26.02.13

Dreharbeiten

Berliner Senat wirft RTL aus Vivantes-Kreißsaal

Die Klinikleitung war mit den Kameras im Kreißsaal einverstanden, der Aufsichtsrat aber nicht informiert. Nun wird die Sendung geprüft.

Von Isabell Jürgens
Foto: Reto Klar

Gesundheitssenator Mario Czaja will die Dreharbeiten stoppen
Gesundheitssenator Mario Czaja will die Dreharbeiten stoppen

Der Berliner Senat hat die Dreharbeiten zur RTL-Serie "Babyboom – Willkommen im Leben" vorläufig gestoppt. Seit knapp zwei Wochen laufen die Filmarbeiten auf der Entbindungsstation im Vivantes Klinikum im Friedrichshain bereits.

Doch erst am Dienstag wies Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) die Geschäftsführung des landeseigenen Krankenhaus-Konzerns Vivantes an, die Filmarbeiten des Senders RTL für die Dokusoap über die Arbeit in der Geburtsstation bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung am 20. März zu unterbrechen. "Wir müssen prüfen, ob durch die Filmaufnahmen die Rechte der Kinder und Mitarbeiter verletzt werden", begründete der stellvertretende Senatssprecher Bernhard Schodrowski. Bis dahin dürften keine Filmaufnahmen mehr gemacht werden.

RTL hatte am Wochenende bekannt gegeben, im Krankenhaus Friedrichshain seit Freitag vorletzter Woche mit 30 fest installierten, ferngesteuerten Kameras im Kreißsaal, in Krankenzimmern und Untersuchungsräumen die Geburten von Babys und das Leben der jungen Familien zu filmen. Dafür sollten einverstandene Mütter ihr Baby in einem abgetrennten Bereich der Entbindungsstation bekommen. RTL teilte mit: "Wir wollen schlicht die Menschen und ihre Geschichten zeigen, die Mitarbeiter und werdenden Eltern." Vorbild sei die Sendung "One Born Every Minute" aus England.

Aufsichtsrat war ahnungslos

Der Aufsichtsrat von Vivantes, in dem auch Vertreter des Senats sitzen, und die Eigentumsvertretung hätten von den Kameras und den Aufnahmen vor ersten Medienberichten am vergangenen Wochenende nichts gewusst, erklärte der Senatssprecher nach der Senatssitzung am Dienstag. "Deshalb konnte wir auch nicht schneller reagieren", sagte Schodrowski. Den Vertrag mit RTL habe die Vivantes-Geschäftsführung ausgehandelt, ohne den Aufsichtsrat zu informieren.

"Offenbar ging die Klinikleitung davon aus, dass es sich um eine rein operative Entscheidung handele", sagte Schodrowski, "für die keine Einwilligung des Aufsichtsrats nötig sei." Ob dies tatsächlich so sei, werde jetzt bis zur kommenden Aufsichtsratssitzung geprüft. Es gebe "erhebliche Bedenken", denn schließlich seien sowohl die Mitarbeiter als auch die Mütter und ihre Kinder betroffen.

Es würden zwar nur Aufnahmen gemacht, wenn die Eltern sowie die Mitarbeiter ihre Einwilligung dazu geben, räumte Schodrowski ein. "Doch was ist denn, wenn sich das unter dem Eindruck der oft stundenlangen Geburt ändert?", so Schodrowski weiter. Der Senat habe deshalb einhellig beschlossen, die Verträge genau zu prüfen. Zudem gebe es auch erhebliche inhaltliche Kritik an dem Format. Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) habe das das weitere Vorgehen vorgeschlagen und und die Geschäftsführung von Vivantes angewiesen, die Filmaufnahmen bis zur nächsten Aufsichtsratssitzung auszusetzen.

Dreharbeiten gehen weiter

Bis zum Dienstagnachmittag war die Klinikleitung noch nicht über den Senatsentscheid informiert worden, wie Vivantes-Sprecherin Mischa Moriceau der Berliner Morgenpost sagte. "Wir sind nach wie vor von der Seriosität des geplanten Formats einer Entbindungsdokumentation im Vivantes überzeugt", sagte sie. "Wir haben bei der Vorbereitung des Projektes aus unserer Sicht alle klinischen und juristischen Fragen berücksichtigt." Dazu habe die Zustimmung aller beteiligten Mitarbeiter und Akteure, der Regionaldirektion, der Hygiene-Beauftragten, des Vivantes Datenschutzbeauftragten, des Betriebsrates und der Konzernkommunikation gehört.

Laut Vivantes-Sprecherin hätten von den 17 Ärzten der Station nur zwei gesagt, dass sie nicht gefilmt werden wollen. Insgesamt hätten zwei Drittel der Mitarbeiter zugestimmt. Diejenigen, die das abgelehnt hätten, müssten keine Nachteile befürchten. "Sie betreuen dann eben diejenigen Mütter, die ebenfalls keine Filmaufnahmen wünschen", sagte Moriceau. Sollte das Land Berlin als Gesellschafter von Vivantes dennoch eine Einstellung oder Aussetzung der Filmaufnahmen anweisen, werde man dem folgen.

"Derzeit laufen die Filmarbeiten noch weiter", so die Sprecherin. Beim Fernsehsender RTL stieß die Entscheidung des Berliner Senats ebenfalls auf Unverständnis. "Sämtliche Rechtefragen wurden weit im Vorfeld und in enger Zusammenarbeit zwischen Produzent und Klinik geklärt", so Sprecherin Anke Eickmeyer. "Wir gehen daher davon aus, dass die Dreharbeiten weitergehen können", sagt sie. Allen Kritikern empfehle sie "sich zu informieren, bevor sie ein Urteil fällen."

Preisgekrönte Dokumentation

Das englische Vorbild der Doku-Reihe "One Born Every Minute" sei mit dem BAFTA, dem Preis der Britischen Akademie der Film- und Fernsehkunst, ausgezeichnet worden und ein Riesenerfolg in Frankreich, Amerika und im Herkunftsland der Doku, in England, heißt es in der RTL-Ankündigung zum Drehstart der Serie über "Das Wunder der Geburt". In England gehe das Format bereits in die vierte Staffel, nachdem die dritte Staffel mit mehr als fünf Millionen Zuschauern die bisher erfolgreichste war. Produziert werde die Doku von Shine Germany im Auftrag von RTL. Die Ausstrahlung sei für Frühjahr/Sommer 2013 in der Primetime geplant.

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