07.08.09

Eröffnung der U55

Kanzler-U-Bahn nimmt heute den Betrieb auf

Freie Fahrt für die Kanzlerlinie U55 in Berlin: Nach fast 14 Jahren Bauzeit verbindet eine der kürzesten U-Bahnen der Welt das Brandenburger Tor mit dem Hauptbahnhof. Am heutigen Sonnabend können die Berliner die nur 1,8 Kilometer lange Strecke durchs Regierungsviertel ausprobieren - zum Nulltarif.

Von Thomas Fülling
Quelle: tvb
07.08.09 0:0-1 min.
Die neue Linie 55 in Berlins Mitte ist nur 1800 Meter lang und hat lediglich drei Stationen. Der Bahnhof Unter den Linden heißt ab sofort Brandenburger Tor.

Ganz hat Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) offenbar die heißen Debatten von vor acht Jahren nicht vergessen. Der Bau einer nur wenige Kilometer kurzen, dafür umso teureren Tunnelstrecke quer durch Berlins Innenstadt und fast parallel zu vorhandenen S-Bahn- und U-Bahn-Trassen war von Anfang an "stadtpolitisch ein hoch umstrittenes Projekt", erinnerte er sich am Freitag bei der Eröffnung des neuen U-Bahnhofs am Brandenburger Tor.

Und so war 2001 nicht ganz überraschend eine der erste Entscheidungen der von ihm geführten rot-roten Regierung, den 1995 begonnenen Bau einer U-Bahn vom Hauptbahnhof bis zum Alexanderplatz zu stoppen. Doch die Drohung des Bundes, bereits ausgegebene 128 Millionen Euro zurückzufordern, sorgten 2004 im Senat für einen Sinneswandel. Seither wurde weitergebuddelt in Berlins Mitte.

Und so kann Wowereit am heutigen Sonnabend, 10 Uhr, eine grün-weiße Kelle in die Hand nehmen, um den ersten Zug der neuen Linie U55 offiziell auf die Tunnelreise zu schicken. Die wird allerdings nach einem kurzen Zwischenhalt im Bahnhof Bundestag bereits nach drei Minuten zu Ende sein. Denn nach 14 Jahren Bauzeit ist mit dem 1800 Meter langen Abschnitt zwischen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor erst das erste Teilstück der geplanten Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 fertiggestellt. Und weil diese Verlängerung, bedingt durch den in den 90er-Jahren erfolgten Bau des Regierungsviertels und nachfolgend des neuen Berliner Hauptbahnhofs, am "falschen" Ende begann, kann die Linie nur im "Inselbetrieb" gefahren werden, also ohne Anschluss an das übrige 145 Kilometer lange Untergrundbahnnetz der Berliner Verkehrsbetriebe .

Auf der oft auch als "Stummellinie" verspotteten Strecke der U55 gibt es nur drei Stationen: die Bahnhöfe Brandenburger Tor, Bundestag und Hauptbahnhof. Alle drei gehören aber zum Imposantesten und Teuersten, was Berliner U-Bahn-Architektur bislang zu bieten hat. Sowohl in ihrer großzügigen und hellen Gestaltung, als auch in den technischen Standards setzen sie Maßstäbe.

Auf der 1470 Meter langen Betriebsstrecke der U55 wird zunächst nur ein aus vier Wagen bestehender Pendelzug eingesetzt. Die Wagen der Baureihe F79 sind zwar schon 30 Jahre alt, sind aber im Innern komplett modernisiert. Fahren werden sie im Zehn-Minuten-Takt. "Die U55 wird zunächst vielleicht mehr neugierige Besucher anziehen, als einfache Fahrgäste", meint der BVG-Vorstandsvorsitzende Andreas Sturmowski. Das Verkehrsunternehmen rechnet mit gerade einmal 6400 Fahrgästen pro Tag. Allerdings ist die BVG auch auf größeren Andrang vorbereitet. Insgesamt acht Wagen stehen für den Streckeneinsatz bereit.

Mit der ungewöhnlichen Linien-Nummerierung U55 will die BVG einerseits Verwechslung mit der U5 ausschließen, gleichzeitig aber die "Verwandtschaft" beider Linien demonstrieren. Auch die Farbkennzeichnung beider Linien in den Netzplänen ist gleich: Beide sind in "Rehbraun" eingezeichnet.

Für Wowereit, aber auch die BVG ist die U55 jedoch die erste Etappe zum eigentlichen Ziel. Denn bis 2017 soll die Linie unterirdisch weiter bis zum Alexanderplatz gebaut und dort an die U5 nach Hönow angeschlossen werden. Dann hat die U-Bahn eine weitere Ost-West-Verbindung durch die Hauptstadt, die künftig rund 20 Kilometer lang sein wird.

Wowereit sprach in diesem Zusammenhang von der "Linie der Einheit". Denn erst der Fall der Mauer vor 20 Jahren habe diese Verbindung möglich gemacht. Dieser besondere Teil deutscher Geschichte findet seinen Ausdruck in der Gestaltung der Station am Brandenburger Tor.

Der Bahnhof ist Teil eines neuen, gemeinsam vom Bund und dem Berliner Senat erarbeiteten Gedenkkonzepts "Berliner Mauer". So ist etwa im Zugang zum Bahnhof, in der sogenannten Passerelle, auf einer Videowand ein Film über den einstigen Verlauf des Todesstreifens quer durch die Stadt zu sehen. Die Treppenhäuser sind mit meterhohen zeitgeschichtlich bedeutsame Zitaten dekoriert, von Ulbrichts verschleiernder Erklärung, nach der niemand die Absicht habe, ein Mauer zu bauen, über Ronald Reagans Aufruf zur Maueröffnung bis hin zu Willy Brandts Jubel nach dem Mauerfall "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört".

Auf der Bahnsteigebene in 15 Metern Tiefe hängen an den Wänden nicht die sonst üblichen Werbeplakate, sondern geschichtsträchtige Fotos von Mauerbau und Mauerfall. Die Installationen sollen am historischen Ort Antwort auf die häufigste Touristenfrage bieten: Wo und wie war die Mauer? Im Bahnhof gibt es Antworten – bis hin zu Bildern des Todesstreifens. Wer dann aus der Unterwelt wieder ans Licht kommt, wird in die Welt 20 Jahre nach dem Mauerfall katapultiert: auf den neu erbauten Pariser Platz, gesäumt vom Hotel Adlon, der Akademie der Künste, Botschaften und Banken.

So können Sie die neue Kanzlerlinie testen
Am Sonnabend (8. August) um 10 Uhr eröffnet der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die jüngste U-Bahnlinie der Stadt im U-Bahnhof Brandenburger Tor.
Von 11 Uhr an können dann normale Fahrgäste in die gelben Waggons steigen.
Den ganzen Tag über wird die Benutzung der kürzesten U-Bahnlinie der Welt gratis sein, wer einsteigt, erhält einen Sonderfahrschein.
Die Berliner Verkehrsbetriebe rechnen mit Zehntausenden Besuchern. Es könne daher sein, dass die Bahnsteige wegen des großen Andrangs zeitweise gesperrt werden müssten.
Sollte es so kommen, können die Besucher die Wartezeit beim Volksfest oberhalb der Bahnsteige überbrücken. Die Feier zur Inbetriebnahme steigt zwischen 11 und 21 Uhr, der zentrale Festplatz liegt am U-Bahnhof Bundestag.
Aber auch an den Bahnhöfen Hauptbahnhof und Brandenburger Tor wird Programm geboten.
Für Wissenshungrige bietet sich ein Besuch des Informationszentrums "20 Jahre Mauerfall" an. Die Informationen gibt es im Eingangsbereich des U-Bahnhofs Brandenburger Tor. Auf mehreren Monitoren werden Filme zur Teilung Berlins gezeigt.
U-Bahn-Linie 55
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