11.02.13

Gideon Joffe

Jüdische Gemeinde mit neuen Strukturen und alten Problemen

Gideon Joffe ist seit einem Jahr wieder Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Jetzt hat er eine erste Bilanz gezogen.

Von Brigitte Schmiemann
Foto: Amin Akhtar

Gideon Joffe ist der Nachfolger von Lala Süsskind als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Hier steht er in der Synagoge an der Joachimsthaler Straße
Gideon Joffe ist der Nachfolger von Lala Süsskind als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Hier steht er in der Synagoge an der Joachimsthaler Straße

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin hat seit fast genau einem Jahr einen neuen Vorsitzenden. Gideon Joffe führt die größte jüdische Gemeinde Deutschlands seit Ende Februar 2012. Sie zählt rund 11.000 Mitglieder.

2005 wurde der promovierte Wirtschaftswissenschaftler zum Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt – als jüngster Gemeindevorsteher seit dem Holocaust. Nach einem noch abgewehrten Misstrauensantrag wegen finanzieller Streitigkeiten im Vorstand im Jahr zuvor wurde er jedoch 2008 abgewählt, Lala Süsskind übernahm nach ihm den Vorsitz. Vor einem Jahr dann wurde er dann erneut gewählt.

Joffe ist nicht unumstritten. Seine Vorgängerin Lala Süsskind drohte sogar, aus der Gemeinde auszutreten.

Der Vorsitzende hingegen sagt, er wolle die Gemeinde finanziell wieder "auf solide Füße stellen" und müsse viele Entscheidungen seiner Vorgänger prüfen. Die Berliner Morgenpost sprach mit Gideon Joffe über den Zustand der Jüdischen Gemeinde heute.

Berliner Morgenpost: Herr Joffe, seit einem Jahr führen Sie die Jüdische Gemeinde zu Berlin. Was ist Ihr größter Erfolg?

Gideon Joffe: Wir haben das Defizit der Gemeinde deutlich reduziert – um 85 Prozent. Statt 3,6 Millionen Euro beträgt es jetzt nur noch 0,6 Millionen Euro. Seit Jahrzehnten wurden diese Löcher durch Vermögensabbau der Gemeinde, also durch den Verkauf von Immobilien und Wertpapieren gestopft. Das haben wir geändert. Wir sind sogar durch das Jahr gekommen, ohne eine einzige Immobilie oder ein Wertpapier verkaufen zu müssen. So etwas gab es fast seit der Zeit Heinz Galinskis vor 20 Jahren nicht mehr. Mein Ziel ist es, die ganze Legislatur ohne Immobilienverkäufe auszukommen. Wir legen unser Augenmerk auf Wirtschaftlichkeit.

Das zweite große Problem der Gemeinde ist seit Jahren die Zerstrittenheit einzelner Gruppierungen in der Gemeinde.

Zerstrittenheit ist eine überspitze Formulierung für den Zustand der Gemeinde. Es gibt innerhalb der Repräsentantenversammlung, die aus 21 Mitgliedern besteht, eine kleine Splittergruppe, die erstmals in der Geschichte der Gemeinde so massiv die Öffentlichkeit sucht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Jeder soll Probleme öffentlich nennen können, aber dieser Gruppe geht es lediglich um ihre eigenen Befindlichkeiten und persönliche Erbhöfe.

Befassen Sie sich mit den Vorwürfen?

Ja, klar. Generell muss aber auch gesagt werden, die Jüdische Gemeinde ist Emotion pur. Das ist auch der Grund, weshalb ich sie so liebe. Hier treffen Orthodoxe auf Liberale, Alteingesessene auf Zugezogene, Idealisten auf absolute Egoisten. Das alles ergibt eine stimmungsreiche Gemengelage. Wenn man die Gemeinde trotz fragwürdiger Gepflogenheiten ins 21. Jahrhundert bringen will, fühlt sich der eine oder andere auch mal auf den Schlips getreten. Jahrelang gewachsene Strukturen, bei denen sich einige der Mitglieder eben auch gut eingerichtet hatten, müssen jedoch von uns unter die Lupe genommen werden. Nicht zuletzt deshalb, weil wir die Finanzen im Blick haben müssen. Hinzu kommt, dass unter dem Dach einer Einheitsgemeinde es immer gewisse Differenzen geben wird.

Es gibt also nach wie vor Streitigkeiten?

Ja, aber es handelt sich um eine kleine Splittergruppe. Ansonsten funktioniert die Jüdische Gemeinde wunderbar.

Gegner werfen Ihnen Konzeptlosigkeit und nicht nachvollziehbare Personalentscheidungen vor. Außerdem seien Sie unfähig, Existenzprobleme der Gemeinde zu lösen.

Drei der 21 Mitglieder der Repräsentantenversammlung versuchen massiv, in der Öffentlichkeit schlechte Stimmung zu verbreiten. Zwei von ihnen mussten bei der letzten Wahl von der Gruppe, die den Vorstand mit Lala Süsskind stellte, in die Opposition wechseln. Hintergrund ihrer Kritik sind rein persönliche Interessen, bei denen es um Eifersüchteleien und persönliche Befindlichkeiten geht. Der Dritte ist seit ein paar Monaten in der Versammlung und strebt Neuwahlen an.

Die Gemeinde schuldet Berlin wegen der überhöhten Betriebsrenten, die bezuschusst werden, fast sechs Millionen Euro und Zinsen. Was wurde dazu vereinbart?

Davon haben wir bereits zwei Millionen Euro getilgt. Monatlich werden aktuell 100.000 Euro beglichen. Wir sind 2012 mit den Zuschüssen in Höhe von 6,2 Millionen Euro aus dem Staatsvertrag im Großen und Ganzen ausgekommen. Wir haben den Senat nicht um Vorschüsse bitten müssen – so, wie es bei unseren Vorgängern öfters üblich war.

Haben Sie sich mit den betroffenen 400 Mitarbeitern beraten? Auf wie viel Prozent ihrer Rente müssen sie denn verzichten?

Die Rentendiskussion ist beendet. Ich habe die Betroffenen auf zwei Mitarbeiterversammlungen über die Anpassung der Versorgung informiert. Einige müssen auf bis zu 50 Prozent Betriebsrente verzichten. Das Problem wurde erst 2004 erkannt. Jahrelang hat die Gemeinde die Renten falsch berechnet. Künftig orientierten sich die Betriebsrenten an denen des öffentlichen Dienstes des Landes Berlin. Unsere Mitarbeiter haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und wissen, dass sie über Jahre hinweg zu hohe Betriebsrenten zugebilligt bekommen haben. Beide Mitarbeiterversammlungen haben mit Applaus geendet. Bis Ende 2012 bleiben die Ansprüche bestehen. Die Neuerung gilt ab Januar 2013.

Lala Süsskind hatten Sie schlechtes Haushalten vorgeworfen. Statt Finanzen zu sanieren, habe sie Immobilien und Wertpapiere verkauft und durch überflüssige Anschaffungen wie Dienstwagen für Zusatzausgaben gesorgt. Was machen Sie anders?

Wir schauen mit betriebswirtschaftlichem Blick auf die Ausgaben. Wir holen bei Anschaffungen Angebote ein und wechseln auch schon mal den Anbieter. Seit Januar verwalten wir unsere Immobilien wieder selbst. Davon versprechen wir uns Einsparungen. Wirtschaftsprüfer hatten das der Gemeinde übrigens seit Jahren empfohlen. Es war nur nicht befolgt worden.

Was für Neuerungen haben Sie eingeführt?

Trotz Reformen und Einsparungen haben wir Dienstleistungen für die Gemeindemitglieder erweitert. So haben wir in der Zentrale an der Oranienburger Straße ein Familienzentrum gegründet. Dort bieten wir ein breites Angebot. Die Einrichtung wird sehr gut angenommen. Zwischen 500 und 1000 Mitglieder nutzen sie monatlich. Dort arbeiten zwei Pädagogen und etliche Honorarkräfte. Wir bezuschussen das Familienzentrum mit 180.000 Euro jährlich.

Sie wollten bei Dienstwagen und hoch bezahlten Personalstellen sparen. Sie sprachen von einer Lawine der Verschwendung bei Ihren Vorgängern. Was haben Sie getan?

Auch hier haben wir Ordnung in die Finanzen gebracht. Einige Dienstwagen konnten wir zurückgeben. Teure Stellen, die frei wurden, haben wir nicht nachbesetzt. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Wie ist die Mitgliederentwicklung der Gemeinde? Einige Mitglieder hatten ja angekündigt, die Gemeinde zu verlassen.

Das erste Mal seit Jahren haben wir mehr als doppelt so viele Eintritte wie Austritte. 264 Eintritten stehen 112 Austritte gegenüber. Leider mussten wir 181 Beerdigungen durchführen. Unsere neuen Mitglieder sind aus anderen deutschen Städten nach Berlin gezogen, viele kommen aus Israel, Nord- und Südamerika sowie weiterhin aus den osteuropäischen Staaten.

Oppositionsmitglieder begleiten die Entscheidungen seit Ihrem Amtsantritt teils mit drastischen Worten. Sie werfen Ihnen vor, "einsame Entscheidungen" zu treffen.

Einsame Entscheidungen sind mir fremd, im Gegenteil, ich betrachte mich als ausgesprochenen Teamplayer. So gut wie alle Entscheidungen fallen nicht nur im fünfköpfigen Vorstand, sondern auch in der Fraktion. Wir sehen unsere Hauptaufgabe darin, dass sich die Nutzer in unseren Einrichtungen wohlfühlen.

Was wünschen Sie dem jüdischen Berlin?

Am meisten würde es mich freuen, wenn unsere Einrichtungen irgendwann ohne Polizeischutz auskommen könnten. Außerdem wünsche ich mir, dass der Dialog mit den anderen Religionen weiter wächst. Ganz besonders beeindruckt hat mich eine Gedenkveranstaltung am Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald, die fast ausschließlich von religiösen muslimischen Mädchen gestaltet wurde. Es beweist, dass gläubige Muslime und der Kampf gegen Antisemitismus kein Widerspruch sein müssen. Berlin ist also auf einem sehr guten Weg, eine noch weltoffenere und tolerantere Metropole zu werden.

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