20.02.13

"Darkroom-Morde"

"Wäre nicht..., könnte ich nicht mehr leben"

In Berlin beginnt der Prozess gegen einen mutmaßlichen Serienmörder. Vielleicht wäre Tino das nächste Opfer – er hatte eine Affäre mit ihm.

Foto: Reto Klar

Betroffen: Tino, 33, in einer Kreuzberger Kneipe. Er hat Dirk P. fünf Mal getroffen, das sechste Treffen scheiterte durch Zufälle
Betroffen: Tino, 33, in einer Kreuzberger Kneipe. Er hat Dirk P. fünf Mal getroffen, das sechste Treffen scheiterte durch Zufälle

Am Abend, um genau 23.30 Uhr, schreibt Tino* (33) eine SMS an einen mutmaßlichen Serienmörder: "Hi :) Wie geht's dir? Meld Dich mal wieder, würd' mich freuen."

Tino hatte Dirk in guter Erinnerung, er war ein netter Typ, schlank, groß, freundlich, einer, mit dem man Spaß haben konnte. "Gute Feierabendentspannung" nennt Tino das, was er mit Dirk erlebt hat. Fünfmal hatten sie sich gesehen. Zu mir oder zu dir, war meist die Frage. Tino beantwortete sie viermal mit "zu mir", einmal mit "zu dir".

Eine halbe Stunde nach Abschicken der SMS erfährt er, warum er nie eine Antwort bekommen wird. Es ist der 26. Mai 2012, er schaut die Spätnachrichten vom RBB. Im Fernsehen ist die Rede von Dirk P., einem Grundschullehrer, 37 Jahre alt, Friedrichshainer. "Mutmaßlicher Serienmörder gefasst", steht unter einem Foto von ihm.

Aus "Mordlust" getötet

Er schaut im Internet nach, sieht ein Fahndungsfoto, das seinen Verdacht bestätigt, er erfährt, dass der Mann, den er gerade noch treffen wollte, drei Männer getötet haben soll, einen vierten beinahe. Aus "Mordlust", wie es heißt.

Am 27. April wurde der 34-jährige Alexander tot in seiner Wohnung gefunden. Am Morgen des 5. Mai liegt der 32-jährige Nicky tot in einer Darkroombar, noch am gleichen Morgen soll Dirk P. versucht haben, den 26-jährigen Miroslaw zu töten. Eine Passantin entdeckte den bewusstlosen Mann auf einem Bahnsteig, er konnte im Krankenhaus gerettet werden.

Am 16. Mai wird der 41-jährige Peter leblos in seiner Friedrichshainer Wohnung gefunden, auch er starb an Atemstillstand aufgrund einer Überdosis GHB. Über Sicherheitskameras sucht die Polizei nach dem Täter, Dirk P. gesteht am 26. Mai der Polizei. Der Prozess beginnt an diesem Freitag.

"Sind Bitter Lemon und Wodka okay?"

Bei allen vier Fällen spielt die Droge GHB eine Rolle, ein Mittel, das sonst bei Leberschäden oder Kaiserschnittgeburten eingesetzt wird, das aber inzwischen auch als Partydroge eingenommen wird. Es wird in sehr kleinen Tropfen-Mengen in Getränke gegeben, wirkt aufputschend, in größeren Mengen stark einschläfernd – und kann zu Atemstillstand führen.

Die Flüssigkeit setzt sich schnell am Boden der Flaschen oder Gläser ab – und es hat einen starken salzigen Geschmack, ähnlich wie Lakritz. Getränke wie Bitter Lemon oder Grapefruitsaft überdecken GHB sehr gut. Tino weiß das, auch wenn er nie selbst Drogen probiert. Aber er hat in einer Drogenklinik gearbeitet, seine Mutter ist Apothekerin.

Erst als Tino den ersten Schock überwunden hat, fällt ihm in der ersten Nacht noch etwas ein, das bis heute nicht aus seinem Kopf will: Er selbst könnte eines von diesen Opfern sein. Nur einige Wochen zuvor, am 2. April, hatte ihn Dirk angeschrieben: "Lass uns bei Dir treffen, ich bringe Getränke mit." Es war ein Freitag, Tino hatte sich gefreut, denn er hat selbst nie Getränke zuhause. "Sind Bitter Lemon, Grapefruitsaft und Wodka okay?" Tino hatte geantwortet: "Klar".

Monate später wird ihm ganz schlecht bei dem Gedanken an Grapefruitsaft und Bitter Lemon. Er musste an jenem Abend überraschend Überstunden machen, der Server in seiner Firma war "abgerauscht", und sie brauchten den IT-Fachmann. "Wäre nicht…", sagt er, "hätten wir…". Dann sagt er: "... könnte ich nicht mehr leben."

Der Sommer des Jahres 2012 wird nicht nur für Tino von diesem Ereignis überschattet sein. In vielen Berliner Bars und Kneipen – nicht nur für Homosexuelle – werden Schilder aufgehängt: "Achten Sie auf Ihr Getränk" oder "Akzeptieren Sie keine Drinks von Fremden". Noch im Frühjahr 2013 sind sie zu sehen. Wenn es Abende gibt, an denen "2 für 1" ausgeschenkt wird, wird man das zweite kostenlose Getränk nicht mehr los, wie früher, als man es verschenken konnte.

"Sympathisch", "Gruß zwischendurch", "Sex jetzt?"

Auf dem Motzstraßenfest im Juni 2012 ist der Mord an den drei Männern ein Thema, beim Christopher-Street-Day im Juli und beim Folsom-Fest in Schöneberg im September. Die beiden Inhaber der Darkroombar "Große Freiheit" in Friedrichshain, wo eines der Opfer gefunden wurde, waren genauso geschockt, wie viele in der Öffentlichkeit. Dabei war der mutmaßliche "Darkroom-Mörder" im Grunde ein "GHB-Mörder", eine Droge, die auch "K.o.-Tropfen" genannt wird.

Doch speziell für Tino ist es ein besonders leises Jahr gewesen. Er war weniger in Kneipen als in den Jahren zuvor. Er sagt, er habe es "ruhiger angehen lassen". Er war in keinem "Klub mit abgedunkeltem Barbereich", wie es im Beamtendeutsch heißt, von denen es rund zehn in Berlin gibt. Er war in keiner der fünf Schwulensaunen von Berlin. Tino geht auch jetzt noch in keine fremden Wohnungen mehr, und er lädt sich auch keine Fremden mehr nach Hause ein. "Man wird vorsichtiger."

Auch im Internet schaut er sich seine Kontakte genauer an. Er hat zwar noch ein Profil bei "gayromeo.com", dem wohl bekanntesten Schwulenchat Europas. In Berlin sind bei dem "Homo-Einwohnermeldeamt", wie viele es nennen, rund 34.000 Mitglieder angemeldet. Wenn Tino sich einloggt, hat kann er sehen, wie viele seiner Freunde auch online sind. Dann kann er sie anschreiben, oder ihnen eine "Tapse" geben, das sind kleine, bunte Symbole, mit denen man seine Laune ausdrücken kann.

Wenn der andere mit dem Mauszeiger über das Symbol fährt, erscheint dessen Bedeutung: "Auf einer Wellenlänge", "Knuddelig", "Sympathisch", "Gruß zwischendurch", oder etwas genauer: "Sex jetzt?". Mit Dirk P. hat er sich wochenlang über diese Tapsen unterhalten.

"Es war eine runde Sache für mich"

Noch im Herbst 2012 ist Tino meist "unsichtbar" angemeldet, andere können ihn nicht sehen, nur er kann sie anschreiben. Unter seinen Bekannten hat er noch immer "Lehrer Lämpel" gespeichert, so hieß Dirk P.'s Profil in Anlehnung an die Wilhelm-Busch-Figur mit der Brille und dem berühmten erhobenen Zeigefinger.

Das Profil ist zwar abgeschaltet, aber weil das Internet nicht vergisst, kann er noch heute sehen, dass der erste Chat mit Lehrer Lämpel an einem Abend Anfang Mai im Jahr 2011 stattgefunden hat. 18:04 Uhr schrieb er: "Hi, was suchst Du?" Das Profilfoto von Dirk kann er auch noch sehen: ein Gesicht auf einem Handtuch im Gras, das in den Himmel schaut. "Dirk, 17x4, aktiv".

Das alles gefiel Tino und er traf sich entgegen seiner Prinzipien noch am gleichen Abend mit Dirk P. "Wir wollten nur ein paar Bier trinken und reden", sagt er. Dirk erzählte von seinem Job als Grundschullehrer in Hohenschönhausen, der ihm offenbar Spaß machte, er unterrichtete auch Katholische Religion und Tino weiß noch, dass sie auch über Angela Merkels Reaktion auf Guttenbergs Doktorarbeit geredet haben.

"Aber nach zwei, drei Bier wir sind doch in der Kiste gelandet." Warum auch nicht, dachte er, die Woche war anstrengend, Dirk hatte Kondome dabei. Tino sagt: "Es war eine runde Sache für mich."

Danach begann das, was man eine Chat-Freundschaft nennt. Wenn die beiden einander abends gegenseitig online entdeckten, schrieben sie kurze Nachrichten – getroffen haben sie sich im Jahr 2011 danach noch drei Mal bei Tino. Es kam fast immer zu Sex, nur einmal sei Dirk zu betrunken gewesen. Ein anderes Mal habe er dafür "zwei Runden eingelegt".

Wie, wo, wie oft und wie lange

Tino hat wenig Hemmung, von Sex zu sprechen. Warum auch, er tue nichts Verbotenes und er habe vorher in Köln gelebt, einer Stadt, die ähnlich liberal sei wie Berlin. Er habe seit mehreren Jahren keinen festen Freund, aber übertreibe es auch nicht. Anonymer Sex, das mache er ohnehin nur einmal im halben Jahr und auch dann erst nach mehreren Chat-Abenden. Das mit Dirk aber, sagt er, weiß er auch deswegen noch so detailreich, weil er es bereits bei der Polizei zu Protokoll geben musste. Sie hätten alles genau wissen wollen, alles über seine Treffen mit "Lehrer Lämpel".

Tino hatte sich noch in der Nacht nach der RBB-Sendung bei einer Polizeiwache gemeldet. Er dachte, er könne etwas zur Aufklärung beitragen. Ihm war bewusst, dass er womöglich genau Angaben zu Praktiken wird machen müssen. "Aber wenn sie fragen", sagt er, "dann erzähle ich denen auch, wie zwei Kerle miteinander Sex haben." Wie, wo, wie oft und wie lange. Wer oben, wer unten. Er musste die Bilder zeigen, die er von ihm gespeichert hatte. Fünf sind es, auch intime Beweisfotos, die Beamten hätten ganz professionell reagiert.

Am meisten interessierte sich die Mordkommission 3 für das fünfte und letzte Treffen im Januar dieses Jahres. Es war das einzige, das in der Wohnung von Dirk stattfand. Der Abend war vorbereitet, Tino kam gegen 22 Uhr mit Sekt in die Wohnung in der Grünberger Straße in Friedrichshain. Dirk hatte ein Schaumbad eingelassen.

"In der Wohnung war nichts ungewöhnliches", sagt Tino, "nur vielleicht das Stillleben mit dem Brokatrahmen, das an der Wand hing." Außer von Alkohol hatten die beiden nie von Drogen gesprochen. Tino wäre sofort gegangen. Irgendwann gegen ein Uhr hat ihn Dirk noch zur Straßenbahnhaltestelle gebracht. "Er hatte eine leichte Erkältung, sonst hätte ich auch bei ihm übernachtet."

Er konnte sehr gut küssen

Vielleicht ist das noch für Tino das Seltsamste an all diesen Treffen mit Dirk: Wirklich nichts hat für ihn darauf hingedeutet, dass er zum Serienmord fähig sein könnte. Er hatte Humor, war politisch immer informiert, sah sportlich aus, wählte CDU und konnte sehr gut küssen. Nimmt man von so jemandem in einer Kneipe einen Drink entgegen, auch wenn man nicht kennt? "Das passiert doch sehr schnell, egal ob schwul oder nicht."

Im Januar 2013 schaut Tino noch immer selten bei "Gayromeo" vorbei. Wenn Dirk P.'s Prozess jetzt am Freitag beginnt, will er nichts damit zu tun haben. Er grübelt noch immer, ob er es gemerkt hätte. Die Veränderung, die dazu führte, dass Alexander, Nicky und Peter sterben mussten? Warum tropft jemand einem anderen GHB in ein Glas und schaut zu, wie bei ihm der Atem aussetzt? Für Tino gibt es bis heute nur ein Zeichen, das ihn zumindest hätte stutzig machen können, aber über das er sich keine Gedanken gemacht hatte.

Es ist der Satz, der als Überschrift über "Lehrer Lämpels" Profil stand und zumindest etwas von dessen Selbstbewusstsein erzählt. Bei Dirk P. stand: "Alle haben gesagt, es geht nicht, und dann kam irgendwann einer, der es nicht wusste und der hat es einfach gemacht."

*Name von der Redaktion geändert

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