25.02.13

Klimawandel

In Berlins Wäldern werden eine Million neue Bäume gepflanzt

Um dem Klimawandel entgegenzuwirken, benötigt Berlin mehr Laubbäume. Nun sollen die Naherholungsflächen fit für die Zukunft gemacht werden.

Von Christina Brüning und Tanja Laninger
Foto: Glanze

Elmar Lakenberg, Leiter der Berliner Forsten, strebt bis zum Jahr 2050 auf 100 Prozent der Waldflächen Mischwald an, auch aus stadtökologischen Gründen
Elmar Lakenberg, Leiter der Berliner Forsten, strebt bis zum Jahr 2050 auf 100 Prozent der Waldflächen Mischwald an, auch aus stadtökologischen Gründen

Wenn man sich kratzen muss, ist es schon zu spät. In Berlins Wäldern ist der Eichenprozessionsspinner auf dem Vormarsch. Seine Härchen lösen nicht nur bei Menschen schwere Allergien aus, das Insekt schadet auch den Eichen.

Nach dem jüngsten Waldschadensbericht hat diese Baumart immer noch starke Schäden aufzuweisen. Dabei braucht es mehr Laubbäume in Berlin, um dem Klimawandel etwas entgegenzuhalten.

Der Leiter der Berliner Forsten, Elmar Lakenberg, hat deshalb mit finanzieller Unterstützung des Abgeordnetenhauses ein Mischwaldprogramm gestartet. Eine Million Bäume sollen bis 2015 gepflanzt werden. Andere werden abgeholzt.

Berliner Morgenpost: Wie ist es bestellt um den Gesundheitszustand der Berliner Wälder, Herr Lakenberg?

Elmar Lakenberg: Der Zustand ist in der letzten Erhebung etwas besser als im Vorjahr. Probleme haben wir in den letzten Jahren bei den Eichen. Dort ist starker Insektenfraß durch den Eichenprozessionsspinner aufgetreten. Die Eiche hat kaum mehr Phasen, in denen sie sich regenerieren kann. Fachleute rechnen damit, dass es ungefähr zehn Jahre dauert, bis sich seine natürlichen Gegenspieler entwickeln, also andere Insekten wie Schlupfwespen. Erst dann bekommt die Eiche wieder Pausen, um sich zu erholen.

Der Gesundheitszustand hat sich leicht verbessert – was heißt das konkret?

Es gibt einen größeren Anteil von Bäumen ohne Schäden, und der Anteil stark geschädigter Bäume ist nicht gestiegen. Das betrifft alle Bäume. Die Kiefer sieht relativ gut aus. Sie macht rund 60 Prozent des Waldes aus. Sie ist entwicklungsgeschichtlich ein altertümliches Modell, das den Vorteil hat, dass es trockene wie nasse Jahre ertragen kann. Da sie mehrere Nadeljahrgänge hat und immer nur ein Drittel der Nadeln abwirft, hat sie nicht so viel Energieaufwand wie die Eiche, die jedes Jahr die Beblätterung neu ausbildet.

Im Bundesschnitt ist jede zweite Eiche krank. Ist das in Berlin genauso?

Bei uns ist es schlechter. Dafür gibt es viele Gründe. Wir wissen bei den mittelalten Eichen nicht, wo die herkommen. Das Saatgut ist früher irgendwo gekauft worden, wo es billig war, vermutlich in Südeuropa. Diese Bäume vertragen unseren Frost nicht gut. Der Berliner Wald besteht zu 16 Prozent aus Eichen. Das ist im Vergleich zu Brandenburg sehr viel. Aber die natürliche Zusammensetzung war einst umgekehrt: Das, was wir heute an Kiefern haben, waren früher Eichen.

Welche weiteren Faktoren machen dem Wald zu schaffen?

Den Stieleichen, die in den Niederungen wachsen, macht die Grundwasserabsenkung zu schaffen. Die klassische SO²-Belastung ist durch Einbau von Filtern in Großkraftwerken und Wegfall der Braunkohlekraftwerke geringer geworden, aber die Stickoxide aus dem Verkehr belasten die Umwelt leider noch immer. Der Klimawandel kommt dazu, der sich auf die Insekten wie auf die Bäume auswirkt. Wir haben zunehmend trockenere Frühjahre.

Der Klimawandel in Berlin – wie wird er sich auswirken?

Das Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung hat versucht einzuschätzen, wie das Klima in Berlin im Jahr 2100 aussehen wird. Wir liegen dann klimatisch auf Höhe von Mittelitalien. Das hat Konsequenzen. In Helsinki ist die Witterung dann so wie bei uns jetzt. Bäume können aber nicht mitwandern. Vogelarten können flexibler reagieren. Wir haben jetzt schon Bienenfresser bei uns auf den ehemaligen Rieselfeldern, die eigentlich zum Mittelmeer gehören. Die Klimaveränderung passiert in einer Geschwindigkeit, in der sich Baumarten genetisch nicht anpassen können. Von daher überlegt man, ob man nicht Eichen dazusät aus Regionen, wo heute ein Klima herrscht, wie wir es bei uns in Zukunft erwarten. Rumänien zum Beispiel, die halbtrocken Gebiete. So würden wir den Genpool vergrößern, indem man solche Bäume einbindet. Ansonsten versuchen wir, dem Klimawandel durch große Vielfalt entgegenzuwirken.

Was bedeutet das?

Es läuft gerade das Mischwaldprogramm an. Wir bringen mehr Laubholz ein, möglichst viele Baum- und Straucharten für ein stabiles Waldgerüst. So sind andere Arten noch da, wenn eine einknickt, und wir bekommen keine Steppe, sondern erhalten geschlossenen Waldbestand. Der ist fürs Stadtklima wichtig, der Luftaustausch, die kühle Luft, kommt über den Wald in die Stadt hinein. Tropische Nächte, in denen die Menschen so schlecht schlafen, haben wir durch den Wald weniger.

Wie viel wird dafür investiert?

In das neue Mischwaldprogramm, das auf vier Jahre angelegt ist, wurden im letzten Jahr knapp 700.000 Euro investiert. In diesem Jahr werden es 800.000 Euro sein.

Was passiert damit?

Es geht vor allem um zwei Probleme. Entweder haben wir Waldbestände bedeckt nur mit spät blühender Traubenkirsche, die eine Naturverjüngung unserer heimischen Laubbaumarten unterbindet. Oder es gibt Bestände, wo außer Kiefer gar nichts wächst. Es bleibt einiges zu tun, weil zwei Drittel unserer Fläche nicht in einem ökologisch wünschenswerten Zustand mit entsprechendem Laubholzanteil sind. Die Traubenkirsche entfernen wir, und wir pflanzen Laubbäume, wo es nötig ist.

Gibt es Schwerpunkte bei der Pflanzung?

Ja, im mittleren Grunewald und im Köpenicker Raum. Wir pflanzen Eiche, Buche, Hainbuche, Linde. Wo Naturverjüngung stattfindet, ergänzen wir nur oder pflanzen im weiteren Verband. Ende 2015 werden wir 360 Hektar Land mit Laubholz bepflanzt haben – das ist ungefähr die Größe des Flughafens Tempelhof. Schätzungsweise werden das eine Million Bäume sein.

Im Vergleich zur Gesamtfläche von 29.000 Hektar ist das ein recht kleiner Anteil...

Ja. Aber mehr ist nicht zu schaffen. Das Programm wird ausgeschrieben, das machen Firmen, die müssen wir beaufsichtigen. Unsere Personalkapazitäten sind begrenzt.

Muss das Programm kontinuierlich betrieben werden, um einen Effekt zu haben?

Eine kontinuierliche Finanzierung gibt es bis jetzt nicht. Das ist das Problem. Wir müssten bis 2050 auf 100 Prozent der Waldfläche Mischwald haben, um die durch den Klimawandel geringere Grundwasserspende zur Trinkwasserversorgung auszugleichen. Ein Laubmischwald bringt im Vergleich zum Kiefernwald ungefähr 50 Millimeter mehr Niederschlag. Denn im Winter sind Kiefern grün und verdunsten fleißig, während die Laubbäume fast alles an Wasser durchlassen. Mit Mischwald würden 50 Millimeter ausgeglichen.

Wie viel werden Sie schaffen bis 2050?

Das hängt von den Rahmenbedingungen ab. Wir müssen in den Wald mehr investieren als bisher. Das ist in Zeiten knappen Geldes schwierig. Wir versuchen, es kostengünstig zu gestalten. Wir arbeiten zum Beispiel intensiv mit dem Eichelhäher als ehrenamtlichen Helfer zusammen, der die Eicheln in die Erde steckt und hundertprozentig weiß, wo die Belichtungsverhältnisse optimal sind, so dass die Eiche treibt. Wir bieten denen die Eicheln in Körben an, an die die Wildschweine nicht rankommen. Wir müssen jede Woche nachlegen.

Welchen Einfluss hat die Mischwaldstrategie auf die Forstwirtschaft. Kann man mit den Hölzern genau so viel Geld verdienen wie bisher?

Die Holzindustrie will viel Nadelholz haben, weil das einfacher zu verarbeiten ist. Aber wir lassen uns als Waldbesitzer das Diktat nicht aufzwingen. Die Industrie will, dass wir die Bäume in jüngeren Jahren runterhauen, weil die dicken Stämme für die Herstellung von Möbeln gar nicht interessant sind. Früher war der Holzpreis umso höher je dicker der Baum war. Inzwischen arbeitet man auch mit dünnen Hölzern und macht dicke Balken draus mit Holzleimverfahren. Unsere Position lautet: Wenn die Holzindustrie weiter von uns Holz beziehen will, dann zu unseren Konditionen. Die verarbeitenden Firmen müssen sich was einfallen lassen, wie sie das Holz behandeln.

Also müssen Sie keine Prioritäten setzen: nachhaltige klimawandelfeste Bewirtschaftung versus gute Holzpreise?

Wir haben ausgewiesenen Schutz- und Erholungswald auf ganzer Fläche in Berlin. Das bedeutet, dass wir ästhetisch schönen Wald haben wollen. Da kann zwar Nadelholz dabei sein. Aber reine Kieferbestände sind alles andere als schön. Nach allem, was man weiß, stellen Mischwälder das Ideal dar.

Aber das Land Berlin könnte doch überlegen: Wir haben wenig Geld, können wir nicht mehr aus dem Wald herausholen?

Die Preise steigen doch auch so. Im Jahr 2012 haben wir 120.000 Festmeter, also Kubikmeter, eingeschlagen, so viel hatten wir in den letzten Jahren nicht. Das ist die Menge, die wir im Jahr nachhaltig schlagen können, ohne den Wald zu gefährden. Wir bleiben normalerweise drunter, denn alles, was stehen bleibt, ist gut für das Klima, es bindet CO2. Unsere Holzerlöse lagen im letzten Jahr bei 3,5 Millionen Euro im Jahr, 2003 waren es 730.000 Euro für ungefähr die gleiche Menge. Holz wird knapp. Wir sind langsam bei einem Preisniveau, das dem Rohstoff angemessen ist. Vorher – das war eigentlich lächerlich. Wir schreiben jährlich aus. Mehr als 80 Prozent des Holzeinschlags machen inzwischen Unternehmen für uns. Wir haben zu wenige Leute, und es ist eine körperlich schwere Arbeit. Das Durchschnittsalter bei uns beträgt 51 Jahre.

Wie haben sich die Kosten für die Berliner Forsten entwickelt?

Sie werden geringer, beziehungsweise stagnieren durch den Personalabbau. Nach der Wende, als die ganzen Flächen über die Treuhand zurückkamen zu Berlin, hatten wir 720 Mitarbeiter. Von denen wurde gleich auf 590 runtergespart. Jetzt sind wir bei 252. Die Fläche, die es zu betreuen gilt, ist dabei dieselbe geblieben.

Wie groß ist ihr Etat im Moment?

14 Millionen Euro. Man wird nie kostendeckend arbeiten können. Der forstwirtschaftliche Bereich insgesamt kann sich inzwischen selber tragen. Aber wir erledigen viele Hoheitsaufgaben und Dienstleistungen für Erholungssuchende, für die wir keinen Eintritt verlangen. An Einnahmen haben wir nur noch 120.000 Euro aus Wildverkauf und dann aus Vermietung und Verpachtung, wobei wir die Mittel wieder in die bauliche Unterhaltung stecken.

Mit welchen Forderungen gehen Sie in die Haushaltsberatungen mit dem Senat?

Wir wollen, dass das Mischwaldprogramm zu einer festen Einrichtung wird, damit wir das Ziel bis 2050 erreichen, die Grundwasserspende wieder auszugleichen. Je schneller wir gemischte Bestände haben, desto besser sind wir für den Klimawandel gerüstet. Ein großes Problem für mich ist auch, den Generationsübergang zu schaffen. Ab 2017 scheiden bei uns 85 Leute ganz regulär aus, davon ein Drittel aller Führungskräfte. Ich selber auch. Es ist mir ein großes Anliegen, bevor wir Alten alle weg sind, den Nachwuchs einzuarbeiten und ihm bestimmte Dinge als Lebenserfahrung übermitteln zu können, die man in Büchern nicht lesen kann. Doch das wird schwierig, weil wir immer noch Personal abbauen müssen.

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