Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) nennt das ICC nicht mehr unter den Prioritäten der Koalition für Investitionsprojekte. Sicher ist nur, dass die nach jahrelanger Diskussion und vier ingenieurtechnischen Gutachten erreichte Beschlusslage von 2008 auf falschen Voraussetzungen beruht.

Anders als noch vor zwei Jahren eingeschätzt, ist die Technik des Riesen hinter der Alu-Fassade so angelegt, dass Arbeiten nicht bauabschnittsweise ausgeführt werden können. So war zu erfahren, dass die Umluftleitungen und die Sprinkleranlagen so konzipiert sind, dass man sie nicht abklemmen kann, ohne das ganze System stillzulegen. "Es sieht so aus, dass an den Einwänden der Messe etwas dran ist", sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Frank Jahnke. Bisher hat vor allem die SPD die Vorschläge der Messe und ihres Chefs Raimund Hosch mit großem Argwohn betrachtet.

Die SPD hatte lange darum gekämpft, das ICC zu erhalten und den vor Jahren als Alternative diskutierten Abriss zu verhindern. Mit dem Plan, das Gebäude bei laufendem Betrieb zu sanieren, wurde ein Kompromiss mit dem eher skeptischen Koalitionspartner von der Linken gefunden. Wie sich jetzt herausstellt, ist dieser politische Beschluss nicht sachgerecht gewesen.

Ein Ersatzbau muss nun deutlich größer werden als die bisher angenommenen 20.000 Quadratmeter, die die nur aus Teilen des ICC ausgesperrten Kongressbesucher hätten aufnehmen können. Statt 50 Millionen Euro würde ein Bau als Komplettersatz nun 110 Millionen kosten, erfuhr eine Gruppe von Sozialdemokraten jüngst bei einer ICC-Besichtigung.

Dort erläuterte die Messe auch, warum die Sanierung deutlich mehr kostet. Zunächst hatten die Ingenieure nur sechs Millionen Euro zur Entsorgung von Asbestplatten eingerechnet. Später entdeckten Spezialisten aber im Gebäude auch mit Mineralstoffen versetzten Zement. Der soll zwar nicht so gefährlich sein wie Asbest, sei aber doch "lungengängig", greife also Atemwege an, wenn das Material bewegt wird.

Diese Altlasten fachgerecht zu entfernen, wird nun auf 65 Millionen Euro veranschlagt. Außerdem verteuern die Vorschriften der Energieeinsparverordnung die Sanierung um noch einmal 17,5 Millionen Euro. In der Summe werden die bisher genannten 182 Millionen Euro um fast 80 Millionen Euro überschritten.

In der Berliner Politik will sich bisher niemand für die bisherigen Fehlplanungen verantwortlich zeigen. Die Messe, die die hohen Betriebskosten des ICC loswerden will, verweist auf die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für den Bau zuständig sei. Im Hause der Senatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) wiederum bestreitet ihr Sprecher, dass es überhaupt schon neue Kostenkalkulationen gebe. Die Messe habe ihren Bedarf für neue Räume noch immer nicht dargestellt. Die Messe GmbH sagt jedoch, sie habe schon "Berge von Papier" beim Senat abgeliefert.

Die Abgeordneten sind derweil ratlos. Der Abgeordnete Jörg Stroedter (SPD) schlägt vor, die Schließungszeit auf ein Jahr zu begrenzen, die Arbeiten, die das ganze Haus betreffen zu leisten und danach schrittweise weiterzumachen.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Papua-Neuguinea Vulkan spuckt Feuer, Asche und Gestein
Germanwings Viele Verspätungen durch den Piloten-Streik
Zweites Baby Shakira ist schon wieder schwanger
Uefa-Auszeichnung Cristiano Ronaldo ist Europas Fußballer des Jahres
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Hochzeit in Frankreich

Pitt und Jolie sind verliebt, verlobt – und verhei…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote