04.10.09

Tierpräparation

Sagen Sie niemals ausgestopft!

Der Berliner Ingo Kopmann ist Tierpräparator. Einer der besten seiner Zunft. Seine toten Tiere sieht man in Theaterproduktionen, in Hollywoodfilmen - und manchmal auch in den Wohnungen einsamer Singles. Morgenpost Online erzählt er, warum er Waldi und Co. zu ewigem Leben verhilft.

Von Eva Sudholt
Foto: Akhtar
Tierpräparator Ingo Kopmann mit einem fertigen Riesen-Tukan
Tierpräparator Ingo Kopmann mit einem fertigen Riesen-Tukan

Irgendwann ist Schluss. Ende, aus, vorbei. "Das gehört doch zum Leben dazu, oder nicht?" Ingo Kopmann steckt sich ein großes Stück Streuselkuchen in den Mund und spült mit einem Schluck Milchkaffee nach. "Aber die Leute können nicht loslassen", sagt Kopmann und wischt sich mit dem Handrücken ein paar Krümel aus dem Gesicht. Oft merkten sie erst hinterher, wenn er mit seiner Arbeit fertig sei, dass man niemanden von drüben zurückholen kann. "Und dann fängt die Trauer an."

Ingo Kopmann ist 50 Jahre alt, ein praktischer, pragmatischer und freundlicher Mann. Unsentimental, aber herzlich. Über manche Kunden schüttelt er nur noch den Kopf, und von dieser Sorte, sagt Kopmann, "bei der man sich ernsthaft fragt, ob man nicht besser die Psychiatrie anruft", gäbe es immer mehr. "Nicht unsympathisch", sagt Dirk Stoewe und setzt sich auf einen Klappstuhl neben seinen Chef. "Intelligent und äußerlich völlig normal", aber irgendwas da oben, sagt Stoewe und tippt mit zwei Fingern gegen seine Stirn, sei nicht ganz richtig gepolt. Meistens erfüllen Kopmann und sein Mitarbeiter dann doch jeden Wunsch, erledigen ihren Job und denken nicht weiter drüber nach.

Und dann gibt es Menschen wie die kleine, alte Frau, die neulich in Kopmanns Werkstatt kam. Die sich nur zu diesem Schritt entschied, weil alle, die sie früher dafür verspottet hätten, mittlerweile gestorben waren. Die kleine Dame rührte den großen Mann. Und dann tat er das, was zu tun war, um den kleinen weißen West Highland Terrier auf die Ewigkeit vorzubereiten: Haut abziehen, Kopf auskochen, Fell in Spiritus einlegen. Und dann wieder so zusammensetzen, dass die kleine, alte Frau ihren Hund wieder erkennt.

Der Tierpräparator Ingo Kopmann ist einer der besten seiner Branche, Vize-Europameister sogar. Seit 1981 betreibt er seine "Berliner Präparationswerkstatt". 1989 erreichte er den ersten und zweiten Platz beim Wettbewerb des deutschen Präparatorenverbandes. Im Juni 2002 belegte er bei der Europameisterschaft der Tierpräparatoren in Italien zweimal den zweiten und zweimal den dritten Platz.

In seinem Atelier, einer kleinen Werkstatt am nördlichen Rand von Charlottenburg, erinnert nichts daran, wie unschön ein Großteil von Kopmanns Arbeit ist. Hier sieht man nur das Ergebnis. Und einen etwas unaufgeräumten, aber einladenden Arbeitsraum. Ein prachtvoller, bunter Papagei sitzt am Eingang auf einem Ast, daneben drei ausgestopfte Hasen und ein junges hübsches Kalb, das anmutig auf dem Boden liegt und mit großen braunen Glasaugen ins Nirgendwo blickt.

Ausgestopft. Hagen Schulz-Hanke geht an die Decke, wenn er das Wort hört. "Immer sagen alle 'ausgestopft'!" Hagen Schulz-Hanke ist Vorsitzender des Verbands deutscher Präparatoren und kriegt äußerst schlechte Laune, wenn die Leute ihn mit Vorurteilen nerven. "Der Beruf heißt Präparator, nicht Ausstopfer", sagt er. Ob wir uns denn im Mittelalter befänden oder wie, und ob man denn einen Fotografen auch als Knipser bezeichnen würde oder Rembrandt als Anstreicher. Immer wieder würde er gefragt, ob das nicht ein ekliger Beruf sei, dieses Ausstopfen, mit viel Blut und Innereien und so. "Ich würde sagen, es ist ein ästhetischer Beruf", sagt Schulz-Hanke. "Mit Blut hat die Arbeit gar nichts zu tun. Wenn man die Haut abzieht, sind da nur Muskeln, sonst nichts."

In Schulz-Hankes Verband sind neben medizinischen und geowissenschaftlichen Präparatoren auch die Tierpräparatoren organisiert. Ingo Kopmann ist einer von rund 500 in ganz Deutschland. Ein seltener Beruf, aber die Zahl bleibt in etwa konstant. Viele von ihnen treffen sich einmal im Jahr zu einer Tagung, um sich über neue Präparationstechniken zu informieren.

Die Arbeit mit den Hunden und Katzen und den sentimentalen Besitzern macht nur einen kleinen Teil von Kopmanns Geschäft aus. Hauptsächlich arbeitet er für Fernseh- und Kinofilme. Früher hat er auch mal Stücke der Berliner Mauer in transparente Kunststoffwürfel eingearbeitet, für Leute, die die Mauerstücke als Mitbringsel für Geschäftsfreunde in Amerika mitnehmen wollten, aber die nackten Betonstücke nicht in die USA einführen durften. Heute versorgt Kopmann die kleinen deutschen Serien - "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Unser Charly", "Doctor's Diary" - und die großen amerikanischen Produktionen in Babelsberg mit toten Tieren. Zuletzt hat er für Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" explodierende Tauben gebastelt. Und zwar so, dass die herumfliegenden Einzelteile niemanden verletzen konnten. Statt mit Draht und Metallstücken stopfte er die Tiere mit weichem Material wie Federn und Wolle aus.

Die toten Tiere kauft Kopmann in Zoos überall in Europa ein. "Stellen Sie sich ein Kotelett vor", sagt er. "Wenn Sie das von Italien nach Deutschland transportieren wollen, dann fahren Sie ja nicht das rohe Stück Fleisch durch die Gegend. Was machen Sie also?" Kühlen. "Zu teuer, Sie braten es." Braten heißt in diesem Fall Bearbeiten, haltbar machen, also Fell abziehen, Kopf auskochen und dann nur mit dem Mantel nach Deutschland zurück. Wenn er zum Beispiel einen Löwen kaufe, dann müsste er ja ein Vermögen für einen Kühlcontainer ausgeben, um das Tier frisch zu halten. "Man gewöhnt sich zwar an die Arbeit", sagt er, "aber meine Sinne funktionieren noch ganz gut. Dieser Gestank, wenn ein Tier zu lange liegt, das ist wirklich bestialisch."

Einen Löwen kriegt er für rund 1200 Euro, je nachdem, wie gut das Fell in Schuss ist, ob es Krankheiten gab, wie groß das Tier ist. Männchen kosten mehr wegen der Mähne, die Weibchen sehen einfach nicht so spektakulär aus. Bei den Greifvögeln ist es andersherum, da sind die Weibchen größer und dadurch wertvoller.

Früher hat Kopmann viel fürs Theater gemacht. Und was nichts alles, "sprechende Löwen, onanierende Ratten im Rollstuhl, in einem Stück wurde auf der Bühne pro Vorstellung ein Huhn gerupft und getötet", sagt Kopmann. "110 Hühner mussten wir vorbereiten, da haben wir echt im Akkord geschuftet." Unterhalb des Kopfes brachte Kopmann einen Beutel an, aus dem das Blut spritzte, wenn der Schauspieler dem Huhn den Hals umdrehte. Überhaupt ging es auf der Bühne immer ziemlich drastisch zu, vor allem, als es noch die Freie Volksbühne gab. "Hans Neuenfels wollte immer nackte Frauen, viel Blut und tote Tiere", sagt Kopmann, "die hab ich ihm geliefert. Die Tiere, meine ich."

Einen seiner ersten Filme hat Kopmann mit Otto Waalkes gedreht, "Otto - Der Film". Von Kopmann ist der weiße Hase, der mit den Ohren wackelt, und die Katze, die Otto aus Versehen in der Mikrowelle kocht. Und die Katze, die Otto dann aus Hackfleisch formt, um den Unfall vor dem Besitzer zu vertuschen. Das Hackfleisch war Pappmaschee, rot eingefärbt.

Eine unscheinbare runde Plastikbox, aus der früher mal Kaubonbons verkauft wurden, die Sorte, wie sie beim Bäcker auf dem Tresen stehen, steht nun auf einer von Kopmanns Kühltruhen. Bis zum Rand ist sie mit Spiritus gefüllt, darin liegt das Fell eines Fuchskusu. Dirk Stoewe zieht das Fell ein Stück heraus, "riecht nach nichts", sagt er. Nur der beißende Geruch des Spiritus erfüllt den Raum. Wofür sie das Tier brauchen, wissen sie noch nicht. Manchmal verkaufen sie auch die Felle an Präparatoren in anderen Ländern weiter, nach Frankreich zum Beispiel, wo die Tiere teurer zu kaufen sind.

Auf dem staubigen Boden steht ein unscheinbarer Einkochautomat. "Andere kochen darin Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt", sagt Kopmann. "Ich koche darin Tierköpfe." Bei all dem Schnippeln, Skalpieren und Gerben, dem täglichen Hantieren mit toten Tieren konnte sich Kopmann an eines nie gewöhnen: diese komischen Wünsche seine Kunden. Sich ein totes Haustier in die Wohnung zu stellen, niemals! Auch Hagen Schulz-Hanke vom Verband deutscher Präparatoren kann der Marotte nichts abgewinnen. "Die Menschen haben sich ja schon immer aus der Natur bedient, um sich selbst oder ihre Häuser zu schmücken, da finde ich gar nichts bei", sagt er. "Aber mit dem eigenen Haustier hat so ein Präparat wirklich nichts mehr gemein. Der treue Blick, das Schwanzwedeln, die Wärme, das kriegt man natürlich nicht zurück."

Vielen reicht das präparierte vulgo ausgestopfte Tier nicht einmal. Neulich hatte Kopmann ein Paar in seiner Werkstatt, "nette Leute!", die in ihrem Ehebett immer mit ihrer Schlange geschlafen hatten. Nun war sie tot. Und Kopmann sollte ihnen den Bettgefährten wiedergeben. Oder die Frau mit den zwei Bulldoggen, die nicht nur die ausgestopften Tiere wollte, sondern dazu noch das Skelett, das sie sich an die Wand hing, und die Eingeweide, die sie sich in einem Glas auf den Fernseher stellte. Den beiden Tieren setzte sie Mützchen auf und zog sie an und schmückte sie auf sonst wie bizarre Weise.

"Es gibt zu viele Singles in Berlin", sagt Kopmanns Mitarbeiter Dirk Stoewe. Und überhaupt, in der Großstadt haben die Menschen einen anderen Bezug zu ihren Tieren. Auf dem Land ist ein Tier noch ein Tier, und wenn es tot ist, ist es tot. "Statt einem Partner legen sich die Leute hier ein Haustier zu", sagt Stoewe. Und dann sei es genau wie in diesem Lied von Peter Fox. "Jeder hat 'nen Hund, aber keinen zum Reden", singt er in einem seiner Lieder über Berlin. Doch ein Tier ist ein Tier, sagt Ingo Kopmann. Und irgendwann ist Ende, das muss man akzeptieren.

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