Anwältin

Berlinerin Seyran Ates erhält das Bundesverdienstkreuz

Seit Jahrzehnten kämpft Seyran Ates für die Rechte türkischer Frauen – jahrelang wurde sie bedroht, sogar angeschossen. Trotzdem machte die Berlinerin weiter und bekommt nun das Bundesverdienstkreuz.

Foto: Jörg Carstensen / picture-alliance / dpa

Seyran Ates musste immer an zwei Fronten kämpfen – und im Herbst 1984 an einer dieser Fronten sogar um ihr Leben fürchten: Die 21 Jahre alte Jura-Studentin arbeitet damals in Kreuzberg in einem Beratungszentrum für türkische Frauen. Eine türkische Besucherin, die kein Deutsch versteht, will sich an jenem 25. September ein Schreiben des Arbeitsamtes vorlesen lassen. Ates will helfen. Dann betritt ein Mann den Treffpunkt, zieht eine Pistole und schießt um sich. Die arglose Besucherin, Fatma E., stirbt. Seyran Ates kann sich gerade noch zu Boden werfen. Eine Kugel trifft sie dennoch und verletzt sie schwer. Ates überlebt das Attentat. Es war – dessen ist sie sich noch heute sicher – "eine Strafaktion gegen die Rechte der türkischen Frauen".

Seit diesem Tag hat Seyran Ates einen neuen Begleiter in ihrem Leben: die permanente Angst, dass wieder ein Mann aus ihrem Geburtsland, der Türkei, kommen könnte und ihr nach dem Leben trachtet. Weil sie sich für Freiheit und für die Selbstbestimmung der Frau einsetzt. Weil sie gegen ein patriarchales Rollenverständnis kämpft, gegen Zwangsheiraten, gegen "Ehrenmorde" und gegen häusliche Gewalt. Weil sie ihre Stimme erhebt, wenn einige Männer ihres Herkunftslandes ein Rollenverständnis propagieren, in dem nur Männer das Sagen haben, während Frauen ihre Existenzberechtigung verlieren, wenn sie die Wünsche der Männer nicht mehr erfüllen wollen.

An der zweiten Front, an der Seyran Ates sich Zeit ihres Lebens abgearbeitet hat, hat sie zwar keine körplichen Verletzungen erfahren. Manches hat aber doch weh getan. Etwa, wenn die heute 51 Jahre alte deutsche Staatsbürgerin, die seit ihrem sechsten Lebensjahr in Berlin wohnt und sogar ihren türkischen Pass zurückgegeben hat, noch immer oft gefragt wird, wann sie denn mal wieder "in ihre Heimat" fährt. "Aber meine Heimat ist hier", sagt Seyran Ates dann. Sie zeigt es selten. Aber zumindest innerlich wird sie bei der Frage immer noch sauer. Vor ihren deutschen Landsleuten muss sie zwar keine Angst haben. Allzu oft wurde ihr wegen ihres türkischen Namens und ihres Aussehens aber das Gefühl vermittelt, in Deutschland eher belächelt, manchmal sogar bemitleidet, selten aber wie selbstverständlich als Mitglied dieser Gesellschaft anerkannt zu werden.

Berlinerin hat fünf Bücher geschrieben

Das begann schon in der Grundschule. Die Lehrer bescheinigten ihr, die aus ihrem Geburtsland, der Türkei, erst kurz zuvor nach Berlin gekommen war, zwar schnell keinerlei Probleme mit der deutschen Sprache zu haben. In der sechsten Klasse war sie sogar die Beste ihres Jahrgangs. In den Augen ihrer Mitschüler und vor allem der Lehrer sei sie aber trotzdem immer "die kleine Türkin" geblieben.

Mittlerweile hat Seyran Ates fünf Bücher geschrieben, Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sie ab 2006 immer wieder als Teilnehmerin der Islamkonferenz eingeladen, sie ist in Talkshows aufgetreten und hat unzähligen Journalisten Interviews gegeben. Wenn Bundespräsident Joachim Gauck ihr am Donnerstag das Bundesverdienstkreuz verleiht, wird sie also niemand mehr als "die kleine Türkin" belächeln. Seyran Ates sagt zu der Auszeichnung: "Das bedeutet mir sehr viel und macht mich ungeheuer stolz."

Ates' liebenswerte, fast schon kindliche Herzlichkeit

Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes, die sich trotz ihrer öffentlichen Rolle und der vielen Anfeindungen, die sie von verschiedenen Seiten hat hinnehmen müssen, eine äußerst liebenswerte, fast schon kindliche Herzlichkeit bewahrt hat, wurde 1963 in Istanbul geboren. Als sie sechs Jahre alt war, folgte sie ihrem kurdischen Vater und ihrer türkischen Mutter in die fremde neue Heimat – nach Berlin. Die siebenköpfige Familie lebte zunächst in einer kleinen Wohnung an der Liebenwalder Straße in Wedding. Die Eltern, so beschreibt Ates es in ihrem autobiografischen Buch "Große Reise ins Feuer", halten nicht viel von den Deutschen. Sie hätten keine Moral, tränken ständig Alkohol, und die Frauen machten, was sie wollen. Seyran, so die Botschaft, solle sich bloß von ihnen fernhalten. Sie soll ihren Vater und die Brüder bedienen – und später einen türkischen Mann heiraten, den selbstverständlich die Eltern aussuchen wollen. Doch Seyran will sich nicht von den Deutschen fernhalten – schon gar nicht will sie den Erwartungen ihrer Familie gerecht werden. Sie streitet sich mit ihren Eltern. In der Schule organisiert sie Demos und Streiks, eine Lehrerin bescheinigt ihr, "schlau, neugierig und rebellisch" zu sein.

Als sie 17 Jahre alt ist, bricht sie mit ihrer Familie – und verlässt ihr Elternhaus. Die "Große Reise ins Feuer" (Seyran heißt "Abenteuer"; Ates bedeutet "Feuer") führt sie in die Studentenbewegung. Ates engagiert sich als Frauenrechtlerin, wohnt in besetzten Häusern – und versteckt sich vor ihrer Familie, weil sie fürchtet, für die "Beschmutzung der Familienehre" zur Rechenschaft gezogen zu werden. Mit der Familie versöhnt sie sich Jahre später. Wegen ihres Engagements für die Rechte türkischer Frauen muss sie dennoch weiter um ihr Leben fürchten. Im Juni 2006 wird die examinierte Rechtsanwältin am U-Bahnhof Möckernbrücke von dem Ex-Mann einer Mandantin bedroht. Die Erinnerungen an das Attentat kommen wieder hoch – und Ates gibt aus Angst vor weiteren Angriffen sogar ihre Zulassung als Anwältin zurück. Später zieht sie sich sogar ganz aus der Öffentlichkeit zurück.

Ates kämpft weiter für die Frauenrechte

Längst aber ist sie zurück – als Anwältin kämpft sie weiter für Frauenrechte. Als Autorin mahnt sie mal mehr Ehrlichkeit in der Integrationspolitik an ("Der Multi-Kulti-Irrtum"). Dann prangert sie die Rückständigkeit vieler Angehöriger ihrer türkisch-muslimischen Herkunftskultur an ("Der Islam braucht eine sexuelle Revolution"). Seyran Ates ist nicht verbittert. Im Gegenteil: Sie wirkt lebenslustig. Wenn sie über ihr Engagement spricht, sagt sie, dass vieles sich zum Besseren gewendet habe. Probleme wie Zwangsehen, "Ehrenmorde" und häusliche Gewalt würden nicht mehr tabuisiert. Viele Deutsche hätten akzeptiert, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei und man diese Einwanderung nicht verhindern, sondern gestalten müsse. "Vielleicht habe ich ja selbst ein wenig daran mitgewirkt, dass die Wahrnehmungen sich geändert haben", sagt Ates.

Ein bisschen stolz klingt sie schon.

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