Jüdische Gemeinde Nach Beschneidung – Berliner Rabbiner weist Vorwürfe zurück

Foto: Christian Kielmann

Ein Verein hat Rabbiner Yehuda Teichtal angezeigt. Er soll bei einer Beschneidung ein unerlaubtes Ritual angewandt haben. Teichtal wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Gemeinde ist verunsichert.

Eigentlich sollte es auch in der Erinnerung ein Freudenfest bleiben, die Beschneidung des jüngsten Kindes von Rabbiner Yehuda Teichtal und seiner Frau. 400 Gäste waren Anfang März der Einladung in die Synagoge an der Münsterschen Straße in Wilmersdorf gefolgt. Doch nun sieht sich Teichtal, der Vorsitzende des jüdischen Bildungszentrums Chabad Lubawitsch und Rabbiner der dortigen Synagoge, schweren Vorwürfen ausgesetzt. Ein kleiner Rostocker Verein, aber auch Ärzte haben den Berliner Rabbi und den Beschneider angezeigt. Die Staatsanwaltschaft prüft die Vorwürfe.

Der Beschneider soll ein seltenes Ritual angewandt haben. Er soll nach der Beschneidung der Vorhaut des Babys das Blut mit dem Mund abgesaugt haben. Die Meziza – das Absaugen von Blut während der Beschneidung eines jüdischen Jungen – ist nach Auskunft der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland "ein ursprünglicher und verbindlicher Brauch, welcher schon im Talmud verankert ist, und somit ein unverzichtbarer Bestandteil einer jüdischen Beschneidung".

Laut Rabbiner und Beiratsmitglied Jaron Engelmayer gibt es im jüdischen Religionsgesetz verschiedene Meinungen darüber, ob dies direkt mit dem Mund oder beispielsweise auch anhand einer Pipette ausgeübt werden kann. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz halte es für religionsgesetzlich zulässig und für medizinisch empfehlenswert, die Meziza mit Hilfsmitteln wie einer Pipette auszuführen. Teichtal sagt, auch er finde es richtig, dass die Meziza mittels eines sterilen Röhrchen oder einer hygienisch einwandfreien Pipette durchgeführt wird.

Zentralrat befürwortet Absaugen der Wunde mit dem Mund nicht

Der Zentralrat der Juden in Deutschland befürwortet ein Absaugen der Wunde mit dem Mund ausdrücklich nicht. Nach Auskunft von Präsident Dieter Graumann wird gerade ein Zertifizierungsverfahren für die in Deutschland zugelassenen Beschneider, die Mohel, entwickelt. Wer solch eine Methode praktiziere, werde keine Zulassung erhalten. Im Jüdischen Krankenhaus Berlin, wo viele Juden und Muslime beschnitten werden, erfolgt wegen der größtmöglichen Schmerzfreiheit mindestens eine lokale Betäubung. Nach jüdischer Tradition wird ein Kind männlichen Geschlechts am achten Tag seines Lebens beschnitten, von einem Arzt oder einem ausgebildeten Beschneidungsspezialisten.

Rabbiner Teichtal, der in New York aufwuchs und seit 17 Jahren in Berlin lebt, sagt zu den Vorwürfen, er habe extra einen erfahrenen und zudem auch international anerkannten Mohel aus Israel an seine Seite geholt. Und er habe ihn angewiesen, die Beschneidung nach den Regeln der ärztlichen Kunst und unter Beachtung der deutschen Gesetze durchzuführen. Das habe ihm der Beschneider zugesagt und im Nachhinein auch bestätigt, dass alles wie besprochen stattgefunden habe. Außerdem seien auch noch Ärzte anwesend gewesen.

Verein Mogis sieht Beschneidung als Körperverletzung

Christian Bahls, der Vorsitzende des Vereins Mogis, der den Rabbiner angezeigt hat, war bei der Feier nicht dabei. Laut eigener Auskunft ist der 34-Jährige Opfer sexuellen Missbrauchs gewesen. In seinem Verein engagierten sich zudem Beschneidungsbetroffene. Über die Beschneidung habe er in einer Zeitung gelesen. Auch ein Video sei zu sehen gewesen.

"Vorhautamputation" nennt er das Ritual. Beschneidung sei eine Körperverletzung. Junge jüdische Männer sollten, sobald sie alt genug sind, selbst darüber entscheiden dürfen, fordert der 34-Jährige. Teichtal habe, so der Vorwurf von Bahls, "willentlich und wissentlich ein Ritual durchgeführt, dass auch unter dem jetzigen Gesetz nicht zulässig ist". Bereits seit einem dreiviertel Jahr versuche er mit der Jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat darüber ins Gespräch zu kommen. Bislang vergebens.

"Wir hatten eigentlich gehofft, dass mit dem neuen Beschneidungsgesetz endlich Rechtssicherheit eingekehrt sei und die von der jüdischen Gemeinschaft als sehr belastend empfundene Debatte nun beendet wäre", sagte Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Sie sei eine Einheitsgemeinde, und Angehörige jeder Facette sollen ihr Judentum so leben können, wie sie es von ihren Eltern und Großeltern her kennen. Rabbiner Teichtal setze sich seit nunmehr 17 Jahren erfolgreich für das Wiedererstarken jüdischen Lebens in Berlin ein.

"Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin hat weiterhin volles Vertrauen in die wichtige und wertvolle Arbeit Rabbiner Teichtals", sagte Joffe weiter. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden, forderte unterdessen, dass alle den Frieden würdigen sollen, der durch die im Bundestag gefundene gesetzliche Regelung geschaffen worden sei. "Auch diejenigen, die die Beschneidung von Jungen im Judentum und im Islam weiter mit belehrender Bevormundung geradezu fanatisch bekämpfen, wie das bei den Anzeigestellern der Fall ist, sollten diesen frischen Frieden jetzt nicht aufkündigen", mahnte er.

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