17.02.13

Neue Studie

In sechs Berliner Bezirken herrscht akuter Ärztemangel

Während der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf auf ein Drittel seiner Ärzte verzichten könnte, bräuchte Neukölln doppelt so viele Mediziner.

Von Christina Brüning
Foto: ZB

Eine neue Studie belegt die ungleiche Verteilung von Ärzten in Berlin
Eine neue Studie belegt die ungleiche Verteilung von Ärzten in Berlin

Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hat ein Lieblingsbeispiel, um die ungleiche Verteilung von Ärzten innerhalb Berlins deutlich zu machen. Seit Czaja im Amt ist, gehört die Neuordnung der ärztlichen Versorgung in der Stadt zu seinen bevorzugten Themen. Bei Gelegenheit erzählt er dann gern, dass der Versorgungsgrad mit Psychotherapeuten in Charlottenburg-Wilmersdorf bei 400 Prozent liegt, in Marzahn-Hellersdorf dagegen bei 35 Prozent. Dann fügt Czaja – geboren und wohnhaft in jenem Ost-Berliner Bezirk – immer scherzend hinzu: "Rückschlüsse auf die Bevölkerung kann man daraus natürlich nicht ziehen."

Am Freitag gab es für Czaja wieder Gelegenheit, das Lieblingsbeispiel zu erzählen. Im Vorfeld der im März beginnenden Gespräche mit Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung (KV) und Ärztekammer über eine neue Ärzte-Bedarfsplanung für Berlin, hat der Gesundheitssenator eine neue Studie zum Thema vorgestellt. Czaja hat Wissenschaftler seiner Verwaltung berechnen lassen, welche Bezirke mehr und welche weniger Hausärzte bräuchten, wenn für die Bedarfsberechnung nicht nur die Bevölkerungszahlen, sondern auch soziale und gesundheitliche Merkmale berücksichtigt werden. Das Ergebnis: Charlottenburg-Wilmersdorf könnte auf ein Drittel der hier angesiedelten Hausärzte verzichten, Neukölln bräuchte doppelt so viele Allgemeinmediziner wie jetzt.

2371 Hausärzte im Stadtgebiet

"Theoretisch müsste jeder dritte Hausarzt seine Praxis in einen anderen Bezirk verlegen", sagte Susanne Bethge von der Gesundheitsverwaltung, die gemeinsam mit Czaja und Berlins Patientenbeauftragter Karin Stötzner die Studie vorstellte. Bethge erstellte eine mathematische Formel, die alle in Berlin ansässigen 2371 Hausärzte neu über die zwölf Bezirke verteilte. Der Berechnung zugrunde liegen die Bevölkerungszahl, der sogenannte Sozialindex der Bezirke sowie ihr Morbiditätsindex. Die Sozialstruktur ergibt sich etwa aus der Arbeitslosenzahl und der Zahl der Transferempfänger, die Morbiditätsrate gibt wieder, wie stark die Bevölkerung von Krankheiten betroffen ist.

Schon ein Blick auf Sozial- und Morbiditätsindex zeigt: Dort, wo Berlin sozial schwächer ist, etwa in Neukölln, Mitte und Spandau, ist die Krankheitsrate auch höher. Und ausgerechnet dort gibt es am wenigsten Ärzte je Einwohner. "Wir haben ein viel schlechteres ärztliches Versorgungsangebot in den sozial benachteiligten Regionen", sagte Bethge.

Die Modellrechnung anhand der differenzierten Faktoren ergab nur für Reinickendorf, Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf eine Versorgung mit Hausärzten, die den Bedürfnissen der Bevölkerung in etwa entspricht. Besonders krass weichen Charlottenburg-Wilmersdorf und Neukölln vom errechneten Soll des Modells ab. In Neukölln sei es vor allem die große Krankheitsbelastung der Bevölkerung, die einen hohen Hausarztbedarf ausmache, so Bethge. In Charlottenburg-Wilmersdorf wirkt dagegen besonders die gute Sozialstruktur einem höheren Bedarf entgegen. Auch für Pankow, Steglitz-Zehlendorf, Treptow-Köpenick und Tempelhof-Schöneberg ergibt sich in dem Modell eine Überversorgung. Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg und Spandau dagegen sind demnach zu schlecht versorgt.

Senator will Missverhältnis auflösen

Diese Missverhältnisse möchte der Senator künftig gern auflösen. Natürlich sei das Ziel kein "staatliches Umverteilungsprogramm für Ärzte", sagte Czaja. Die Modellrechnung solle nur die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bevölkerung und die ungleiche Verteilung verdeutlichen. Insgesamt gesehen sei Berlin mit Haus- und Fachärzten sehr gut versorgt. "Wir möchten eine kleinräumigere Bedarfsplanung für die Verteilung von Ärzten", sagte Czaja. Neuzulassungen wären dann gezielter dort möglich, wo Bedarf herrscht, den Arztsitz in einen anderen Bezirk zu verlegen, würde erschwert.

Nachdem 2012 das neue Versorgungsstrukturgesetz in Kraft getreten ist, kann auch in Berlin jetzt eine präzisere Planung der ambulanten ärztlichen Versorgung vorgenommen werden. Neu ist, dass bei der Verteilung von Arztzulassungen künftig nicht mehr der Bedarf von Berlin insgesamt betrachtet werden muss, sondern Untergliederungen in Stadtteile zugelassen sind. Außerdem können regionale Besonderheiten berücksichtigt werden, wie etwa die Altersstruktur einer Region.

Bisher wurde insgesamt für die Bevölkerung Berlins ein Bedarf an Ärzten errechnet. Demnach war Berlin insgesamt sehr gut versorgt, auch wenn einige Stadtteile Mängel insbesondere bei Fachärzten haben. Sozial- und Morbiditätsstruktur werden bislang nicht berücksichtigt. Künftig wird außerdem ein sogenanntes "gemeinsames Landesgremium" Empfehlungen an Ärzte und Krankenkassen aussprechen, die für die Verteilung zuständig sind. In dem Gremium, das im März seine Arbeit aufnimmt, sitzen Ärztekammern, Krankenkassen, Krankenhausgesellschaft, KV und das Land. Patientenvertreter dürfen beraten. Das Land darf künftig zudem die Bedarfsplanungen der Ärzte und Kassen beanstanden.

Konflikte zeichnen sich bei dieser neuen Mächteverteilung bereits ab. So äußerte sich am Freitag, nachdem Czaja seine Studie der Öffentlichkeit präsentierte, direkt der Vorsitzende der AOK Nordost zu Wort. "Es braucht neue und vor allem auch flexible Lösungen", sagte Frank Michalak. In der dynamischen Metropole Berlin würden sich die Bedarfe ständig ändern, das müsste Berücksichtigung finden. Czajas Vorstellungen für die Bedarfsplanung sind der Kasse eine zu starre Regulierung. Die Notwendigkeit für eine bessere Verteilung "einiger Facharztgruppen" sieht aber auch die AOK.

Patientenumfrage zu Wartezeiten

Czajas Forderungen wurden derweil am Freitag von Berlins Patientenbeauftragter Karin Stötzner unterstützt. Stötzner hatte in Charlottenburg-Wilmersdorf und Treptow-Köpenick exemplarisch rund 1000 Patienten zwischen 50 und 75 Jahren befragen lassen, wie gut sie ihren Hausarzt verkehrstechnisch erreichen können, wie lange die Wartezeiten sind und ob der Arzt sich nach ihrem Empfinden ausreichend Zeit für die Behandlung nehmen könne.

Das Ergebnis bestätigte die Vermutung: Im Südosten warten die Patienten nach eigenen Angaben viel länger auf einen Termin und 60 Prozent der Patienten beschreiben die Praxen hier als überfüllt. Diese Angabe machten in Charlottenburg-Wilmersdorf nur 41 Prozent. "Durch den Andrang entsteht für den Patienten gefühlt auch ein Qualitätseinbuße und somit Unzufriedenheit", sagte Stötzner. Gerade für ältere Patienten, die auch häufiger krank seien, sei zudem eine ärztliche Versorgung in der Nähe besonders wichtig.

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