18.02.13

Bildung

Wie Eltern mit dem Lehrerstreik in Berlin umgehen

Die dreifache Mutter Stefanie Karschies ist auf eine Betreuung ihrer Kinder angewiesen. Ein Streik geht vor allem auf ihre Kosten, sagt sie.

Von Annette Kuhn
Foto: Reto Klar

Verärgert: Stefanie Karschies mit ihrer achtjährigen Tochter Emilia
Verärgert: Stefanie Karschies mit ihrer achtjährigen Tochter Emilia

Stefanie Karschies ist gerade noch einmal davongekommen. "Ein paar Tage waberte ich völlig im Dunkeln", sagt die dreifache Mutter. Bis Freitagmittag wusste sie überhaupt nicht, ob an der Comenius-Schule in Wilmersdorf, die ihre älteste Tochter Emilia in der ersten Klasse besucht, überhaupt gestreikt wird und was das für Auswirkungen haben würde.

Dabei ist Stefanie Karschies sogar Elternvertreterin in der Klasse von Emilia, also eine der Ersten, die informiert werden müssten. "Dass gestreikt wird, wusste ich nur aus der Zeitung und weil ich auch Mitglied im Bezirkselternausschuss bin", sagt sie.

Erst als Stefanie Karschies Emilia am Freitag von der Schule abholte, fand sie einen Zettel in der Schulmappe ihrer Tochter – mit einem Hinweis auf den Streik und mit der Information, dass eine der zwei Klassenlehrerinnen sich daran beteiligen würde. Konkret bedeutet das für die Erstklässler, dass sie an diesem Tag nur von einer Lehrerin unterrichtet werden.

Mal sei ein Lehrer krank, mal gebe es einen Studientag

Für die meisten Schüler eine normale Situation. Aber die Comenius-Schule ist eine Integrationsschule. Die meisten Kinder haben einen besonderen Förderbedarf, daher sind zwei Lehrkräfte pro Klasse wichtig. Auch Emilia ist ein Integrationskind. Vor acht Jahren kam sie als Frühchen zur Welt. Sie lag lange auf der Intensivstation, bekam einen Luftröhrenschnitt und hat heute eine starke Lernbehinderung.

Emilia sei zwar pflegeleicht, sagt die Mutter, sie wird wohl mit der Situation am Streiktag zurechtkommen, aber in der Klasse gibt es auch zwei autistische Kinder, die einen größeren Betreuungsbedarf haben. Normaler Unterricht werde daher wohl nicht stattfinden, glaubt Stefanie Karschies, und das ärgert sie.

Unterricht falle doch ohnehin schon viel zu oft aus. Mal sei ein Lehrer krank, mal gebe es einen Studientag. "Der Streik geht doch vor allem auf Kosten von Schülern und Eltern", sagt sie, "und die sind die falsche Adresse." Die angestellten Lehrer sollten sich besser anders Gehör verschaffen.

"Den Eltern wird es ganz schön schwer gemacht, berufstätig zu sein"

Vor allem aber ärgert sich Stefanie Karschies, die Geschäftsführerin eines Intensiv-Pflegedienstes für Kinder ist, darüber, dass der Streik so kurzfristig anberaumt wurde und die Eltern sehr spät darüber informiert wurden. Man müsse sich doch auf so eine Situation einstellen können.

"Den Eltern wird es ganz schön schwer gemacht, berufstätig zu sein", sagt die Unternehmerin. Sie denkt dabei besonders an die vielen Alleinerziehenden, die sich im Vollzeitjob um den Lebensunterhalt der Familie kümmern müssen und vielleicht nicht einmal Eltern oder Freunde in der Stadt haben, die im Notfall Zeit haben, auf die Kinder aufzupassen.

Auch der Terminkalender von Stefanie Karschies ist voll: "Zwar habe ich als Unternehmerin eine gewisse Flexibilität, meine Termine zu steuern, aber wenn Emilia heute nicht in der Schule gewesen wäre, hätte ich einen ganz schönen Spagat machen müssen."

Manche Eltern dürften an diesem Montag eine Überraschung erleben

Auch ihr Mann arbeitet in ihrem Unternehmen und kann nicht einfach einspringen. "Also hat sie schon am Freitagvormittag sicherheitshalber einige Termine umgelegt. Sie konnte da ja noch nicht ahnen, dass Emilia mit einem Zettel nach Hause kommen würde.

Dabei hat sie die Information wohl früher bekommen als die meisten anderen Eltern. Emilia ist kein Hortkind und kommt daher schon mittags aus der Schule. Wer aber erst um 18 Uhr sein Kind abholt, wird kaum noch etwas für den nächsten Arbeitstag organisieren können.

Auch seien die meisten Eltern froh, wenn die Mappe am Freitagabend mal für zwei Tage in der Ecke verschwindet. Höchstens Brotbox und Trinkflasche werden dann herausgeholt. Und da die meisten Kinder kaum von sich aus Infozettel herausrücken, dürften manche Eltern wohl an diesem Montagmorgen eine Überraschung in der Schule erleben.

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