25.02.13

Prozess

Geiselnehmer kommt mit Bewährungsstrafe davon

Der 86 Jahre alte Wohnungslose hatte damals zwei Bier und ein Fernsehteam gefordert. Er wollte auf seine soziale Lage aufmerksam machen.

Von Hans H. Nibbrig
Foto: dpa

Der angeklagte Bankräuber Hans-Peter G. (r) und sein Rechtsanwalt Bernd Kubacki konnten mit dem milden Urteilsspruch zufrieden sein
Der angeklagte Bankräuber Hans-Peter G. (r) und sein Rechtsanwalt Bernd Kubacki konnten mit dem milden Urteilsspruch zufrieden sein

Der Mann, der am Montag im Landgericht Moabit auf der Anklagebank Platz nehmen musste, hat vor zwei Monaten Schlagzeilen gemacht. Seine damalige Tat, eine Geiselnahme in einer Bankfiliale in Charlottenburg, gilt gemeinhin als schweres Verbrechen. In Erinnerung geblieben ist in diesem Fall allerdings nur die eher kuriose Forderung des Geiselnehmers, über die die Medien seinerzeit ausführlich berichteten: zwei Bier und ein Fernsehteam. Jetzt hat eine Strafkammer den 68-Jährigen zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Das Gericht ging von einem minderschweren Fall aus, der Vorsitzende sprach in seiner Urteilsbegründung von einem "Augenblicksversagen" des Angeklagten – das war der Hauptgrund für die vergleichsweise milde Strafe.

Mit der Verlesung der Anklageschrift schilderte der Vertreter der Staatsanwaltschaft zu Beginn der Verhandlung nochmals detailliert den Ablauf der Geiselnahme. Am 27.Dezember gegen 13 Uhr betrat Hans PeterG. die Filiale der Postbank an der Joachimstaler Straße. Zielstrebig und mit einer Schusswaffe in der Hand suchte er einen der Beratungsräume auf.

Den dort anwesenden Bankberater JensB. forderte er barsch auf, sich zu setzen, und stellte direkt seine Forderung: ein Interview mit einem Fernsehteam des RBB. Um dem Ansinnen den nötigen Nachdruck zu verleihen, zeigteG. dem Berater seine Waffe und drohte mehrfach, ihm ins Knie zu schießen. Nachdem sichB. von einem ersten Schock erholt hatte, rief er mit Einverständnis des sonderbaren Geiselnehmers seinen Filialleiter dazu. Der hörte sich die Forderungen an und versprach, sie weiterzuleiten.

Zweiter Großeinsatz

Nachdem er den Beratungsraum verlassen hatte, sorgte der Filialleiter dafür, dass andere Mitarbeiter und anwesende Kunden die Filiale verließen, und alarmierte die Polizei. Für die war es die zweite "Großlage" innerhalb von nur einer Woche. Nur wenige Tage zuvor hatte ein anderer Geiselnehmer in einer Bank in Zehlendorf die Polizei stundenlang in Atem gehalten. Wie schon in Zehlendorf lief erneut eine ganze Maschinerie an. Hunderte Beamte waren im Einsatz, die Postbankfiliale wurde weiträumig abgesperrt, und ein Spezialeinsatzkommando (SEK) rückte an. Den SEK-Beamten kam die ungewöhnliche Forderung des Geiselnehmers durchaus zugute. Getarnt als Fernsehteam, betraten sie den Beratungsraum und konntenG. dann schnell überwältigen. Kurz nach 14Uhr war alles vorbei.

Hans PeterG. hat einen Menschen in seine Gewalt gebracht und mehr als eine Stunde lang mit einer Schusswaffe bedroht. Auch wenn die Waffe sich letztlich als Schreckschusspistole entpuppte, ist die Tat ein Verbrechen, für das der Gesetzgeber eine Mindeststrafe von fünf Jahren vorsieht. Und ein krimineller Akt, der auch nicht durch diverse Schicksalsschläge im Leben des Geiselnehmers gerechtfertigt werden kann. Vor Gericht stand am Montag daher kein Opfer, sondern ein Täter.

Kein kaltblütiger Gewaltverbrecher

Dennoch ist der 68-Jährige alles andere als ein kaltblütiger Gewaltverbrecher, und das Geschehen in der Postbankfiliale hat durchaus etwas von einer Verzweiflungstat an sich. Hans PeterG. kam Anfang der 90er-Jahre nach Berlin und arbeitete seit 1994 als Hausmeister für die Treberhilfe. In fünf Häusern der sozialen Einrichtung kümmerte er sich um Reinigungsarbeiten und anfallende Reparaturen aller Art. 1300 Euro netto erhielt er dafür im Monat. Dann machte die "Maserati-Affäre" des Treberhilfe-Chefs Schlagzeilen, die Einrichtung musste Insolvenz anmelden, und die Welt von Hans PeterG. brach zusammen. Sein Beschäftigungsverhältnis lief weiter, er ging täglich zur Arbeit, erhielt aber nur noch Abschlagszahlungen. Mal 100, mal 200 Euro im Monat. Zu wenig für die 520 Euro Miete pro Monat.

Ein Job, aber keine Wohnung

Der Vermieter drohte mit Kündigung, es folgten eine Räumungsklage und die Räumung. Im Sommer 2012 wurdeG. obdachlos, und das, obwohl er immer noch einer – wenn auch schlecht bezahlten – Arbeit nachging. G.empfand dies, wie er sagte, als Ungerechtigkeit. Um auf die aufmerksam zu machen, habe er die Tat begangen. "Ich wollte kein Geld, das habe ich auch den Bankleuten immer wieder gesagt. Ich wollte, dass ein Reporter über meinen Fall berichtet", sagteG. Die Bankmitarbeiter bestätigten dies. Dennoch habe er die Situation als "relativ ernst" empfunden, berichtete die Geisel.

"Wer arbeitet, soll auch wohnen dürfen", beschriebG. vor Gericht seine schlichte Vorstellung von Gerechtigkeit. Diese Vorstellung könnten wohl auch die vielen in Berlin aktiven Kämpfer gegen soziale Ungerechtigkeiten zu ihrem Motto erheben. Doch niemand hat das Schicksal vonG. zum Anlass genommen, zu Protesten und Widerstand aufzurufen. G.s Weg in die Obdachlosigkeit vollzog sich unbemerkt von der Öffentlichkeit. Und als seine Versuche, irgendwo Hilfe zu bekommen, vergeblich blieben, nahmG. die Waffe, die er irgendwann einmal beim Laubfegen vor einem Treberhilfe-Objekt gefunden hatte, und betrat damit die Postbank.

Angeklagte verbrachte bereits 20 Jahre hinter Gittern

Hans PeterG. ist aber nicht nur das vom Schicksal gebeutelte Opfer, er ist auch ein Mensch, der vor allem in jüngeren Jahren eine Vielzahl von Straftagen beging und knapp 20 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbrachte. In Berlin erhoffte er sich einen Neuanfang. Das klappte auch, bis zum vergangenen Jahr. Er habe genau gewusst, was er tat, ihm sei es nur um Aufmerksamkeit gegangen, sagteG. Und äußerte auch freimütig, wie er heute zu seiner Tat stehe: "Mist war das."

Einen Aspekt in der Berichterstattung über die Geiselnahme stellte am Montag die Geisel klar. Nicht der Geiselnehmer, sondern er habe zwei Flaschen Bier bestellt. Um den 68-Jährigen abzulenken, und um zur Not eine Waffe zu haben, um sich gegen die Bedrohung wehren zu können. Zur Verhandlung war der mittellose Hans PeterG. in der Anstaltskleidung der U-Haftanstalt erschienen. Seine mit der Bewährungsstrafe verbundene Freilassung stellt ihn jetzt wieder vor das Problem, eine Unterkunft suchen zu müssen.

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