11.02.13

HipHop

Berliner Rapper "GittaSpitta" verarbeiten Knast-Erfahrungen

Aus einem HipHop-Projekt in der Jugendstrafanstalt Berlin-Plötzensee ist eine Band entstanden. Jetzt ist ihr erstes Album erschienen.

Von Anne Klesse
Foto: amin akhtar

Resozialisiert: Gigow Flow und Duman haben die Band „GittaSpitta“ gegründet. Sie leben und arbeiten als Wachschützer und Hochbaufacharbeiter. „9qm“ ist ihr erstes Album
Resozialisiert: Gigow Flow und Duman haben die Band "GittaSpitta" gegründet. Sie leben und arbeiten als Wachschützer und Hochbaufacharbeiter. "9qm" ist ihr erstes Album

Während sich mancher Hip-Hopper zwar gern als mit allen Wassern gewaschener böser Junge inszeniert, dabei aber im realen Leben gutbürgerlich mit Mutti und Baby in Lichterfelde West wohnt, rappen die Jungs von "GittaSpitta" über das, was sie am eigenen Leib im Knast erlebt haben.

Bei den jungen Berlinern ist der Name im wahrsten Sinne des Wortes Programm: "Gitta" steht für Gitter und "Spitta" kommt von spitten, was soviel bedeutet wie schneller rappen. Jetzt haben die Gitter-Rapper ihr erstes Album herausgebracht.

Hinter dem im Herbst 2005 ursprünglich als Resozialisierungsprojekt in der Jugendstrafanstalt Plötzensee gegründeten Bandprojekt stehen zwei 27-jährige Berliner, die sich Gigow Flow und Duman nennen. Von damals noch fünf Gründungsmitgliedern sind sie die beiden letzten verbliebenen der Crew.

Auf "9qm" - eine Anspielung auf die Zellengröße in Plötzensee - haben sie in selbst geschriebenen Songs und kurzen Hörspielen ihre eigenen Biografien verarbeitet. So heißt es in "Intensivtäter" zum Beispiel: "Ich bin zwar schon seit Februar auf Bewährung, doch die Fäuste machen, was sie wollen, wenn ich benebelt bin und träume. Mir ist alles scheißegal - scheiß auf Schule, scheiß auf Arbeit, jeden Tag ist Feiertag".

Oder in dem eher ruhigen, melancholischen Track mit dem Namen "Einschluss": "Kaum ist die Tür zu, fällt mir auf, wo ich bin… ich fall' erneut in Depression und die Trauer beginnt. Verdammt, was hab' ich nur getan, ich bin im Bau, ohne Sinn."

Auf ihrem Album rappen Gigow Flow und Duman über die Taten, die sie vor ein paar Jahren ins Jugendgefängnis gebracht haben, über den tristen und manchmal beängstigenden Alltag in Haft, ihre Träume, den ersten Freigang, und schließlich: die Entlassung. "Endlich frei! Ich bin mir sicher, besser abzuschneiden, halte meine Füße still, kein Bock, nochmal im Knast zu leiden."

Für alle, die nichts mit Knastsprache anfangen können, haben sie dem CD-Booklet eine Legende beigelegt, die Begriffe wie Ewiger (Gefangener mit lebenslanger Haftstrafe), Ganovenball (Einkaufstag) oder Speisekarte (Vorstrafenliste) erklärt.

Mit 18 ins Gefängnis

Duman und Gigow Flow haben zwei typische kleinkriminelle Karrieren hinter sich. Duman wuchs mit zwei Geschwistern in Charlottenburg auf, liebte Breakdance, zog mit 16 nach Zehlendorf in eine eigene kleine Wohnung. Was genau er dann passierte, will er nicht sagen, nur soviel: "Raubüberfälle" seien dabei gewesen, "und andere Straftaten".

Er verletzte Bewährungsauflagen und wurde schließlich zu 20 Monaten Haftstrafe verurteilt. Am 13. März 2005 fuhr man ihn direkt von der Untersuchungshaft nach Plötzensee. Der Anblick seiner neuen Unterkunft schockierte ihn. "In meiner Zelle standen auf den neun Quadratmetern ein Bett, ein Regal und ein Spint", erinnert er sich.

In den 20 Monaten hatte er keinen Ausgang, die Zeit vertrieb er sich mit der Arbeit als eine Art Hausmeister, mähte den Rasen, machte kleinere Reparaturen. Am meisten vermisst habe er seine Familie - "und einen eigenen Kühlschrank".

Gigow reizte alles, was verboten war

Gigow Flow lernte er im Jugendknast kennen. In Hellersdorf war Gigow Flow aufgewachsen, mit seiner dunkleren Haut, erinnert er sich, sei er in Ost-Berlin überall aufgefallen.

Außer Rap habe ihn als Jugendlicher vor allem alles, was verboten war, gereizt: "Ich habe viel Scheiße gebaut", sagt er. Graffiti, Kiffen, sowas. In der Gruppe "zogen sie Leute ab", klauten ihnen Geld, prügelten sich. Mehrmals sei er von der Polizei erwischt worden, mehrmals habe der Richter ein Auge zugedrückt.

Mit 18 wurde er für vier Wochen in den Jugendarrest geschickt, "als letzte Abschreckung". Aber kaum war er draußen, sei er wieder mit denselben Leuten wie vorher unterwegs gewesen, habe seine Bewährungsauflagen verletzt. "Körperverletzung", drei Jahre Jugendknast. Am 10. Februar 2006 kam er in U-Haft. "Das war ein Freitag - am Samstag hätte ich meinen ersten Auftritt als Rapper gehabt. Das war hart", erinnert er sich.

Das von der EU als Interkulturelles Kompetenztraining geförderte HipHop-Projekt in Plötzensee, aus dem schließlich die "GittaSpitta" entstanden, habe auch "eine Ventilfunktion", ist Projektinitiatorin Birgit Lang überzeugt. "Vielen Jugendlichen fällt es leichter, sich in Songtexten mit ihren Gefühlen und Erlebnissen auseinanderzusetzen, als sie einfach so gegenüber jemandem zu äußern."

Auch der Leiter der Jugendstrafanstalt Berlin, Thorsten Luxa, ist überzeugt, dass "solche Projekte für den einen oder anderen Häftling ein guter Mosaikstein im Rahmen der Resozialisierung sein kann". Denn in der Jugendstrafe geht es vorrangig um Erziehung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft und weniger um Sühne oder Sicherung der Allgemeinheit.

Jetzt komplett resozialisiert

Ihre ersten Songs nahmen "GittaSpitta" noch mit Hilfe des Produzenten Jörn Hedtke alias "Kronstaedta" in der Haftanstalt auf, mit einfachster Ausstattung. "Das Schreiben und Rappen war für mich damals eine Möglichkeit, mit der Situation klarzukommen", sagt Gigow Flow heute. "Meine Wut, aber auch meine Traurigkeit konnte ich so in etwas Positives umwandeln."

Mit den typischen Mainstream-Rappern, die in ihren Texten über Gewalt fantasieren und sie teils sogar verherrlichen, können die beiden nichts anfangen. "Straftaten zu begehen, jemanden zu überfallen - sowas ist nicht cool, Knast ist nicht cool", weiß Gigow Flow. "Mit unseren Songs wollen wir Reue zeigen und erzählen, wie es 'drinnen' ist: Da ist man nämlich ganz allein, wenn man weint, ist niemand ist da."

Und Duman ergänzt: "Mit unserer Musik wollen wir auch Vorbild für andere Jugendliche sein, sie davon abhalten, straffällig zu werden. Wir haben das alles erlebt und wünschen niemandem diese Erfahrung."

Gigow Flow und Duman, die beiden "GittaSpitta"-Rapper, sind jetzt schon seit mehreren Jahren 'draußen' und haben sich seither keinen Fehltritt mehr geleistet. Sie haben es von polizeibekannten Intensivtätern zu ernsthaften Musikern mit einer wachsenden Fangemeinde geschafft und sind Positivbeispiel dafür, wie Resozialisierung funktionieren kann.

Ihr ehemaliger Bandkollege Ronny, der sich Voodoo nannte und zwar in Deutschland aufgewachsen war, aber keinen deutschen Pass hatte, wurde 2008 nach Uganda, der Heimat seiner Eltern, abgeschoben. Die drei haben noch via Internet Kontakt.

Der vierte und fünfte im Bunde haben ebenfalls mittlerweile jeder ein neues Leben in Freiheit. Und noch etwas Gutes ist von der Gefängniszeit geblieben: "Wir sind Freunde geworden", sagt Gigow Flow. Er und Duman haben ihre Liebe zum HipHop intensiviert und mit "9qm" ein richtiges, ein eigenes Album herausgebracht.

Duman wohnt mittlerweile in Wedding, er arbeitet im Wachschutz und macht in seiner Freizeit vor allem Musik. Gigow Flow hatte in Plötzensee eine Ausbildung zum Hochbaufacharbeiter gemacht und schult gerade um zum Mediengestalter für Bild und Ton. Er dreht Videos für sein Projekt gegen Rassismus, "Spuck auf Rechts", und engagiert sich in dem Streetworkerprojekt "Gangway". "9qm" sei auch ein Abschluss, sagen beide. "Wir wollen unsere Knast-Vergangenheit jetzt hinter uns lassen und nach vorne schauen", sagt Gigow Flow.

Dafür arbeiten sie schon an neuen Songs. Jetzt brauchen sie nur noch einen neuen Namen. Einen, der nicht an Gitterstäbe erinnert.

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