18.02.13

Wandmalerei

Bei diesen Berliner Werken ist alles nur Fassade

Rund 700 Wandbilder gibt es in Berlin, riesengroß zieren sie Häuserfassaden. Norbert Martins hat sie für einen Bildband fotografiert.

Von Brigitte Schmiemann
Foto: Norbert Martins

„Verschnürung“ heißt dieses Werk in der Karl-Marx-Straße 74 in Neukölln. Norbert Martins kennt Berliner Wandbilder so gut wie wohl kaum ein zweiter, er hat die schönsten für seinen Bildband „Hauswände statt Leinwände - Berliner Wandbilder“ fotografiert. Der Entwurf für die „Verschnürung“ stammt von Gert Neuhaus. Die Neuköllner nennen das Bild auch einfach den „Turnschuh“.

8 Bilder

Norbert Martins (65) hat ein Hobby, das viel Geld kostet, aber auch viel Spaß macht: Ihn faszinieren Wandbilder. Und weil er seine Leidenschaft mit anderen teilen möchte, bietet er nicht nur Spaziergänge dorthin an, sondern hat sein ganzes Wissen und vor allem seinen über Jahrzehnte gesammelten Fotoschatz jetzt in ein Buch gepackt. Tochter Melanie (38) schrieb die erläuternden Texte, half beim Layout und unterstützte ihren Vater auch bei der Konzeption. Als Grundschullehrerin und versierte Kunstfachfrau war sie genau die Richtige für diese Puzzlearbeit.

Mit der Faszination des Vaters für die Wandbilder war sie ohnehin groß geworden. Schon als Kind hatte sie verfolgt, wie er Wandbilder selbst in den entlegensten Hinterhöfen der Stadt aufspürte, erinnert sie sich in ihrem Vorwort zum neuen Buch. Er hat in Berlin 700 Wandbilder gezählt, viele sind aber auch schon wieder verschwunden. Es dürfte kaum jemanden geben, der einen besseren Überblick über diese Art öffentlichen Kunstschaffens in der Hauptstadt hat.

Im Familienrat war am Frühstückstisch entschieden worden, das Projekt gemeinsam zu stemmen. Auch Margrit Martins (65) stimmte dafür. Jetzt muss das Geld allerdings, das die Familie fürs Drucken der 2000 Bücher investierte, auch wieder reinkommen. Die Höhe soll nicht genannt werden, aber so viel wie ein Mittelklassewagen habe es schon gekostet, "Wir sind keine Kaufleute, die Vermarktung ist nicht einfach", räumt das Ehepaar ein – und bleibt optimistisch. Martins will die Kunstwerke auf Zeit – ihre Lebensdauer betrage durchschnittlich 15 Jahre – wenigstens im Bild für die Nachwelt dauerhaft festhalten. Das ist sein Ziel.

Geordnet ist das farbenfrohe, kenntnisreiche Buch alphabetisch nach den Berliner Bezirken. Martins zeigt nicht nur einzelne Wandbilder, sondern nennt auch ihre Künstler und präsentiert die Werke auch mit ihren Veränderungen. "Sie altern nicht nur, sondern werden auch von Künstlern teils neu gestaltet", sagt er. So hätten die Künstler Teile der Giebelwände an der Uhlandstraße 185/186 im Jahr 2011 neu gestaltet, weil sie durch Graffitis zerstört waren.

200 Wände auf mehr als 300 Fotos

Martins sucht immer den Kontakt zu den Wandmalern. "97 Prozent der Berliner Wandmaler" kennt er, wie er sagt. Und auch die Geschichten, wie es zu den großen Bildern an den Giebelwänden kam. Akribisch trägt er alle Informationen auf einem Datenblatt in seinem Computer zusammen. Sein erstes Buch "Giebelphantasien" erschien 1989. Im zweiten präsentiert Martins jetzt auf 144 Seiten, welche Wände auch in den östlichen Bezirken Berlins eindrucksvoll gestaltet wurden. Mit mehr als 300 Fotos dokumentiert er insgesamt 200 Berliner Häuserwände.

1975 fotografierte Norbert Martins, damals noch als Elektrotechniker tätig, das erste Berliner Wandbild. Es befindet sich auf einer Brandmauer am S-Bahnhof Tiergarten (Siegmunds Hof 21) und heißt "Weltbaum I – Grün ist Leben". Es stammt von Ben Wagin, der darin die Umweltzerstörung anklagt. Im Buch ist die frisch gestaltete Giebelwand zu sehen, ein kleineres Foto zeigt, wie das Kunstwerk heute nach 38 Jahren aussieht: ausgesprochen mitgenommen. Der obere Teil fehlt völlig, unten haben sich Graffiti-Schmierer mit ihren Tags verewigt. Das Geld für eine Überholung scheint zu fehlen.

Viele interessante Details hat Martins in seinem Buch festgehalten, denn durch den Kontakt zu den Wandmalern kennt er auch die Entstehungsgeschichte der meisten Bilder. So hat die Staatsanwaltschaft Charlottenburg das Bild im Hof der Sophie-Charlotten-Straße 113 in Auftrag gegeben. 20 jugendliche Sprayer, die sich wegen illegaler Graffitis verantworten mussten, durften sich dort legal verwirklichen und malten die toskanische Landschaft.

Schließen von Baulücken sind oft das Ende für die Wandbilder

Martins erinnert sich, dass es zu Beginn der Wandmalerei in Berlin Mitte der 70er-Jahre viele Senatswettbewerbe gab, auch als ABM-Projekte für Künstler. "Und in den 80er-Jahren kam dann die Hausbesetzerszene dazu. Dann hatte der Senat kein Geld mehr, und das Engagement schlief ein." Viele Wandbilder seien auch durch die Wärmedämmung der Häuser verschwunden. Das Schließen von Baulücken mit Neubauten habe ebenfalls zur Dezimierung geführt. Schließlich gab es fast nur noch Privataufträge von Firmen, die solche Wandmalereien ermöglichten", sagt er. Heute sei es wieder anders. Wohnungsbaugesellschaften vergäben viele Aufträge. Vor allem in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf würden so Plattenbauten verschönert. Und eins sei auch klar: "Die Wandbilder sind legal entstanden. In dieser Größe kann man nicht illegal malen", sagt Martins.

Das mit 22.000 Quadratmetern wohl größte Wandbild der Welt entsteht nach den Recherchen von Martins gerade Am Tierpark/Alt-Friedrichsfelde. Die französische Künstlergruppe Cité Création aus Lyon, die auf der ganzen Welt tätig sei, arbeite seit drei Jahren an dem Mammutwerk und wolle Mitte August fertig sein.

Das Buch "Hauswände statt Leinwände – Berliner Wandbilder" von Norbert und Melanie Martins kostet 29,90 Euro. Zu beziehen ist es unter anderem über Amazon, bei Dussmann, in der Berlin Story Unter den Linden, im Fotomuseum an der Jebensstraße, bei der KPM an der Friedrichstraße sowie über www.norbert-martins-wandbilder-berlin.de.

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