08.04.10

Tiere in der Stadt

Berlin ist die wahre Großstadt-Wildnis

Ist die Zivilisation die bessere Wildnis? Es scheint so. Denn in Berln gibt es nicht nur so viele Ratten wie Menschen. Fuchs, Wildschwein und Nachtigall sind hier zu Hause, es gibt so viele Vogelarten wie in ganz Bayern. München übertrumpft die Hauptstadt mit ihrer Vogelvielfalt bei Weitem.

Von Tanja Laninger
Foto: "Wilde Tier in der Stadt"/Florian Möllers

Berlin bietet viel Raum für Wildtiere. Auf ihren Spuren ist der Fotograf Florain Möllers gewandelt und hat jetzt den Bildband "Wilde Tiere in der Stadt" veröffentlicht. Wildschweine haben ihre Scheu vor den Menschen längst verloren.

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Berlin ist wild – Berlin ist grün. Nur ein Viertel der 890 Quadratkilometer Stadtfläche ist bebaut. Der Waldanteil liegt bei 18 Prozent, dazu kommen Flüsse, Kanäle und Seen. Viel Raum für Natur und damit viel Raum für Wildtiere. Auf ihren Spuren ist der Fotograf Florian Möllers gewandelt und hat jetzt einen Bildband veröffentlicht . Dass wir eine Wildschweinplage haben, ist bekannt; dass Fuchs und Hase sich mitten auf dem Alexanderplatz Gute Nacht, Guten Morgen und Guten Tag wünschen, ebenso. Und so trumpft Professor Dr. Josef H. Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung München in seinem Vorwort mit der Information auf, dass Berlin die Hauptstadt der Nachtigallen ist – was wir ab Mai und im Juni wieder hören werden. Dann singen mehr als tausend Männchen im ganzen Stadtgebiet. Zum Vergleich: Man muss ganz Bayern abfahren, um auf eine ähnliche Zahl zu kommen – und in München, da hört man keine einzige Nachtigall. Auf noch einen Berliner Rekord verweist Reichholf: Mit 140 Brutvogelarten übertrifft Berlin so gut wie alle deutschen Naturschutzgebiete. Und zwei Drittel aller Vogelarten, die zwischen Nord- und Ostsee sowie den Alpen vorkommen, findet man in Berlin. Hobby-Ornithologe können im Urlaub zu Hause an der Spree bleiben – zumal hier der Zugang zum Tier, anders als in den Naturgebieten, kaum eingeschränkt ist.

Auch die Masse macht's.

Reichholf rechnet mit einer Population von zehn Millionen Vögeln. Anders ausgedrückt: Auf jeden der dreieinhalb Millionen Menschen in Berlin kommt ein Vogelpaar, die Jungvögel noch ausgeschlossen. Wobei man hinzufügen muss, dass Hamburg noch mehr Arten aufweisen kann: Dort kommen die Küstenvögel hinzu. Mitnichten also, folgert Reichholf, seien Großstädte das Ende der Natur.

Vögel sind als Großstadtbewohner am besten untersucht. Gleichwohl fallen auch nachtaktive Säugetiere auf, wie Wildschweine, die in den Außenbezirken die Vorgärten umgraben, Friedhöfe stürmen und ihre Wurfkessel auf Spielplätzen bauen. Die Füchse haben Berlin in 1800 bis 1900 Reviere aufgeteilt. Die Kanzlerin und der Bundespräsident haben ihren eigenen Fuchs; andere haben sich in Rohbauten einquartiert. Bei Ratten gilt laut Reichholf die Faustregel: Jeder Einwohner ernährt mindestens eine.

Der Mensch und sein Müll lockten die Tiere in die Stadt. Außerdem fühlen sie sich hier sicherer als auf dem Land, wo sie bejagt und scheu gehalten werden. Anders der Städter, der meist noch Futter mitbringt. Er hat den Tieren zudem mit Gebäuden, Gärten und Parks verschiedenste Aufenthaltsmöglichkeiten geschaffen.

Die Nachtigall hat nicht als einzige ihren Hauptwohnsitz in Berlin. Auch unter Wildschweinen ist Berlin die Nummer eins: Mehrere Tausend Exemplare leben hier von Komposthaufen, Grünabfällen und Müll und profitieren von der Jagdruhe, die im Siedlungsraum herrscht. Was Berlin unvergleichlich attraktiv macht, sind die unbebauten 75 Prozent der Stadtfläche. Hinzu kommt ein Netz verschiedener Grünflächen, die ideale Verstecke bieten, ruhige Orte zur Aufzucht von Jungen und Fluchtwege.

Einer von mehr als 50 Waschbären lebt in einem Parkhaus am Alexanderplatz; dazu kommen Steinmarder, Krähen und Tauben, Kammmolche, Gottesanbeterinnen und Mandarinenten sowie rund 300 Igel pro Quadratkilometer. Blicken wir mit Florian Möllers eine kleine Ewigkeit zurück, so zählen Wollnashörner und mächtige Elefanten zu den Tieren, die vor 120-000 Jahren das Gebiet der heutigen Hauptstadt durchstreiften. Fossilienfunde auf dem sogenannten Rixdorfer Horizont in Neukölln förderten außerdem Mammute zutage, Rentiere und Höhlenlöwen. Die frühesten Belege für menschliche Aktivitäten sind nur halb so alt. Sie stammen aus der Altsteinzeit um 60.000 vor Christus. Wildtiere sind nicht neu, sie waren die ersten.

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