18.02.13

Überholungsbedarf

Berlin hat die älteste Feuerwehr Deutschlands

Die Ausbildung bei Berlins Feuerwehr lebt von Improvisation. In Sachen Modernität liegt die Hauptstadt im Bundesvergleich jedoch weit hinten.

Von Jutta Schütz
Foto: dpa

Brenzlig: Feuerwehrschüler lernen in einem Brandcontainer, wie man sich bei Flammen und Rauch in Einsatzmontur verhält
Brenzlig: Feuerwehrschüler lernen in einem Brandcontainer, wie man sich bei Flammen und Rauch in Einsatzmontur verhält

Es ist das erste Mal: Dick verpackt in Schutzanzügen, mit Helm, Handschuhen und Atemgerät sitzen die Feuerwehr-Azubis dicht an dicht auf dem Boden des Brandcontainers. Der steht auf einem Hof der Berliner Feuerwehrschule im Norden der Hauptstadt und ist deren ganzer Stolz. Vorn in dem Stahlbehälter brennen schon die aufgestapelten Holzpaletten. "Wir fangen mit zärtlichen 800 Grad an", sagt Ausbilder Jens Kresin, 41. Das ist die Temperatur an der Decke des Containers, unten am Boden soll es zwischen 50 bis 70 Grad warm sein. Die schweren Türen werden zugekracht. Drinnen sind sie jetzt allein mit Rauch, Hitze und Feuer.

Plötzlich dringen dicke Schwaden aus zwei Klappen nach draußen und vernebeln das Gelände. Wie sich ein Brand entwickelt, erleben die Nachwuchsfeuerwehrmänner bei dieser Übung. Oberbrandmeister Kresin grinst: "Glück gehabt heute mit dem Westwind." Weht es aus anderer Richtung, bleibt die Anlage kalt. Denn in Sichtweite wurden schmucke Häuschen hochgezogen, keiner möchte Rußflocken auf dem Fensterbrett oder der Wäsche auf der Leine haben.

Jährlich 5000 in Ausbildung

Auf dem 25 Hektar großen früheren Kasernengelände aus den 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts werden in Schulzendorf jährlich rund 5000 Einsatzkräfte aus- und fortgebildet. Zur deutschlandweit größten Feuerwehr in Berlin gehören etwa 3500 Berufsfeuerwehrleute und rund 1500 freiwillige, ehrenamtliche Kräfte. Nach Moskau, London und Paris ist die Feuerwehr in der deutschen Hauptstadt nach eigener Darstellung die viertgrößte in Europa.

Doch die Ausbildungsbedingungen halten wohl nicht mal einem Vergleich der Bundesländer stand. Längst sei es etwa in Hessen, Nordrhein-Westfalen oder auch in Brandenburg moderner, wissen die Berliner. "Da kann man schon neidisch werden – die haben uns alle überholt", sagt einer. Und noch einen drastischen Vergleich haben die einsatzerfahrenen Männer parat: "Wir sind die größte und älteste Feuerwehr, haben die meisten Einsätze und bundesweit die schlechteste Bezahlung." In Berlin gibt es seit 1851 eine Berufsfeuerwehr.

Zwar seien im klammen Berlin zuletzt die Gehälter von Feuerwehrleuten erhöht worden, sagt Sven Gerling von der Feuerwehrpressestelle. Doch bei einem Feuerwehrmann im mittleren Dienst könnten beispielsweise zwischen München und Berlin schon mal 400 Euro Differenz entstehen. Diskussionen gebe es auch um die Bezahlung von Überstunden.

Unterricht nach Windrichtung

Den Brandcontainer – im Jargon Rauchgasdurchzündungsanlage – hat die Schule erst seit zwei Jahren. Bis dahin hieß es nur: Stellen Sie sich mal vor, es brennt, erzählen Ausbilder mit einer Spur von Sarkasmus. Und nun gibt es trotz des enormen Fortschritts Unterricht nach Windrichtung. Sollten Anwohner belästigt werden, könne das Umweltamt den Betrieb des Containers wieder untersagen.

"Wir improvisieren an allen Ecken und Enden jeden Tag", sagt Kresin. Das Löschen mit Schaum kann hier gar nicht trainiert werden. Weil die Chemikalien nicht ordnungsgemäß aufgefangen werden könnten, berichtet der Vizeleiter der Feuerwehrschule, Wolf-Joachim Kühl. Die Schaumübungen hat der Vermieter, die Berliner Immobilien Management GmbH (BIM), untersagt. Wegen defekter Ölabscheider müssten auch Fahrzeuge woanders gereinigt werden.

Doch die Mängelliste scheint nach oben offen. Auf Hof 1 steht ein meterhohes Gerüst, an dem die künftigen Einsatzkräfte lernen, wie Leitern an Gebäude gestellt werden, wie sie hochkommen und wie sie sich durch angedeutete Fenster zwängen. Das fällt im Moment aus. Die dritte Etage des Steigeturms wurde gesperrt – wegen Einsturz- und akuter Unfallgefahr. Bretter sind verfault. "Als ich in den 80er-Jahren hierherkam, hieß es, das Provisorium haben wir nicht mehr lange. Nun steht es immer noch", sagt Kühl.

Bröckelnder Putz

Ausbilder Lothar Wiemer, 63, ergänzt ganz ruhig: "Wir versuchen ja, uns zu arrangieren und machen das Beste draus, aber ein bisschen vernachlässigt kommt man sich schon vor." Und in der Halle für die Rettungsassistenten hängt der praktische Unterricht von den Außentemperaturen ab. Fenster sind undicht. Im Treppenhaus bei den Rettungssanitätern blättert alte Farbe in Stücken von der Decke, in Unterrichtsräumen bröckelt Putz. Umbauten sind fast unmöglich, weil die Gebäude unter Denkmalschutz stehen.

Noch vor Kurzem war ein Ende des maroden Dilemmas für die Hauptstadtfeuerwehr absehbar. Doch mit der schon zum vierten Mal geplatzten Eröffnung des Hauptstadtflughafens sind auch die Hoffnungen vieler Feuerwehrleute zerstoben. Der Umzug auf den dann stillgelegten Flughafen Tegel war schon ernsthaft im Gespräch – mit nahezu perfekten Bedingungen, mit großen Hangars und Trainings unabhängig vom Wetter. Eigens für den neuen Standort wurde bereits die neue Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie gegründet.

Doch nun ist wieder alles offen. Wann der Flughafen "Willy Brandt" in Schönefeld seine massiven Probleme in den Griff bekommt und startet, steht in den Sternen. "Unseren Umzug erlebe ich bestimmt nicht mehr. Aber wir haben es hier ja schön grün, und Eichhörnchen gibt es auch", sagt einer der langgedienten Feuerwehrmänner ironisch. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, vor 2020 werde es wohl nichts werden mit Tegel.

Hoch motiviertes Personal

Die Schule hat sich jetzt erst mal sieben Seecontainer beschafft und sie knallrot gespritzt. "Die bauen wir uns selbst als Übungsanlage aus", sagt Pragmatiker Kühl und zeigt die gestapelten Behälter, in denen schon Treppen montiert sind. "Wir punkten mit unserem hoch motivierten Personal. Nur so läuft es unter den komplizierten Bedingungen", meint der Brandoberamtsrat mit den vier Streifen auf der Dienstuniform.

Die Innenverwaltung von Senator Frank Henkel (CDU) bekräftigt indes ihr Ja zu einem Umzug. Unabhängig davon, wann der Flughafen Tegel frei wird, erarbeite die Immobilienmanagement GmbH Vorschläge für die spätere Nutzung in Tegel. Die Pläne für die künftige Akademie sollen vorangetrieben werden. Ob am alten Standort an der Ruppiner Chaussee noch investiert werden soll, werde ebenfalls geprüft, ließ der Innensenator als Dienstherr der Feuerwehr mitteilen.

240 Feuerwehrleute werden derzeit in Berlin ausgebildet. Jedes halbe Jahr kommen Neue an die Schule. Der 21-jährige Viktor Schultz sagt vor dem Brandcontainer: "Ich wollte schon immer zur Feuerwehr. Das ist mein Traumjob." Ein mulmiges Gefühl bei Feuer habe er nicht, sagt der gelernte IT-System-Kaufmann.

Auch den künftigen Feuerwehrfrauen Monique Thomas, 26, und Carina Paas, 24, kommt nichts Negatives über die Lippen. Für beide ist wichtig: "Die 25, 30 Kilo Ausrüstung schleppen wir wie die Jungs – da gibt es keinen Unterschied. Aber wir müssen viel trainieren, damit wir mithalten können", sagt die künftige Brandmeisterin Thomas, die ursprünglich Medizin studieren wollte. Davon ist keine Rede mehr – sie entschied sich zunächst für die Ausbildung zur Rettungsassistentin.

Die beiden Frauen fühlen sich gut in dem männerdominierten Laden. Auch für verbeamtete sowie ehrenamtliche Feuerwehrleute ist die Fortbildung an der Schule Pflicht. Bis in den Abend wuselt es durch die Gänge.

Gerade der Nachwuchs werde dringend gebraucht, sagt Pressemann Gerling. In den nächsten Jahren würden massenhaft Feuerwehrleute pensioniert. Deshalb sei die Ausbildung des Nachwuchses wichtig. Zwei Drittel Praxis, ein Drittel Theorie, das erste Jahr Ausbildung nach bundeseinheitlichen Richtlinien, das zweite Jahr Berlin-spezifisch, so laufe die Ausbildung.

Schon längst stehe das klassische Feuerlöschen im Alltag nicht mehr an erster Stelle, ergänzt Vizeschulchef Kühl. Erlernt werde auch, als Rettungssanitäter Unfallopfer zu versorgen, umgestürzte Bäume mit der Kettensäge von der Straße zu räumen, eingeklemmte Fahrer aus Autos herauszuschneiden oder ein schweres Einsatzfahrzeug zu steuern. "Alle müssen alles können."

Quelle: dpa
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