15.02.13

Bär hinter Glas

Knut ist die neue Attraktion im Berliner Naturkundemuseum

Vier Wochen lang zeigt das Museum für Naturkunde den einstigen Superstar des Berliner Zoos. Das Interesse an Knut ist noch immer riesig.

Von Markus Falkner

Riesig hängt das Plakat an der Fassade des Museums für Naturkunde. Eigentlich ist nur eine schwarze Nase zu sehen, umringt von ein bisschen Fell, darüber der Schriftzug "Berliner Schnauze". Doch das reicht. Schließlich gehört die Nase dem berühmtesten Eisbären der Welt. "Oh, look", sagt eine amerikanische Touristin verzückt. "That's Knut." Vor knapp drei Jahren ist der Eisbär im Berliner Zoo gestorben. Jetzt ist er wieder da, in einer Glasvitrine im Foyer des Museums. Halb liegend, halb sitzend, die Vorderbeine auf einen Felsen aus Gips gestützt. Acht Wochen lang haben die Präparatoren des Museums daran gearbeitet, den Eisbären so zu präsentieren, wie ihn seine zahllosen Fans im Zoo erlebten. Kein Kuscheltier, wie der kleine Knut, der weltweite Schlagzeilen machte, sondern der fast erwachsene Knut, etwas schmuddelig mit unverkennbaren braungelben Spuren im Fell.

Blitzlichtgewitter im Museum

"Ein Meisterwerk der Präparation", sagt Museumschef Johannes Vogel. Die Kameras der Fotografen klicken. Ein knappes Dutzend Fernsehkameras ist auf den Bären gerichtet. Das Interesse ist enorm, noch immer. Von diesem Sonnabend an ist Knut im Foyer des Hauses an der Invalidenstraße kostenlos zu sehen. Was passieren wird, wenn sich am Morgen um 10 Uhr zum ersten Mal die Türen öffnen, das wissen die Verantwortlichen noch nicht. Lange Schlangen? Gedränge? Womöglich stundenlange Wartezeiten? Denkbar ist das alles, deshalb wurde der eigentliche Museumseingang schon vorsorglich auf die Ostseite des Gebäudes verlegt. Selbst Proteste von Knut-Fans will man nicht ausschließen. Dass der Eisbär, der einstige Liebling der Massen, nun als Präparat öffentlich zur Schau gestellt wird, gefällt nicht allen. Schon kurz nach Knuts Tod am 19. März 2011 entbrannte ein Streit darüber, und er hält bis heute an.

"Wir respektieren verschiedene Meinungen", sagt Museumschef Vogel und verweist auf die lange Tradition, besonders beliebte Zootiere nach ihrem Tod im Museum für Naturkunde zu zeigen. Gorilla Bobby und Flusspferd Knautschke sind Beispiele dafür. Man könne es aber natürlich nicht allen Menschen recht machen, sagt Vogel. Gerade wegen seiner großen Symbolkraft habe man sich aber entschlossen, auch Knut zu präparieren und auszustellen. "Er steht für den Schutz einer bedrohten Tierart und für den Kampf gegen die globale Klimaerwärmung sowie die Beziehung zwischen Mensch und Tier", so Vogel.

Diskussion um Knut-Präparat

Er freue sich auf viele spannende Diskussionen, auch mit den Kritikern der Ausstellung. Und diese Diskussionen sollen auch nach dem 15. März weitergehen. Deshalb soll Knut nach der einmonatigen Schau im Foyer auch nicht für immer in den Magazinen des Museums verstauben. Nach dem weiteren Umbau des Museums soll er, voraussichtlich wohl 2014, eine Hauptattraktion einer neuen Ausstellung werden. Als Botschafter einer bedrohten Tierart natürlich, aber auch als gesellschaftliches Phänomen wird er in die geplante Schau "Wert der Natur" integriert werden, verspricht Vogel.

Ein gesellschaftliches Phänomen war der Eisbär zu Lebzeiten tatsächlich. Knut war am 5. Dezember 2006 im Zoologischen Garten in Berlin geboren worden. Weil seine Mutter ihn nicht annahm, musste er von Hand aufgezogen werden. Nachdem allein in Deutschland seit 1980 schon etwa 70 Eisbären weitgehend unbeachtet von Presse und Öffentlichkeit geboren und aufgewachsen waren, wurde Knut zum Star.

Weltweites Interesse

Weltweit nahm ein Millionenpublikum am Aufwachsen des possierlichen Tieres teil. Auch sein Tierpfleger, der 2008 verstorbene Thomas Dörflein, wurde weltberühmt. Knuts Konterfei zierte Briefmarken und zahlreiche Magazine. Prominente ließen sich mit ihm ablichten. Dem Zoo bescherte der Knut-Boom ungeahnte Umsatzrekorde. Als er 2011 an einer Gehirnentzündung starb, trauerten Hunderttausende. Zeitungen und Fernsehstationen weltweit berichteten.

Schon kurz darauf begann der Streit, was mit dem Körper passieren sollte. Ein Streit, dem das RBB-Fernsehen an diesem Sonnabend einen Film mit dem Titel "Knut im Museum – Streit um das Eisbärenfell" widmet (15.30 Uhr ARD, 18.32 Uhr RBB). Eine Sorge der Kritiker: Am Ende solle doch nur wieder Geld verdient werden mit dem toten Tier.

Augen aus Glas

Auch um solchen Debatten aus dem Weg zu gehen, ist das Präparat nun kostenlos zu sehen. Zugleich informiert das Museum ausführlich über die Präparation an sich. Mit der landläufigen Vorstellung vom "Ausstopfen", die viele Knut-Fans ebenso abschreckte wie der vermeintliche Kommerzgedanke, hat die Arbeit nichts zu tun. Knut ist, wie die meisten großen Schaustücke des Museums, eine sogenannte Dermoplastik. Das gereinigt und gegerbte Originalfell wird bei dieser Technik über einen in möglichst natürlicher Pose modellierten Kunststoffkörper gezogen. Die Augen sind aus Glas.

Für die Präparatoren Detlev Matzke und Robert Stein, die in ihrem Fach schon Weltmeistertitel errungen haben, war Knut rein technisch ein Tier wie jedes andere. Doch da ist auch die andere Seite. Knut sei so bekannt gewesen, das viele eine "persönliche Ausstrahlung" bei ihm kannten, sagt Stein. "Dieses typische Knut-Gesicht und die Körpersprache wiederherzustellen, ist schwieriger als bei Tieren, die nicht so populär sind." Im Fall Knut ist das gelungen, findet zumindest Zoo-Kurator Heiner Klös. "Kein Zweifel, das ist er eindeutig", sagt er. Auch Klös weiß um die emotionale Wirkung des Präparats. "Das ist eine wichtige Erinnerung für viele Menschen", sagt er.

Auch diesem Aspekt wollen die Verantwortlichen im Museum gerecht werden. An Stellwänden im Foyer und in einem Gästebuch können die Knut-Fans ihre ganz persönlichen Erinnerungen hinterlassen. Am Ende werde die "Neugier und Freude, Knut wieder besuchen zu können, größer sein als mögliche Bedenken", hofft Museumschef Vogel.

Eine Frage bleibt auch zwei Jahre nach Knuts Tod noch unbeantwortet. Die Frage nach der Ursache der tödlichen Entzündung. Claudia Szentiks kennt die Antwort, darf sie aber nicht verraten. Die Tierpathologin vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) hat den Eisbären obduziert. Die Ergebnisse sollen zunächst in einer wissenschaftlichen Fachpublikation erscheinen. Würde sie jetzt zu viel verraten, wäre die Arbeit wissenschaftlich wertlos. Nur eines kann sie schon sagen: Die Theorie, dass Knut am gleichen Virus starb wie ein Eisbärweibchen im Wuppertaler Zoo 2012, ist falsch.

Knut ist bis zum 15. März im Foyer des Museums für Naturkunde, Invalidenstraße 43, zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis freitags, 9.30 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags, 10 bis 18 Uhr.

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