14.07.13

Tennis

Sabine Lisicki – eine Frau nach dem Aufschlag in ein neues Leben

Nach dem Wimbledon-Finale beginnt für die Berliner Tennisheldin ein neuer Lebensabschnitt. Wir sind mit ihr spazieren gegangen – und haben einen Menschen kennengelernt, der immer an sich geglaubt hat.

Von Philip Volkmann-Schluck und Lorenz Vossen
Foto: Martin U. K. Lengemann

Das Wimbledon-Finale hat Sabine Lisicki verloren – ihr Lächeln nicht. Und von ihrem Ziel, die Nummer Eins der Tenniswelt zu werden, rückt sie weniger ab denn je
Das Wimbledon-Finale hat Sabine Lisicki verloren – ihr Lächeln nicht. Und von ihrem Ziel, die Nummer Eins der Tenniswelt zu werden, rückt sie weniger ab denn je

Man denkt nicht an Tennis, man will nur reinbeißen. Roter Zucker, kalte Vanille, das Beste zum Schluss: ein Stil aus Kaugummi. Brüllend süß ist dieses Eis mit dem seltsamen Namen "Bum Bum", das 1986 auf den Markt kam. Wer zu dieser Zeit ein Kind war, hat in den Sommerferien darum gebettelt. Aber warum es so heißt, haben viele vergessen. Ein junger Mann hatte das Tennisturnier in Wimbledon gewonnen. Danach war die Welt nicht mehr die gleiche. Die Fans nannten ihn "Bumm Bumm Boris", für sein Serve-and-Volley-Spiel. Wenig später kam das knallrote Eis auf den Markt.

Neue Geburt

Damals, nach dem Sieg, besuchte der Bundespräsident das Aktuelle Sportstudio. Boris Becker, der Gewinner, sagte, er sei zweimal geboren worden: Einmal, als der zur Welt kam. Und einmal, als er Wimbledon gewann.

Ein weiches Sofa in der Lobby des Waldorf Astoria. Ein Hotel, das wieder Glanz in den alten Westen bringt. Hier treffen wir uns mit Sabine Lisicki. "Bumm Bumm Bine" nennen sie Fans. Sie mag den Namen. Damit ist der Bezug zu Boris Becker klar und auch die Erwartung: Sie wollen den Glanz aus vergangenen Tennis-Zeiten zurück. Zwar hat Lisicki im Finale verloren, aber zuvor hat sie die beste Tennisspielerin der Welt geschlagen. Sie, die Nummer 24 der Weltrangliste, gegen Serena Williams, die Nummer eins der Weltrangliste. Im Sport ist das wie eine neue Geburt. Aber was hat sie davon mitbekommen?

"Sabine". Sie streckt ihre Hand aus und lächelt. Wir werden nicht alleine spazieren gehen, wir haben auch nicht viel Zeit. Sechs Stunden lang wird sie an diesem Tag Interviews geben. Drei Betreuer kommen mit, als wir rausgehen. Vor zwei Jahren war Lisicki schon einmal mit der Morgenpost spazieren, nachdem sie das Viertelfinale von Wimbledon erreicht hatte. Damals kam nur ein Betreuer mit.

Aura der Siegerin

Es tut gut, neben ihr zu gehen, in der Aura einer Siegerin. Ihr knallrotes Jackett leuchtet auf dem Kudamm. Man denkt, dass nun Fans auf sie stürzen, aber das bleibt erst mal aus. Unsere Kolonne schreckt vermutlich ab. Eine unnatürliche Situation, gewiss, aber für Lisicki wohl nicht ungewohnt. Alleine ist sie ja fast nur auf dem Platz. Ihre Familie ist auf den Turnieren dabei, ihr Vater hat sie jahrelang trainiert. Sie sagt, es gebe Spieler, die vor einem Match gerne für sich seien. "Ich bin es nicht."

Seit 16 Jahren spielt sie Tennis. Das sind etwa 70 Prozent ihres Lebens, die Zahl entspricht der Quote, mit der Lisicki ihren gefürchteten ersten Aufschlag ins Feld bringt. 16 Jahre, das ist die halbe Kindheit und die ganze Jugend.

Etwas alleine war sie vor dem Finale in Wembley dann aber doch, wenn auch nur kurz. In der Kabine. Am Anfang des Turniers nutzten sie 128 Spielerinnen. Da sei man kaum durchgekommen durch das Gewusel, sagt Lisicki. Ihre Stimme kiekst vergnügt, wenn sie das erzählt. Zum Ende des Turniers wurde es immer leerer, die Gegnerinnen schieden aus. Bis nur Lisicki blieb. Ihre Gegnerin Marion Bartoli zog sich nebenan um in einer Kabine, die den 16 weltbesten Spielerinnen vorbehalten ist. Die leere Kabine in Wimbledon sei eine neue Erfahrung gewesen, sagt Lisicki. "Daran muss man sich erst gewöhnen."

Im Café bleibt es ruhig

Wir gehen an einem der Schmuddel-Läden auf dem Kudamm vorbei, dann will uns ein Mann ein Flugblatt für ein billiges Restaurant in die Hand drücken. Lisicki scheint ihn nicht mal zu sehen. Auf dem Platz kann sie ausblenden, was stört. Vielleicht auch jetzt. Sie geht ruhig, als Spaziergängerin ist sie nicht das Energiebündel wie im Spiel. Gut, dass wir das Café Kranzler erreichen. Unsere Prozession passt kaum in den Fahrstuhl. Auch im Café bleibt es ruhig. Ein Ehepaar fragt nur, ob sie im Bild seien wenn sie sich an den Tisch nebenan setzen.

Lisicki steht auf dem Balkon, sie lächelt in die Kamera. So, wie sie vorher auch gelächelt hat. Sie wäre eine fantastische Werbeträgerin für das knallrote "Bum Bum"-Eis. Aber Sportler wie sie essen ohnehin eher Kohlenhydrate und Obst. Sie esse wirklich sehr gerne Obst, sagt sie. Bei solchen Sätzen versucht man in ihrem Gesicht eine Sehnsucht zu entdecken, vielleicht nach einem Leben mit weniger Disziplin. Aber diese Sehnsucht findet man zumindest bei dieser flüchtigen Begegnung nicht.

Ihr Lächeln, so scheint es, wiederholt immer wieder diesen Satz: "Ich liebe Tennis so sehr."

Die nächsten Turniere warten

Ihr neues Leben nach Wimbledon, nennen wir es mal so, startet ohne größeren Einschnitt: Drei Tage Pause. Dem Körper etwas Ruhe gönnen. Dann trainiert sie wieder. Die nächsten Turniere warten. Mehr als zehn Tage könne sie unmöglich aussetzen. Sie treffe den Ball nicht mehr richtig, ihr Gefühl gehe verloren. "Es ist sehr mühsam, das wieder zurückzubekommen."

Zwei Tage nach dem Finale war Lisicki in Berlin-Tegel gelandet. Da hat sie ein Foto gemacht mit dem Handy, über das sie gerne redet. Als sie durch den Gang vom Flugzeug zur Ausgangshalle lief, schauten all diese Menschen sie durch eine Glasscheibe an. Sie jubelten ihr zu, machten Fotos, drückten ihre Hände an die Scheibe. So viele Menschen, sagt sie, habe sie nicht erwartet. Das habe sie schon ziemlich beeindruckt. Vielleicht wird das im Rückblick eines jener Bilder, das sie verbinden wird mit dem bisher größten Schritt ihrer Karriere: begeisterte Menschen hinter einer Glasscheibe.

"Ich weiß, dass ich nun ein Vorbild bin", sagt sie. Das sei merkwürdig, weil sie doch selbst hoch geschaut habe zu Anderen. Nun trifft sie Mädchen, die ihr sagen dass sie ihre Haare so tragen wie sie. Und, was sie freut: Dass sie mit Tennis angefangen haben. Sie sagt: "Ich will ein gutes Vorbild sein." Zertrümmerte Schläger, lautes Fluchen, das kennt man nicht von ihr.

Was ist mit "Binchen"?

In ihrem Heimatverein Rot-Weiß in Grunewald heißt sie bei Mitgliedern noch "Binchen." Die kennen sie noch als das 13-Jährige Mädchen mit braunen Haaren, das immer gewinnen wollte. Fühlt sie sich denn manchmal noch wie "Binchen"? Sie gibt eine typische Lisicki-Antwort. "Ich heiße Bine. Und Binchen ist eben die Verniedlichungsform."

Eine Antwort wie ein Return. Man will den Ball zurückspielen, mit einer weiteren Frage. Doch es ist schwer, ihn übers Netz zu kriegen. Aber mal ehrlich: wer will dieser blühenden 23-Jährigen übel nehmen, dass sie der Presse wenig private Geschichten erzählt?

In diesen Tagen hat sie wieder in ihrem Kinderzimmer in Hohenschönhausen geschlafen. Diese Wohnung ist zum Symbol für ihre Verbundenheit zu Berlin geworden und für die Bodenständigkeit der Familie. Aber man darf nicht vergessen, dass sie kaum dort ist. 35 Wochen auf Tour im Jahr, das Training in Florida. Viel verändert habe sich in ihrem Zimmer nicht in den vergangenen Jahren. Es neu einzurichten, so wie es junge Erwachsene irgendwann tun, dafür habe sie nicht die Zeit. Aber ein größerer Schrank sei dazu gekommen. Für die vielen Klamotten ihres Sponsors.

Frei von großen Bildern

Zurück auf dem Kudamm. Der Zeitplan lässt nur eine kurze Runde zu. Wir kommen an einer Familie dabei, der Vater deutet auf uns und sagt seinen Kindern: "Das ist Sabine Lisicki."

Ob sich die Kinder später an sie erinnern werden? Der Tag, an dem Boris Becker sogar zum zweiten Mal in Wimbledon gewann, ist etwa so wie der Tag der Rede von John F. Kennedy vor dem Schöneberger Rathaus. Wer ihn erlebt hat, weiß, wo er war, als es passierte. Eine typische Geschichte geht so: Als Kind hat man im Garten gespielt, als der Vater ins Wohnzimmer rief. Die Stimme des Kommentators klang aus dem Fernseher, als würde er im fernen England in ein Telefon sprechen. Es lief der letzte Satz, und Becker machte diesen Hechtsprung. Den Hechtsprung vergisst man nicht.

Damals war Lisicki noch gar nicht geboren. In ihren Erinnerungen spielt Boris Becker nicht diese Rolle. Man kann auch sagen: Sie ist frei von diesen großen Bildern. Sie wird auch frei sein von dem Kaugummi-Eis "Bum Bum", nach dem eine ganze Generation verrückt war. Schade nur für sie, dass auch der Ruf zum Fernseher seltener geworden sein dürfte, wenn sie nun selber spielt. Großes Tennis läuft im Bezahlfernsehen.

Keine Zeit für Shopping

Wir würden gerne mit Lisicki in Modeläden schauen, hier auf dem Kudamm. Aber dafür ist jetzt keine Zeit. Doch die Gegend mag sie, hier trifft sich auch mit Freunden auf einen Kaffee, wenn sie mal in Berlin ist. Shoppen gehe sie kaum. Auch jetzt nicht, wo sie beinahe eine Millionen Euro Preisgeld gewonnen hat. "Es ist gut angelegt", sagt sie. Das sei ein gutes Gefühl, etwas abgesichert zu sein. Gerade, wenn man auch schwerere Zeiten kenne. Ihre Karriere war natürlich ein Wagnis. Sie hat die Schule abgebrochen. Ihr Vater gab Tennisstunden, um Geld zu verdienen. Zwischendrin hatte sie nicht mal einen Sponsor.

Die Ausstatter im Tennis denken strategischer als je zuvor: es geht nicht nur um Talent, sondern auch um den Absatzmarkt. Ein Spieler aus Indien hat es leichter, einen Vertrag zu bekommen als ein Deutscher. Indien verspricht als Markt für Sportartikel mehr Wachstum.

Aber etwas wolle sie sich gönnen, vielleicht ein Schmuckstück von einem bekannten Juwelier. "Ich habe mir immer gesagt, du musst etwas erreichen, bevor du dich belohnst." Frage: Aber das Finale in Wimbledon geht da schon durch? Sie antwortet: "Ja, ich denke schon." Und dann lacht sie ein wohltuend glucksiges Lachen.

Vorbild Andre Agassi

Ihre Vorbilder seien Andre Agassi, Martina Hingis und Mary Pierce. Sie spricht Pierce mit amerikanischem Akzent aus. Das erinnert daran, dass Lisicki noch ein anderes Leben hat. In Bradenton, Florida. Sie sagt, wenn sie aus dem ihrem Fenster in Berlin schaue, dann sehe sie eine Stadt, die rund um die Uhr lebe. Was sieht sie in Florida? Sie sagt nur: "Palmen." Es wohnen viele ältere Leute dort und es gibt einen tollen Strand, nur 15 Minuten von ihrem Haus entfernt. Aber den sehe sie nur selten. Nach dem Training in der Academy sei sie zu müde.

Boris Becker ist nach seinem Sieg nach Monte Carlo gezogen, und Deutschland fragte sich, was der junge Kerl so treibt im Paradies der Reichen und Schönen. Lisicki dagegen wohnt in einem Paradies für Rentner. Sie sagt: "Florida verbinde ich nur mit Arbeit."

Diese mysteriöse Akademie des Tennis-Paten Nick Bollettieri. Der Mann, der als Tennislehrer für drei Dollar die Stunde angefangen hat, nun kontrolliert der 81-Jährige mit seiner Vermarktungsfirma IMG den halben Tennissport. Bollettieri hat auch Andre Agassi trainiert, Lisickis Idol. In einem Interview erzählte Bollettieri von der Trennung von einer seiner unzähligen Ehefrauen. Sie habe ihm gesagt, er verbringe zu viel Zeit mit Agassi, er solle sich entscheiden: sie oder er. Bollettieri: "Ich nahm meine Wäsche aus der Maschine, stopfte sie in einen Koffer und verließ die Wohnung. Draußen stand Andres alte Corvette. Ich verstaute den Koffer auf dem Rücksitz und brauste mit 4000 Dollar in der Tasche los. Ich habe die Frau nie wiedergesehen."

Ein harter Sport

Ob die Gerüchte über die brutalen Methoden in Bollettieris Academy stimmen oder nicht: Es ist eine Schule in der nur die Besten bestehen und die unfassbare Summen kostet. Agassi hat in seiner Biografie "Open" sogar angedeutet, dass ihm sein Vater Drogen gab, damit er mehr Leistung bringe.

Lisicki hat seine Biografie auch gelesen. Aber an die Stelle erinnert sie sich nicht. Sie ist erschrocken, wenn man ihr das erzählt. "So weit habe ich wohl nicht gelesen", sagt sie. Ihr Vater habe sie immer frei gehalten von zu viel Druck.

Vielleicht zeigt auch ein Video, wie hart dieser Sport ist. Damals, im Jahr 2009, knickte sie auf dem Platz schwer um. Sie lag an der Grundlinie und wimmerte. Anders als beim Fußball liefen nicht sofort Sanitäter auf den Platz. Man hört Lisicki wie sie ruft: "The match is over, the match is over". Ihre Gegenspielerin gibt indessen ein Interview vor der Kamera.

Besser in Form denn je

Aber das ist vorüber. Lisicki ist besser in Form denn je. In der Lobby strahlt wieder ihr Ich-liebe-Tennis-so-sehr-Lächeln. Wir sprechen weiter über Florida. Sie gehe gerne Angeln, sagt sie. Welche Fische? Wieder eine typische Lisicki-Antwort: "Große Fische."

Solche Sätze passen besser zu ihr als Aussagen, die nach der Feder ihrer Vermarktungsfirma klingen. Etwa: "Druck ist für mich ein Privileg. Das heißt auch, dass Leute an deine Stärke glauben."

Denn Lisicki hat offensichtlich immer an sich geglaubt.

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