31.07.09

165. Geburtstag

Der Berliner Zoo hatte schon vor Knut seine Stars

Vor 165 Jahren wurde der Berliner Zoo eröffnet. Was mit wenigen Tieren und Besuchern begann, wurde zum artenreichsten Zoo der Welt. Stück für Stück verliebten sich die Berliner immer mehr in ihren Zoologischen Garten und seine Tiere.

Von Tanja Laninger
Quelle: media
31.07.09 0:0-1 min.
Zoo-Direktor Bernhard Blaskewitz lässt die wichtigsten Ereignisse in der Geschichte des Tierparks Revue passieren.

"Ihre Sammlung könnet vielmehr den Grundstock für etwas völlig Neues bilden – etwas, was man bis jetzt erst in Paris und danach in London und Amsterdam mit so viel Erfolg begonnen hat." Es ist Alexander von Humboldt, der da 1840 spricht, und er redet von Zoologischen Gärten. Sein Gegenüber ist König Friedrich Wilhelm IV., auf den die geschickt gewählten Worte den gewünschten Effekt haben. Man kann sagen: Hätte der berühmte Reisende und Naturforscher Humboldt sich an jenem Novemberabend nicht so ins Zeug gelegt, der Berliner Zoo würde heute nicht seinen 165.?Geburtstag feiern. Es mag eine lange Zeitspanne sein – aber nicht alles hat sich geändert.

Die Zoo-Idee stammte vom Humboldt-Freund und Zoologen Martin Lichtenstein, Professor an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Er wollte dem Publikum wissenschaftliche Einblicke in das Tierleben der Welt geben. "Schon die Zoo-Gründer plädierten für Bildung, Forschung und Erholung", sagt Zoo-Historiker Harro Strehlow. Das Konzept ist vor wenigen Jahrzehnten um Artenschutz ergänzt worden. Lange Zeit waren Zoo-Tiere noch Wildfänge, von Kapitänen oder Kolonialisten aus fernen Ländern mitgebracht oder auf Tierauktionen ersteigert. Heute prägen Nachzuchten den Bestand.

Die Berliner ärgerten die Tiere zunächst

Humboldts Argument, es mit dem berühmten Pariser "Jardin des Plantes" aufzunehmen, überzeugte den König. Er stiftete seine Pfaueninsel-Menagerie, gab ein 15.000-Taler-Darlehen und stellte Land am Tiergarten zur Verfügung. Lichtenstein legte los, zusammen mit Peter Joseph Lenné. Der Landschaftsarchitekt gestaltete die Tiergarten-Fasanerie um und ließ große Promenaden anlegen; ein Affenhaus, eine Adler-Voliere, Sommerkäfige für Raubtiere und ein kleines Raubtierhaus wurden errichtet.

Zum 1. August 1844 öffnete die Anlage als neunter Zoo in Europa und erster auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet. Wer nicht kam, war der König; am Tage zuvor war er nur knapp einem Attentat entgangen. Dafür ließen sich die Berliner blicken. Und sie verhielten sich grob: "Es wird dringend gebeten, sich der Stöcke und Regenschirme nicht zum Aufreizen der Thiere zu bedienen", mahnte der erste Zooführer. "Das war eine normale bäuerliche Einstellung. Tiere waren Objekte, die sollten etwas für einen tun, sich in Position bringen", sagt Historiker Strehlow.

Gedacht war der Zoo für alle Schichten: von der Prinzessin bis zum Arbeiter. "Sie wurde geführt, er kam am billigen Sonntagnachmittag", sagt Strehlow. Ab 1848 zahlten ärmere Familien am billigen Sonntagnachmittag den halben Preis: Kinder einen Silbergroschen, Erwachsene zwei.

Das Zigfache – 100 Taler – kostete die Zoo-Aktie. Der Verkauf lief schleppend. Bis 1869 wurden nur 190 Aktionäre gezählt. "Dabei brauchte der Actien-Verein des zoologischen Gartens zu Berlin Kapital für Tierkäufe, Unterhalt, für alles", sagt Strehlow. Heute ist die Aktie ein Liebhaberstück, "eine der wenigen, die man sich auch zu Krisenzeiten mit Stolz an die Wand hängt", wie Zoo-Vorstand Gabriele Thöne sagt. Sie kostet derzeit rund 2600 Euro, bringt freien Eintritt, aber keine Rendite. Der Zoo war und ist ein Zuschussgeschäft. Jahrelang gab der König Geld, heute zahlt das Land Berlin Millionbeiträge.

1869 war das Wendejahr

Im ersten Jahr – 400.000 Menschen lebten damals in Berlin – kamen rund 100.000 Besucher. Sie waren nicht nur grob, viele waren auch enttäuscht. Ein Reporter schrieb von "erbärmlichster Menagerie", außergewöhnliches Getier sei nicht zu sehen. Lichtenstein reagierte und vergrößerte die Bestände. Europas Fürstenhäuser schenkten Löwen und Tiger. Die ersten Tierschützer meldeten sich: Als ein Esel aus dem fernen Himalaja beim Transport ausbüchste, mit dem Lasso eingefangen wurde, umfiel und starb, wurde der Direktor als Tierquäler beschimpft.

Die erste große Attraktion im Zoo war ein Elefant, 1857 für 2500 Taler erworben. Im selben Jahr starb Lichtenstein während einer Seereise. Unter seinem Nachfolger Hartwig Peters sanken die Besucherzahlen. Die Aktionäre suchten einen Retter. 1869 kam Heinrich Bodinus. Er kleckerte nicht, er klotzte. "Es ist ein Wendejahr, Berlin wird Reichshauptstadt, die Industrie wächst", kommentiert Strehlow. Der Zoo gab neue Aktien heraus, schnell waren 1000 verkauft an Händler, Fabrikanten und Adlige.

Bodinus ließ ein neues Raubtierhaus bauen, einen Bärenzwinger, einen Adlerkäfig, eine siamesische Elefantenpagode mit fünf goldenen Kuppeltürmen und im Jahr 1872 das Antilopenhaus. Letzteres ist das heute älteste noch erhaltene Gebäude auf dem 35 Hektar großen Gelände. Schon immer wohnten Tierpfleger und seit Bodinus auch Direktoren im Zoo, "damit im Falle einer Katastrophe schnell Hilfe zur Hand ist", sagt Strehlow.

Tiere als Staatsgeschenk

Bodinus' Zoo punktete mit den exotischen Tierhäusern, die Kasseneinnahmen stiegen. Politischer Höhepunkt war das Zusammentreffen von Kaiser Wilhelm I. mit Kaiser Franz Joseph von Österreich und Zar Alexander von Russland am 8.?Dezember 1872. Der Zar machte Geschenke: zwei Wisente aus seinem Hofjagdrevier. Das ist heute noch Sitte: Zuletzt erhielt der Zoo 2007 als Staatsgeschenk aus Madagaskar ein Fingertier. Mario lebt im Nachttierhaus.

Doch nicht nur Tiere waren früher zu sehen. Unter Bodinus fand die erste einer Reihe von Völkerschauen statt. 1878 lebten Eskimos für einige Wochen in einem Erdzelt. Die Berliner bis hin zu Kaiser Wilhelm I. zeigten großes Interesse an ihrem Leben und den Vorführungen mit Kajaks und Schlitten. Später wurden Singhalesen und Tscherkessen, Samoaner und Beduinen präsentiert. Völkerschauen befriedigten das Interesse an fremden Völkern – und die Sensationsgier. Nach 1950 liefen ihnen Fernseher und Fernreisen den Rang ab.

Bodinus' Nachfolger Ludwig Heck baute Tempel für seine Tiere. Wie der jahrzehntelange Zoo-Direktor Heinz-Georg Klös es formulierte: "In einer Zeit, in der man höchstens bis Neuruppin oder Leipzig reiste, schuf er mit Tempeln, Blockbauten und Pagoden echte Kulissen für fremdländische Tiere."

Schimpansin Missie trank Kaffee und rauchte

Heck vergrößerte die "Tier-Sammlung" – auch heute, unter Direktor Bernhard Blaszkiewitz, gilt der Zoo Berlin mit 15.000 Tieren und 1500 Arten als artenreichster der Welt. Eisbär Knut ist prominent; unter Heck war es Tier-Star Missie. Die Schimpansin spazierte mit ihrem Wärter im Zoo herum, trank Kaffee und rauchte. Sie war so unberechenbar wie ihr Pendant, Schimpanse Pedro, der jüngst Blaszkiewitz einen Finger abbiss. Missie riss einer Prinzessin Windisch-Gratz die Bedeckung vom Kopf. Die aufgebrachte Adlige erlitt keine Blessuren, doch hatte Direktor Heck einige Mühe, sie zu besänftigen.

1913 wurde mit der Eröffnung des Aquariums an der Budapester Straße der nächste Höhepunkt gefeiert. Doch mit Ausbruch des Krieges kamen andere Sorgen: Wie die Tiere ernähren? In den Zoos von London und Paris wurde ein Großteil erschossen. Heck wollte den Bestand erhalten, konnte aber nicht verhindern, dass Tiere an Entkräftung starben, darunter die Seehunde und Missie.

Zwischen den Kriegen holte die Institution wieder auf. An einigen Tagen des Olympia-Jahrs drängten sich bis zu 85.000 Besucher vor den Gehegen. Bis heute der Rekord, wenn man von der Kalmücken-Völkerschau absieht, die 50 Jahre zuvor 92.000 Tagesbesucher in den Zoo lockte.

1935 war der Gorilla Bobby gestorben. Seine Dermo-Plastik ist im Naturkundemuseum an der Invalidenstraße zu sehen. Dort verhelfen Präparatoren etlichen Zoo-Tieren zu ewigem Kunst-Leben. 1939 galt der Berliner Zoo mit zwölf Revieren und 1400 Tierarten – darunter Zwergflusspferde und Gorilla-Mann Pongo – als der bedeutendste Zoo der Welt.

Berliner retten Tiere vor Bomben

Dann kamen der Zweite Weltkrieg und die Luftangriffe. In der Nacht zum 23. November 1943 prasselten Brand- und Sprengbomben auf Berlin nieder – auch auf den Zoo, wo ein Flakbunker stand. Türme stürzten ein, Häuser wurden weggepustet. Die Affen flüchteten in die kalte Winternacht. "Sechs Elefanten wurden von Trümmern erschlagen. Der siebte, Siam, starb später an Entkräftung", sagt Zoo-Kurator Heiner Klös.

Im Aquarium stürzten Krokodile mit Zementbrocken und Baumstämmen aus der Höhe herab, in der Halle krochen alle möglichen Tiere durcheinander. Berliner eilten herbei, brachten Ponys, Zebras, Menschenaffen und Papageien bei sich unter. Trotzdem überlebten von 3715 nur 91 Tiere. Darunter war Flusspferdjunge Knautschke – er wurde zur Legende.

Nach dem Krieg baute Direktorin Katharina Heinroth den Zoo wieder auf. 1948 waren die schlimmsten Schäden ausgebessert, der Bestand auf 200 Tiere angewachsen. Die Berliner engagierten sich weiter. Das Rias-Schulfunk-Parlament wurde Pate für das einzige noch lebende Löwenbaby.

Berliner Schüler baten den indischen Ministerpräsidenten Pandit Nehru um einen Elefanten. Mit Erfolg: Im Juli 1951 traf Shanti – Hinduname für Frieden – ein. Ein Kaufhaus spendierte einen Gatten für Giraffe Rieke. 1956 übernahm Heiner Klös' Vater Heinz-Georg Klös die Leitung des Zoos und begann mit der Zucht vom Aussterben bedrohter Tiere wie Spitzmaulnashorn und Przewalskipferd. Er gründete eine Zooschule und ließ viele alte Gebäude wieder herstellen.

Derzeit beteiligen sich Tausende von Paten – Tendenz steigend – an den Futterkosten für ihr Tier. Identifikation und Zuneigung sind riesig. Als Eisbär Knut 2007 populär wurde, strömten mehr als drei Millionen Besucher in den Zoo. Blaszkiewitz wollte ihn aus Zuchtgründen abgeben. Doch er hatte nicht mit den Knut-Fans gerechnet; aus aller Welt kamen Protest-Briefe, der Fan-Klub initiierte eine Unterschriften-Kampagne. Schließlich forderten Zoo-Aufsichtsrat und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den Verbleib des Promi-Bären an der Spree. Der Direktor musste einlenken und dem Knut-Eigentümer, dem Zoo Neumünster, 430.000 Euro zahlen. So gilt auch nach 165 Jahren: Ohne die Gunst der Herrschenden – und die der Besucher – geht es nicht.

Die Zoo-Kolumne von Tanja Laninger finde Sie HIER

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