Post schliesst Filialen
Berliner trauern um ihre guten, alten Postfilialen
Samstag, 8. August 2009 11:06 - Von Sören KittelDie Tage der Berliner Postfilialen sind gezählt. Bis zum Jahr 2011 sollen in der Hauptstadt die letzten 30 Ämter geschlossen werden. Die Kunden sind verunsichert. Denn den Alternativen - Briefmarken und Geldgeschäfte per Internet, Paketaufgabe im Schreibwarenladen - trauen sie einfach nicht.

Fünf Briefmarken für normale Briefe, bitte. Das Paket nach Kaiserslautern, bitte. Eine Einzahlung, bitte. Drei Kunden innerhalb von zwei Minuten. Doch die Schlange reißt noch lange nicht ab. Es ist 10.15 Uhr an der Köpenicker Straße 96 in Mitte.
Die Postfiliale in dem nicht mehr ganz modernen Plattenbau ist gut besucht. "Man kann eigentlich kaum von einer Zeit sprechen, in der hier wenig los ist", sagt die Angestellte. Hinzu komme, dass viele Kunden besorgt fragen, wie lange die Post noch geöffnet habe. "Wir können dann immer nur sagen, dass wir es selbst noch nicht wissen." Klar ist, dass auch diese Filiale bis Ende 2011 geschlossen sein wird, genau wie alle anderen letzten 30 eigenen Postfilialen in Berlin.
Doch nicht alle Kunden wollen oder können ihre Besorgungen im Internet erledigen. Damit diese weiterhin eine Anlaufstelle haben, an die sie sich wenden können, will die Post Schalter in nahe gelegenen Geschäften einrichten. "Wir werden sicherstellen", sagt Rolf Schulz von der Pressestelle der Berliner Post, "dass diese Stellen die gleiche Sorgfalt an den Tag legen, wie die Angestellten der Post." Die Kunden würden zum Beispiel von den längeren Öffnungszeiten im Einzelhandel profitieren - und für die Läden seien die Dienste der Post ein sicherer Nebenverdienst.
Kein Vertrauen mehr
Doch wie sicher fühlen sich die Kunden? Eine junge Frau, die gerade Briefmarken in einem Tempelhofer Internetladen gekauft hat, versteht die Skepsis vieler älterer Kunden gut. "Meine Mutter jedenfalls", sagt sie, "nimmt lieber einen weiteren Weg in Kauf, damit sie eine richtige Postbankfiliale besuchen kann." In einem Internetcafé Geldangelegenheiten zu regeln, scheine ihr nicht sicher genug.
Einer, der solche Bedenken gegen die "neuen" Post-Dienstleister oft hört, ist Jürgen Müller aus Tempelhof. Der 68-jährige Buchdrucker hatte sich vor zwei Jahren mit einer Unterschriftenaktion für den Erhalt der Postfiliale an der Manfred-von-Richthofen-Straße eingesetzt - erfolglos. "Man hatte uns damals versprochen, dass wenigstens der Geldautomat bleiben würde", sagt er. Der sei jetzt aber auch abgebaut worden - und der Briefmarkenautomat sei zudem oft außer Betrieb. "Das Vertrauensverhältnis, das man einmal zum Postamt hatte, ist nicht mehr da."
Postsprecher Ralf Schulz kann sich diesen Vertrauensverlust nicht erklären. "Alle unsere Vertragsmitarbeiter sind zur Vertraulichkeit verpflichtet", sagt er. Auch Geldgeschäfte sollten wie bisher problemlos bearbeitet werden. "Unsere Erfahrungen damit sind sehr gut." Den Vorwurf, dass die Mitarbeiter überfordert seien, könne er nicht nachvollziehen. "Wenn wir jetzt einen Partner suchen, dann wissen wir, wie hoch der Arbeitsaufwand ist." Regelmäßig messen zudem Testkäufer die Kundenzufriedenheit.
Fehlende Routine
Sibylle Muehlke jedenfalls ist nicht zufrieden. Die 42-jährige Werbetexterin hat schon oft erlebt, dass es bei ihrer "neuen" Poststelle im Hansaviertel zu lange dauert. "Die Mitarbeiter in dem Schreibwarenladen haben einfach nicht die Routine und Erfahrung wie die früheren Postangestellten", sagt sie. Da ihre Arbeitsstelle in der Nähe einer der letzten "richtigen" Postfilialen liegt, erledigt sie deshalb die meisten Geschäfte lieber dort.
Der Schritt der Post wurde von langer Hand geplant. "Es geht letztlich darum, dass der Umsatz von Briefmarken und Paketen die reinen Postfilialen nicht mehr rechtfertigt", sagt Ralf Schulz. Seit die digitale E-Mail vor etwas mehr als zehn Jahren ihren Siegeszug antrat, habe die Post reagieren müssen. Inzwischen lassen sich auch andere Services, wie Paketabholung und Briefmarkenbestellung, bequem am heimischen Computer erledigen. Für Aufsehen sorgte vor einigen Wochen der Vorstoß, Briefmarken per SMS zu bestellen.
Ein gutes Bild für die derzeitige Situation der Postämter bieten die Regale, in denen früher Briefpapier, Leerpakete und Umschläge in verschiedenen Größen verkauft wurden. Sie sind oft schon völlig leer geräumt. "Nachbestellung ist nicht mehr möglich", heißt es auf Nachfrage. Die Angestellten der 30 letzten Filialen in Berlin verwalten die Reste. Und erfahren jeden Tag, wie verunsichert ihre Kunden sind.























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