05.03.2013, 08:27

Geburten Jedes zehnte Berliner Neugeborene ist übergewichtig


35.579 Babys kamen 2011 in Berlin zur Welt

Foto: Waltraud Grubitzsch / ZB

35.579 Babys kamen 2011 in Berlin zur Welt Foto: Waltraud Grubitzsch / ZB

Von Katrin Lange

Berlin zählt zu den geburtenstarken Metropolen in Deutschland. Doch viele Babys wiegen bei der Geburt mehr als 4000 Gramm - vor allem Jungen.

Gerade als Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) Zahlen und Fakten über Berlin als "Baby-Metropole" referiert, macht sich sein Handy bemerkbar. "Der Kleinen geht es gut", teilt ihm seine Frau per SMS nach dem Besuch beim Frauenarzt mit. An diesem Glück lässt der Senator gern die Öffentlichkeit teilhaben. Im April wird er Vater einer Tochter und damit seinen Anteil am positiven Trend der Geburten in Berlin beitragen.

Die Senatsverwaltung für Gesundheit hat zum ersten Mal einen Bericht zum Geburtengeschehen in Berlin erstellt. Grundlage waren die Zahlen aus dem Jahr 2011. Obwohl die Zahl der Entbindungen mit 35.579 gegenüber dem Vorjahr leicht rückläufig ist, zählt Berlin im Vergleich zu den anderen Bundesländern zu den geburtenstarken Metropolen.

Im Jahr 2011 gab es in Berlin 1695 Geburten mehr als Todesfälle. Das ist mit Abstand ein Spitzenwert, denn nur Hamburg hat als einziges anderes Bundesland ebenfalls einen Geburtenüberschuss zu vermelden – allerdings nur mit 65 Fällen.

Für 2012 deutet sich ein leichter Anstieg der Geburten an

"Berlin profitiert vom Zuzug vieler junger Leute", begründete Mario Czaja die hohe Geburtenrate. Er verwies aber auch darauf, dass immer mehr Schwangere aus dem Brandenburger Umland zur Entbindung in die Hauptstadt kämen. In dem Bericht wurden die Zahlen aus 20 Kliniken, neun Geburtshäusern und die Hausgeburten erfasst. Auch Geburten an ungewöhnlichen Orten, wie in Taxen, gingen in die Statistik ein.

Der leichte Rückgang von 280 Entbindungen gegenüber dem Jahr 2010 könnte schon bald wieder einem positiven Trend weichen. Zwar lägen für 2012 noch keine aktuellen Zahlen vor, sagte der Gesundheitssenator. Aber es deute sich erneut ein leichter Anstieg der Geburten an.

Die meisten Kinder wurden 2012 in Berlin im St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof geboren. Insgesamt 3557 Kinder kamen im vergangenen Jahr in dem katholischen Krankenhaus auf die Welt. Damit liegt diese Entbindungsstation nicht nur in Berlin, sondern auch deutschlandweit auf dem ersten Platz.

96 Prozent der Frauen entbinden in der Klinik

Erstmals wurden in dem Bericht das Geburtsgewicht der Neugeborenen statistisch ausgewertet. Jedes zehnte Kind kam mit mehr als 4000 Gramm auf die Welt und gilt damit als übergewichtig. Mit 64 Prozent sind es allerdings eher die Jungs, die das Schwergewicht auf die Waage bringen. Nur sieben Prozent der Babys wog weniger als 2500 Gramm und lag damit unter dem Normalwert der zwischen 2500 und 4000 Gramm angegeben wird.

Die meisten Frauen wollten ihr Kind im Krankenhaus bekommen. 96 Prozent haben in einem der 20 Berliner Krankenhäuser entbunden. Dazu gehören Universitätskliniken, öffentliche und gemeinnützige Krankenhäuser sowie Privatkliniken.

Aber auch der Trend zur Entbindung in einem Geburtshaus oder in der eigenen Wohnung nimmt zu. Im Jahr 2011 haben sich 1424 und damit 113 Frauen mehr als 2010 für eine außerklinische Entbindung entschieden. 80 Prozent von ihnen sind in Geburtshäuser gegangen, 18,3 Prozent waren Hausgeburten. Die meisten Hausgeburten gab es in Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow und Neukölln, die wenigsten in Reinickendorf und Spandau.

Kontinuierlich gestiegen ist die Betreuung durch Hebammen

Sowohl die Zahl der Kaiserschnitte als auch die der Zwillingsgeburten hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt. Mit 27,2 Prozent wurde nahezu jede vierte Frau durch einen Kaiserschnitt entbunden. Die Rate schwankt zwischen 17 und 35 Prozent in den einzelnen Kliniken. In einem Krankenhaus macht die Kaiserschnitt-Geburt sogar 54,9 Prozent aus. In den östlichen Bezirken ist die Kaiserschnitte-Rate niedriger als in den westlichen Teilen.

Die Zwillingsgeburten sind von 343 (1991) auf heute 699 gestiegen. Das wird auch auf einen höheren Einfluss der künstlichen Befruchtung zurückgeführt.

Kontinuierlich gestiegen ist in den vergangenen zehn Jahren auch die Betreuung durch die Hebammen. In Berlin arbeiten 579 Hebammen freiberuflich, 191 sind angestellt und nebenbei freiberuflich tätig. Sie betreuten 2011 durchschnittlich 49 Frauen, 2001 waren es nur 42. "Wir haben viel mehr Anfragen als wir bedienen können", sagt Susanne Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes.

Größter und modernster Kreißsaal im St. Joseph Krankenhaus

Dass das St. Joseph Krankenhaus bei Schwangeren so beliebt ist, führt der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe Michael Abou-Dakn auf sein familienfreundliches Konzept zurück. Im Jahr 2012 hat das Krankenhaus nach eigenen Angaben einen der größten und modernsten Kreißsäle Deutschlands in Betrieb genommen.

Die Mütter haben heute in sieben Geburtsräumen alle Möglichkeiten einer natürlichen und durch Hebammen individuell begleiteten Entbindung. Auf der Wochenstation können die Väter in Familienzimmer mit wohnen und auch auf der Neonatologie werden Mutter und Kind nicht getrennt. "Wir wollen eine enge Bindung von Anfang an fördern und unterstützen", sagte der Chefarzt.

Dreharbeiten für umstrittene RTL-Serie "Babyboom" bleiben ausgesetzt

Gar kein Verständnis hat Michael Abou-Dakn für die Dreharbeiten für die RTL-Serie "Babyboom" auf der Entbindungsstation im Vivantes-Klinikum Friedrichshain. Ein verkabelter Kreißsaal und Effekthascherei entspreche nicht seinem Konzept einer sanften individuellen Geburtshilfe, sagt Abou-Dakn.

Er bezeichnete den Schritt des Gesundheitssenators, die Dreharbeiten in dem landeseigenen Krankenhaus zu stoppen, als "mutig". Vor der Ausstrahlung habe er größte Sorge.

Die Dreharbeiten seien nach wie vor ausgesetzt, sagt Mario Czaja zum aktuellen Stand der Verhandlungen mit RTL. In der kommenden Woche soll es eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung geben. Davon hänge die endgültige Entscheidung ab, wie es mit den Dreharbeiten in dem Klinikum weitergehen soll.

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