27.02.13

Berliner Wetter

Wo bleiben der Frühling und die Sonne?

Dieser Berliner Winter ist einer der trübsten seit 100 Jahren. Ein Besuch in der Sonnenallee. Solarium oder Sternwarte helfen zumindest kurz.

Von Katrin Lange und Roxane Meger
Foto: dpa

Strahlender Sonnenschein - davon können die Berliner zur Zeit nur träumen
Strahlender Sonnenschein - davon können die Berliner zur Zeit nur träumen

Die Erwartungen sind schon lange getrübt. Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster können die Berliner froh sein, wenn es nur grau und nicht auch noch nass ist. Seit Monaten wird die Sonne nicht mehr gesehen.

"Dieser Winter zählt zu den trübsten seit mehr als 100 Jahren", sagt Thomas Globig von Meteomedia. Nur der Winter 1965/66 sei noch grauer gewesen als der jetzige – er sei aber die einzige Ausnahme. Die "ganze Dramatik" zeige sich an der Sonnenscheindauer seit Dezember, so Globig. Üblicherweise scheine die Sonne im Durchschnitt 173 Stunden im Winter. Gerade einmal 85 Sonnenstunden wurden in Dahlem seit dem 1. Dezember bis heute gezählt.

Aus diesem Grund mussten die Berliner drei Monate lang mit weniger als der Hälfte des normalen Sonnenlichts auskommen. Schuld daran sind die Wolken, die ein Hoch herangebracht hat und die sich schon eine ganze Weile halten. "Solange der Wind so schwach ist, wabert diese trübe Wolkensoße weiter über unseren Köpfen", erläutert der Meteorologe. Er habe aber die Hoffnung, dass der Wind am Wochenende auffrischt und ein Sonnenloch in den Himmel reiße. Sicher sei das aber nicht. Die Frage ist also weiterhin unbeantwortet: Wo bleibt der Frühling, wo bleibt die Sonne?

Sonne in der Sonnenallee?

In der Sonnenallee sollte sie dem Namen nach sein. Zumindest gefühlt. Doch der Name ist nicht Programm. Es ist ein windiger und grauer Nachmittag. Die kahlen Bäume lassen die Sonnenallee trist aussehen. Sonnenstrahlen haben diese Äste schon lange nicht mehr gehabt. Nur noch kleine graue Schneehaufen erinnern an die vergangenen Tage. Auf der Straße sind die Passanten in Wintermäntel und dicke Schals eingepackt. Grau überwiegt im Straßenbild. Aber das Wort Winterdepression kennen die Anwohner der Sonnenallee offenbar trotzdem nicht.

Patrick Schröder kommt aus Neukölln. Wo die Sonne geblieben ist, weiß er leider auch nicht. Seit fünf Jahren ist er Praxishelfer in der Förderschule Adolf-Reichwein an der Sonnenallee. Heute kehrt der 50-Jährige die restlichen Herbstblätter zusammen, die wochenlang vom Schnee bedeckt waren. Das Highlight seiner Arbeitstage sei – außerhalb des Winters – immer der Sonnenaufgang über dem östlichen Ende der Sonnenallee gewesen. "Um sieben Uhr morgens war es sonst immer schön hell und warm, das fehlt mir am meisten", sagt er.

Training im Park

Manche Mutige trauen sich trotzdem in die Kälte. Am Hertzbergplatz sieht man zwei Berliner Frisbee spielen. Alexandra List (20) und Toni Roseman (25) freuen sich, dass der Schnee endlich getaut ist und sie wieder in den Park können. Dass die Sonne sich aber hinter der dichten Wolkendecke versteckt, stört sie nicht. Sie trainieren für das Ultimate Frisbee. Diese Mannschaftssportart erfordert viel Energie. Keiner von beiden trägt einen lästigen Wintermantel, sondern Trainingskleidung. "Wenn man sich bewegt, geht alles", sagt Toni Roseman nach einigen Stunden Training. "Vorfreude auf den Sommer habe ich aber schon", ergänzt Alexandra List und wirft ihrem Partner die Kunststoffscheibe entgegen.

Die Laune mancher Berliner scheint sich durch die fehlende Sonne also nicht verschlechtert zu haben. Doch das graue Wetter macht so manchen Geschäften an der Sonnenallee zu schaffen.

So auch dem Blumenladen Fleurop an der Sonnenallee Ecke Jansastraße. Wegen der niedrigen Temperaturen und grauen Tage kaufen die Kunden kaum Pflanzen fürs Freie. Im Laden selbst sind farbenfrohe Blumen ausgestellt, und ein frischer Duft kommt einem entgegen.

Diese Frühlingsfrische fehlt Vielen, so auch der Blumenverkäuferin Kirstin Schultka aus Neukölln. Doch nicht die fehlende Sonne, sondern die Kälte macht ihr am meisten zu schaffen. Die 36-Jährige kann es kaum erwarten, wieder mit ihren Kindern auf den Spielplatz zu gehen. "Diese Kälte verursacht mir Schmerzen. Es ist ein ganz schreckliches Gefühl", sagt sie. Aber sie sei optimistisch, denn die Sonne komme ja bald wieder.

Großer Andrang im Sonnenstudio

Ist denn wenigstens in der Sternwarte am Insulaner die Sonne zu sehen? Schließlich steht dort der Bamberg-Refraktor, ein 4,5 Tonnen schweres Fernrohr mit einer Brennweite von 5000 Millimetern. "Wir sind auch auf der Suche nach der Sonne", sagt die wissenschaftliche Leiterin Monika Staesche.

Egal wie groß das Fernrohr sei, durch den Nebel könne keins hindurchsehen. Das liege daran, dass das Gerät das von Himmelskörpern reflektierte Licht brauche, um ferne Dinge nah erscheinen zu lassen. Doch genau das fehle bei einem wolkenverhangenen Himmel. Dennoch könne sie den Blick zur Sonne anbieten. "Am künstlichen Sternenhimmel im Planetarium geht die Sonne immer auf und unter", sagt Monika Staesche. Winter-Depressiven könne sie Sonnen-Filme in den Kuppelsaal zaubern.

Die künstliche Sonne haben offenbar einige Berliner gesucht – im Sonnenstudio. "Wir hatten diesen Winter viel mehr Kunden als sonst", sagt eine Mitarbeiterin im Solarent-Studio an der Prenzlauer Allee. Vor allem viel mehr Kunden, die sich nicht bräunen wollten. Die meisten hätten auf die Frage, was sie wünschen, geantwortet: "Ich brauche Licht, ich brauche Sonne."

Blühende Blumen gegen trübe Gedanken

Gegen Trübsinn kann derzeit auch ein Spaziergang im Botanischen Garten helfen. Dort gebe es trotz der schlechten Witterung bereits ganz viele Frühlingsblüher wie Märzenbecher, Schneeglöckchen, Blausterne und Krokusse, sagt Sprecherin Gesche Hohlstein.

War der Winter bei der Sonnenscheindauer ein Ausnahmefall, so hat er sich bei den Temperaturen fast im Rahmen gehalten. "Mit 0,2 Grad im Durchschnitt war er nur ein bisschen kälter als üblich", sagt Thomas Globig. Die mittlere Wintertemperatur der vergangenen 30 Jahre liege bei 1,1 Grad.

Meteorologischer Frühlingsbeginn ist am 1. März. Kalendarisch beginnt er aber erst am 20. März. Obwohl der Winter am Donnerstag vorbei ist, müssen die Frühlingsgefühle noch warten. "Temperaturen von zehn Grad und mehr sind in den nächsten zwei Wochen nicht in Sicht", sagt der Wetter-Experte Thomas Globig. Das findet er aber auch in Ordnung. Zu viel Wärme im März hätte der Wetterentwicklung noch nie gut getan, so seine Erfahrung. Viel besser sei es, wenn es der Frühling bedächtig angehen lasse. Immerhin werden die Tage jetzt länger. "Das erhöht die Chance, dass die Sonne die Wolkendecke durchbricht", sagt Globig.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Premiere Hollywoodstars bringen "Spiderman" nach…
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
Schiffsunglück Fähre mit fast 500 Menschen gekentert
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fernsehprogramm

Von Jesus Christus bis Hitler – Das läuft über…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote