11.02.13

Benedikt XVI.

Was die Berliner vom Papst-Rücktritt halten

Viele Berliner sind betroffen von dem Abschied des Kirchenoberhaupts. Erst vor zwei Jahren hatte Benedikt XVI. die Stadt besucht.

Von Uta Keseling
Foto: dapd

Berlin-Besuch: Papst Benedikt XVI. trägt sich im Olympiastadion ins Goldene Buch der Hauptstadt ein
Berlin-Besuch: Papst Benedikt XVI. trägt sich im Olympiastadion ins Goldene Buch der Hauptstadt ein

Welchen Papst-Moment wird Berlin in Erinnerung behalten? Vielleicht den Massengottesdienst im Olympiastadion, als Papst Benedikt XVI. im September 2011 im geöffneten Papamobil vor mehr als 60.000 jubelnden "Fans" seine Runden drehte. Vielleicht seine wortgewaltige Rede vor dem Bundestag, die schon während er noch sprach zur Botschaft an die Welt wurde – und nicht nur die katholische.

Vielleicht wird es auch einfach jener flüchtige Augenblick sein, ganz früh an jenem hellen Septembermorgen auf dem Rollfeld des Flughafens Tegel, an den man sich erinnern wird: Eine kleine, weiße Gestalt stand da. Windzerzaust fast wie ein Vogel, bevor die Kameras näher heranzoomten und jenen ganz besonderen Staatsgast zeigten, den das politische Berlin damals begrüßte. Es war Joseph Ratzingers erster Besuch als Papst Benedikt XVI. in der deutschen Hauptstadt. Nun wird sein letzter bleiben.

Wir sind nicht mehr Papst

Älter sei er geworden, dachte man damals. Hinter ihm lag die größte Erschütterung, die die Katholische Kirche seit dem Zweiten Weltkrieg zu verkraften hatte, der Missbrauchsskandal.

Dessen Aufdeckung in Deutschland hatte 2010 hier, in Berlin, ihren Anfang genommen. Vor Benedikt XVI. lagen an jenem 22. September elf lange Stunden Berlin, mit Reden, vielen Gesprächen und Treffen, mit Fahrten durch eine abgesicherte Stadt, in der Anhänger, aber auch Protestdemonstrationen erwartet wurden. Der damals 83-Jährige wirkte fast zerbrechlich, gemessen an den Erwartungen. Man hatte die überlebensgroße Schlagzeile noch vor Augen, mit der 2005 Joseph Ratzingers Wahl in Deutschland gefeiert wurde: "Wir sind Papst!" Nun sind wir es nicht mehr.

Alltag vor der Kathedrale

Berlin am Rosenmontag, unkatholischer kann dieser Tag wohl nirgendwo sonst begangen werden. Wer katholisch ist und frei hat, wird im Rheinland vermutet – oder zumindest vor dem Fernseher. Und so folgte der Ankündigung des Rücktritts des Oberhauptes der Katholischen Kirche in der deutschen Hauptstadt zunächst einmal – nicht viel.

Vor der St.-Hedwigs-Kathedrale in Mitte etwa, der Bischofskirche der Erzdiözese, wühlten am Mittag ungestört Bagger und Lastwagen auf der Baustelle der Oper nebenan. Die wenigen Touristen, die den Weg hergefunden hatten, reagierten überrascht, hielten die Nachricht zunächst für einen Witz. Andere, obwohl aus Köln zu Besuch, kommentierten trocken: Es gebe Wichtigeres in der Welt. "Wir sind aus der Kirche ausgetreten und nur aus kunsthistorischem Interesse hier."

Woelki geht die Entscheidung nahe

Auch Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki selbst weilte am gestrigen Montag nicht in Berlin, sondern in Köln – wenn auch nicht wegen des Karnevals, sondern gewissermaßen aufgehalten beim Rückweg aus dem Winterurlaub. Am Nachmittag ließ er eine Stellungnahme zum Rücktritt des Mannes versenden, der als sein Förderer gilt.

Erst vor kurzem berief der Papst ihn zum Kardinal. Wenige Wochen vor seinem Berlin-Besuch 2011 hatte Benedikt XV. Woelki zum Erzbischof ernannt. "Ich durfte ihn im Berliner Olympiastadion begrüßen", schreibt Woelki denn auch in seiner Erklärung. Ihm persönlich gehe die Entscheidung sehr nahe, da er sich Papst Benedikt XVI. besonders verbunden fühle. Er schätze ihn als theologischen Lehrer seit Studienzeiten. Für ihn sei es "ein Zeichen von Demut und Sorge um die ihm anvertraute Kirche, dass dieser große Papst seinen Rücktritt angekündigt hat".

Wowereit (SPD) würdigt den Amtsverzicht

Auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würdigte den angekündigten Amtsverzicht des Papstes. "Diese ungewöhnliche Entscheidung verdient großen menschlichen Respekt", teilte Wowereit mit. "Berlin und die deutschen Katholiken werden den historischen Besuch des deutschen Papstes im September 2011 in unserer Stadt im Gedächtnis behalten", fügte Wowereit hinzu, der selbst Katholik ist.

Betroffen reagierten viele Schüler und Lehrer der katholischen Schulen in Berlin, die trotz Rosenmontag zum Unterricht erschienen. "Meine Schüler haben mich von dem Rücktritt während des Unterrichts informiert", sagt Susanne Wessels, Lehrerin an der Katholischen Theresienschule in Weißensee, einem Gymnasium. "Ich wollte es zunächst nicht glauben."

Unter ihren Kollegen, sagt die Lehrerin, habe es jedoch auch viel Verständnis für die Entscheidung des Papstes gegeben. "Nach der Erfahrung des langen Sterbens seines Vorgängers Johannes Paul II. finden viele den Rücktritt richtig." Auch wenn die zugezogenen Kollegen aus dem Rheinland die Wahl des Tages als schmerzhaft empfunden hätten. "Ausgerechnet am Rosenmontag, das fanden viele nicht gut, denn es ist ja doch eher eine traurige Nachricht."

"Revolutionäre Entscheidung"

Sie selbst, so Susanne Wessels, finde die Entscheidung im Grunde bedauerlich, "da Benedikt XVI. das Amt nach meinem Empfinden sehr kompetent und verantwortungsbewusst wahrgenommen hat". Andererseits empfinde sie die Entscheidung als fast revolutionär: "Er wird als großer Theologe in Erinnerung bleiben."

Am Abend versammelten sich Katholike zu einem Gebet für den Noch-Papst. Immerhin rund 150 fanden den Weg in die St. Hedwigs-Kathedrale, wo jeden Abend eine Messe stattfindet, mit meist nicht mehr als 20 Gläubigen. Nur 320.000 Berliner sind Mitglied der Katholischen Kirche in Berlin. Die Stadt gilt als "Diaspora".

Benedikt als Papst der Jugend

So wunderten sich die Gottesdienstgänger nicht über das große Aufgebot an Journalisten vor der Kathedrale. Wie sehen Berliner Katholiken den Rücktritt? Die Antworten erzählen viel über den Zustand der Kirche, die Papst Benedikt nun einem Nachfolger anvertraut. "Ich finde, der nächste Papst sollte mutiger sein als Benedikt, etwa, was die Aufhebung des Eheverbots für Priester betrifft", forderte eine weißhaarige Dame im Eingang. Dagegen steht die Ansicht einer Gruppe junger Männer.

"Die Kirche darf nicht jede Mode mitmachen, nur weil es auf Facebook jemand fordert", sagt einer der Männer. Lukas ist 23 Jahre alt, er und seine Freunde gehören einer katholischen Gemeinde in Potsdam an. Papst Benedikt sehen sie gerade wegen seiner konservativen Haltung als Papst der Jugend. "Er hat im vergangenen Jahr den Jugendkatechismus herausgegeben und viel für uns junge Menschen getan."

Eine Nonne steht am Rande, sie sagt, sie respektiere die Entscheidung des Papstes, habe aber "ihre Gefühle noch nicht sortiert". In seiner Predigt sprach auch Generalvikar Tobias Przytarski von ähnlichen Gefühlen. Von der "Bestürzung", als er die Nachricht am Morgen erfahren habe. In seiner Predigt warb er um Verständnis. "Die Liebe zum Herrn kann auch darin bestehen, den Hirtenauftrag zurückzugeben, wenn er nicht mehr angemessen erfüllt werden kann. Vielleicht kann das manchmal sogar die größere Liebe sein."

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