25.02.13

Energiesperre

Der Mann, der in einer Wohnung ohne Strom leben muss

Seit über einem Jahr lebt ein Wilmersdorfer ohne Elektrizität. Bis er seine Stromschulden abgezahlt hat, könnte noch ein Jahr vergehen.

Von Christine Eichelmann
Foto: Amin Akhtar

Im Dunkeln: Patrick Neumann (30) ist in seiner Wohnung seit über einem Jahr von der Stromversorgung abgeklemmt, weil er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte
Im Dunkeln: Patrick Neumann (30) ist in seiner Wohnung seit über einem Jahr von der Stromversorgung abgeklemmt, weil er seine Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte

Um die Roten macht Patrick Neumann normalerweise einen Bogen. Rote Kerzen, das weiß er nur zu gut, schlucken mehr Licht als weiße. Vor allem wenn die Flamme die Kerze ausgehöhlt hat und nur noch durch die Wachswand strahlt. Neumann hat das lange genug beobachtet. Doch am Ende eines Monats muss er mehr auf das Geld als auf die Farbe schauen und im Zweifelsfall die roten Kerzen aus seinem Vorrat nutzen.

Seit mehr als einem Jahr ist er so etwas wie ein Spezialist für Kerzenlicht. Seit im November 2011 bei ihm der Strom abgestellt wurde. Bald 14 Monate lebt der 30-Jährige in seiner Wilmersdorfer Wohnung ohne die Möglichkeit, Wäsche zu waschen. Ohne Kühlschrank, rechnet man das Fensterbrett jetzt im Winter mal nicht mit. Ohne Warmwasser und Herdflamme. Vor allem aber lebt Patrick Neumann ohne elektrisches Licht. Im Winter ist es besonders hart für ihn.

"Das ist das Schlimmste, wenn es so früh dunkel wird", sagt Patrick Neumann. Da sitzt er dann auf seinem Sofa und schaut den Schatten zu, die die Kerze an die Wand seiner Einzimmerwohnung wirft. Fernseher, Radio, Telefon – Ablenkungen des Alltags werden rar, wenn die Energie fehlt, die das moderne Leben am Laufen hält. Manchmal stellt Neumann noch die Taschenlampe wie einen Deckenfluter auf. "Aber mit Batterien muss ich sparen. Damit ich nachts zum Klo finde."

Stromnachzahlung von 1600 Euro

Die Geschichte von Patrick Neumann – schmales, fast feminines Gesicht, getrimmter Bart, einnehmendes Wesen – könnte rasch erzählt sein. Weil die Heizung nicht funktionierte, hatte er 2010 einen Ölradiator aufgestellt. Dass der Strom fresse, davor hatte ihn sein Kumpel noch gewarnt. "Das war mir aber in dem Moment egal. Ich hatte es erst mal wieder warm." Ende 2010 belief sich die geforderte Stromnachzahlung auf circa 1600 Euro. Mit Vattenfall vereinbarte Neumann Ratenzahlung, dazu wurden seine monatlichen Abschläge auf etwa das Fünffache aufgestockt.

Für den Hartz IV-Empfänger mit geringem Zuverdienst durch einen Hilfsjob eine Herausforderung. "Ab dem dritten Monat hat es nicht mehr geklappt mit dem Überweisen", sagt Neumann. Im November 2011 schließlich – seine Stromschulden waren mittlerweile auf rund 2600 Euro angewachsen – standen die Mitarbeiter von Vattenfall vor der Tür.

Rund 20.000 Stromabschaltungen jährlich

Wie oft in Berlin Stromzähler verplombt werden, weil Rechnungen offen bleiben, ist nicht erfasst. Die statistisch rund 20.000 Stromabschaltungen jährlich bei allen 300 Stromanbietern der Hauptstadt umfassen auch Fälle, wo Bauarbeiten oder Umzüge Unterbrechungen verursachen. Doch dass das Problem der Energieschulden stetig wächst, weiß man bei den gemeinnützigen Schuldnerberatungsstellen.

Im ersten Halbjahr 2012 hatten dort laut Statistik 1784 Klienten zusammen Energieschulden in Höhe von fast 2,4 Millionen Euro. Das entspricht rechnerisch 1336 Euro pro Klient. Zum Vergleich: Im zweiten Halbjahr 2008 kamen auf einen Klienten noch im Schnitt 1000 Euro. Weil auch die Stromanbieter ein Interesse an der Solvenz ihrer Kunden haben, unterstützt Vattenfall die Gemeinnützige Gesellschaft für Verbraucher- und Sozialberatung mbH (GVS) in Lichtenberg.

Mit dem Senat hat der Stromgrundversorger ebenso wie der Gasanbieter Gasag vereinbart, dass in der kalten Jahreszeit keine Energiesperren veranlasst werden. Das aber gilt nur, wenn Strom oder Gas nicht zum Heizen benötigt werden. Das trifft in der Wilmersdorfer Wohnung bei Patrick Neumann nicht zu. "Dies ist kein typischer Fall", sagt Vattenfall-Sprecher Hannes Hönemann.

Zwar gebe es immer wieder mal Schulden durch den Gebrauch stromintensiver Radiatoren. "Häufiger aber sind Arbeitslosigkeit oder die Trennung vom Partner Ursache des Problems", so Hönemann. Außerdem habe Neumann bereits früher Zahlungsschwierigkeiten gehabt. "Trotzdem gibt es Wege aus so einer Situation durch Beratungsstellen und Hilfsangebote verschiedener Institutionen", sagt Hönemann.

Jobcenter kann Darlehen für Hartz-IV-Empfänger gewähren

Tatsächlich gibt es in Berlin gemeinnützige Schuldnerberatungsstellen in allen Bezirken, 19 listet die Landesarbeitsgemeinschaft der Schuldner- und Insolvenzberatungen auf. Sozialdienste in den Bezirksämtern sind Ansprechpartner für Probleme verschiedenster Art. Das Jobcenter kann Darlehen für Hartz IV-Empfänger mit Energieschulden gewähren.

Auch Neumann hat darauf schon mal zurückgegriffen. Der sozialpsychiatrische Dienst in Charlottenburg-Wilmersdorf unterstützt nach Auskunft von Sozialstadtrat Carsten Engelmann (CDU) erneut eine Übernahme seiner Stromschulden, ebenso wie einen Antrag Neumanns auf einen gesetzlichen Betreuer, der sich um seine Finanzen kümmert. Voraussetzung ist allerdings ein befürwortendes Gutachten eines Psychiaters. "Zu den Terminen ist Herr Neumann aber nicht erschienen", so Engelmann.

Und hier beißt sich die Katze in den Schwanz und aus der schnell erzählten Geschichte des Patrick Neumann wird eine Endlosschleife. Eine Malerlehre, die er kurz vor der Gesellenprüfung abbrach. Ein Aushilfsjob im Supermarkt, dem er fernblieb, als er nicht mehr warm duschen konnte und die Kollegen anfingen zu tuscheln. Immer neue Vorstöße in Richtung Jobcenter oder Sozialberatung, wo er Wege aus seiner Misere suchte, ihm aber auf halber Strecke stets die Luft ausging. Weil diese Wege für Menschen wie Patrick Neumann lang sein können.

Seine Mutter weiß von nichts

Wenn er sich etwas wünschen könnte, würde er gerne seine Lehre wiederholen. "Oder eine andere, aber einen Gesellenbrief möchte ich haben und mit beiden Händen festhalten", sagt Neumann. Das Wichtigste aber sei, wieder Strom zu haben. Die Dosengerichte, die er sich auf einer mobilen Kochgelegenheit erwärmt, könne er schon nicht mehr sehen. Ohnehin reiche sein Budget dafür nur einen halben Monat lang.

Seine Wäsche trägt Patrick Neumann zur Mutter, der einzigen, vor der er seine Situation verheimlicht. Seine Waschmaschine sei kaputt, habe er ihr erzählt. "Dass ich mit Dreißig ohne Strom dasitze, das wäre einfach zu traurig für sie", sagt er. In den nächsten Wochen will er erneut beim sozialpsychiatrischen Dienst vorstellig werden. Und beim Jobcenter müsste man auch noch mal nachfragen. Patrick Neumann hat es sich fest vorgenommen. Wieder einmal.

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Wie man in Stromarmut rutscht
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    In Großbritannien kämpft ein Haushalt offiziell mit Energiearmut, wenn mehr als zehn Prozent des gesamten Haushaltseinkommens für Strom aufgewendet werden müssen. In Deutschland gibt es das nicht. Das Bundeswirtschaftsministerium erklärt nur, dass „der gebotene Schutz vor Energiearmut für einkommensschwache Haushalte über das Sozialrecht sichergestellt wird.“

  • Kritik

    Die Gemeinnützige Gesellschaft für Verbraucher- und Sozialberatung (GVS) bemängelt jedoch, dass der Regelsatzanteil für Haushaltsenergie, den Hartz-IV-Empfänger erhalten, nicht den gestiegenen Strompreiskosten angepasst wurde. Alleinstehende erhalten 364 Euro durch das Arbeitslosengeld II. 30,42 Euro sind davon für den Energieverbrauch vorgesehen.

  • Berechnung

    Dafür bekommt man rund 1100 Kilowattstunden Strom. Der Durchschnittsverbrauch bei Alleinstehenden liegt jedoch bei 1600 bis 2000 Kilowattstunden. Laut der GVS übersteigen die Stromkosten den Regelsatz um rund 40 Prozent. „Oft ist es eine Kombination aus Scham und Überforderung bei den Betroffenen, die eine Strom-Abschaltung zur Folge hat“, so die GVS.

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