22.02.13

Nachwuchsförderung

Zahl der Deutschland-Stipendiaten an den Unis wächst

An der Humboldt-Universität in Berlin läuft ein Projekt an: Firmen helfen den Hochschulen. Das eröffnet Studenten neue Möglichkeiten.

Von Leon Scherfig
Foto: ZB

Mit dem Deutschland-Stipendium erhalten Stipendiaten 300 Euro Fördergeld
Mit dem Deutschland-Stipendium erhalten Stipendiaten 300 Euro Fördergeld

Der Studiengang, den Patrick Hansen belegt, gilt als keiner, in den die großen Konzerne investieren, um Nachwuchs zu rekrutieren. Der 24 Jahre alte Berliner studiert weder Medizintechnik noch Maschinenbau, sondern Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität (HU). Dennoch finanziert ihn die Schering Stiftung, eigentlich dafür bekannt, vor allem Naturwissenschaftler und technische Talente zu fördern.

Doch der Geisteswissenschaftler Hansen profitiert vom sogenannten Deutschland-Stipendium, das die Bundesregierung 2011 ins Leben gerufen hat. Es folgt einem einfachen Prinzip: Eine Hälfte des Förderbetrags übernimmt der Bund, die andere Hälfte schießt ein privater Förderer, ein Unternehmen oder eine Stiftungen hinzu. 300 Euro fließen so im Monat in die Geldbeutel der Stipendiaten.

Die per Gesetz verankerte Studienfinanzierung kam etwas schwer in Gang, nimmt aber allmählich Fahrt auf. Fast 11.000 Studenten bezogen bundesweit im Jahr 2012 das Deutschland-Stipendium. Damit hat sich die Zahl der Geförderten im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.

Der Deutschland-Stipendiat Hansen sitzt in einem Café neben dem Grimm-Zentrum in der Nähe des S-Bahnhofs Friedrichstraße. Er schreibt gerade eine Hausarbeit über den englischen Maler Joseph Wright, 18. Jahrhundert – kein Thema, mit dem man bei multinationalen Konzernen und großen Geldgebern unbedingt punktet.

Überraschende Zusage

"Ich habe mir im ersten Moment keine großen Chancen ausgemalt", sagt der Masterstudent. Er schrieb eine Motivation, einen kurzen Essay, schickte ein Gutachten seines Professors mit. Und wenige Wochen später überraschte den 24-Jährigen dann die Zusage. "Ich glaube, dass die Möglichkeiten, die es gibt, sehr vielen Studenten nicht bekannt sind."

Die Vorgaben des Programms sind hoch: Insgesamt acht Prozent aller deutschen Studierenden sollen das Stipendium erhalten. Bisher schöpften nur wenige Hochschulen dieses Potenzial voll aus. Zumindest an den Berliner Universitäten mit ihren 160.145 Studierenden dürfte sich das ändern. Die HU-Mitarbeiterin Mariana Bulaty beobachtete in den vergangenen Jahren einen starken Anstieg an geisteswissenschaftlichen Nachwuchsforschern, die mittels Fördergeld ihr Studium finanzieren.

Bisher profitierten an der Humboldt-Universität 56 Studierende vom Deutschland-Stipendium. Mit Beginn des Sommersemesters im April wächst die Zahl der Stipendiaten auf mehr als 100 an. Mariana Bulaty spricht von einer "totalen Umkehr": "Die Fachbindungen verschieben sich von den Natur- und Wirtschaftswissenschaften hin zu den Geistes- und Sozialwissenschaften."

Ein Beispiel für diesen Umschwung dürfte ein Vorhaben der Humboldt-Universität sein, das in Deutschland bisher einmalig ist. Im Sommersemester startet ein Projekt, an dem auch der Kunstgeschichts-Student Patrick Hansen beteiligt sein wird: In zwei Themenklassen forschen Studierende, die allesamt das vom Bund geförderte Deutschland-Stipendium erhalten, zu einem interdisziplinären Wissenschaftsthema.

Stipendiaten arbeiten an Forschungsprojekt

Jeweils 15 Bachelor- und Masterstudierende, die aus diversen Disziplinen der Geistes- und Naturwissenschaften stammen, arbeiten künftig in einem Tutorium zu den zwei Forschungsfeldern "Nachhaltigkeit und Globale Gerechtigkeit" sowie "Altern und Alter". Das Programm soll die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Fachbereiche und die Bandbreite der geförderten Wissenschaftszweige ausdehnen. HU-Studenten können sich noch bis zum ersten März bewerben.

Auch an der Freien Universität in Dahlem sorgt das Deutschland-Stipendium für eine größere Vielfalt unter den geförderten Fachstudenten. "Die Stipendiatinnen und Stipendiaten vertreten wie im Vorjahr zehn der elf Fachbereiche", sagt der Sprecher Goran Krstin. Insgesamt werden 52 Studenten mit dem Programm gefördert.

An der Technischen Universität stammen die 61 vom Deutschland-Stipendium geförderten Studenten aus sieben Fakultäten. Bettina Satory vom Career Service der Hochschule beobachtet, dass sich die Motive der Förderer verändern.

"Es ist schön zu sehen, dass wir nicht mehr nur die sehr zielgerichteten Rekrutierungsprogramme von Firmen haben, die nach Nachwuchs suchen. Stattdessen sehen wir immer häufiger altruistische Motive: Die Förderer geben des Gebens willen, um die Forschung zu unterstützen und die Talente im Land zu halten", sagt die Referatsleiterin.

Das Stipendien-Prinzip stellt nicht den einzelnen Studenten, sondern die Hochschulen vor die Aufgabe des Geldeinwerbens und verschärft somit die Konkurrenz zwischen den Universitäten. "Wenn wir 300 Stipendien vergeben wollen, müssen wir eine Summe von 540.000 Euro von außen einwerben. Da kämpfen die Hochschulen um jeden Förderer", sagt HU-Mitarbeiterin Bulaty.

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