10.02.13

Klinikkonzern

Vivantes-Chef Bovelet geht aus Ärger über Nußbaum

Der Finanzsenator liegt schon länger mit mehreren Landesbetrieben im Clinch. Auch innerhalb der SPD hat er sich Feinde gemacht.

Von Christine Richter
Foto: Thilo Rückeis/picture alliance

Ende 2011 hatte Vivantes-Chef Joachim Bovelet seinen Vertrag noch bis 2017 verlängert
Ende 2011 hatte Vivantes-Chef Joachim Bovelet seinen Vertrag noch bis 2017 verlängert

Die Entscheidung ist völlig überraschend gekommen: Joachim Bovelet, seit 2007 Chef des landeseigenen Klinikkonzerns Vivantes, tritt zurück. Und dies, obwohl sein Vertrag erst Ende 2011 verlängert worden war und noch bis 2017 gelaufen wäre.

"Aus persönliche Gründen", sagte Vivantes-Sprecherin Kristina Tschenett am Sonnabend. Offiziell wollte sich der 57-Jährige selbst nicht dazu äußern. Doch im Senat ist klar: Bovelet geht aus Ärger über Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für die SPD). Er ist nicht der Erste, der mit dem der Politiker im Clinch liegt.

Die Angelegenheit ist ein bisschen kompliziert. Nußbaum, der aus Bremen kommt und seit fast fünf Jahren Finanzsenator in Berlin ist, ist auch in den Aufsichtsräten vieler landeseigener Unternehmen vertreten – bei der Charité, bei dem Klinikkonzern Vivantes, aber auch bei der Berliner Stadtreinigung und den Wasserbetrieben.

Mit Charité-Chef Karl Max Einhäupl hat er sich schon vor langer Zeit überworfen und wäre diesen am liebsten losgeworden. Seiner Meinung nach leitet Einhäupl das Universitätsklinikum nicht gut genug, gibt zu viel Geld aus und spart zu wenig. Einhäupl ließ sich nicht verschrecken, auch dank vieler Fürsprecher im Senat.

Ärger mit SPD-Kollegen

Vor wenigen Monaten wollte Nußbaum dann seinen Einfluss vergrößern und legte sich mit Karl Kauermann an – einem einflussreichen Ex-Banker in Berlin und langjährigem SPD-Mitglied, der ebenfalls in vielen Kontrollgremien von Landesunternehmen vertreten ist. Bei Vivantes, bei der Wohnungsbaugesellschaft Degewo. Bei der Degewo musste Kauermann auf Drängen von Nußbaum gehen. Mit der Folge, dass sich dessen Freunde aus der SPD sammelten und anonym ein Papier über Nußbaum und seine angeblichen Bremer Seilschaften in der Stadt verbreiteten.

Auch Bovelet soll zu diesem Netzwerk gegen Nußbaum zählen und an den Unterlagen über den Finanzsenator mitgearbeitet haben. Er bestreitet dies öffentlich – zuletzt in der Vivantes-Aufsichtsratssitzung am 14. Dezember 2012, als der Finanzsenator unter dem Punkt Verschiedenes ihn dazu befragte. "Bovelet hat versichert, dass das Papier nicht von ihm kommt, aber er nicht ausschließen könne, dass solche Sachen von einem Faxgerät in einer der vielen Vivantes-Kliniken verschickt worden sein könnten", berichtet ein Teilnehmer. Nußbaum habe diese Erklärung akzeptiert, aber betont, dass eine Geschäftsführung darauf achten müsse, dass solche Papiere nicht aus dem Klinikkonzern verbreitet werden dürften.

Anonymes Schreiben an Bovelets Ehefrau

Damit könnte die Sache eigentlich erledigt sein. Eigentlich, wenn da nicht ein anonymes Schreiben bei Bovelets Ehefrau im nordrhein-westfälischen Olpe eingetroffen wäre. Darin werden private Dinge über Bovelet verbreitet, was ihn zutiefst empört haben soll. Außerdem ist der Streit zwischen Nußbaum und Bovelet über die Zukunft von Kauermann bei Vivantes noch nicht beigelegt.

Der Finanzsenator wollte Kauermann auch als Aufsichtsratsmitglied bei Vivantes ablösen, stieß damit jedoch auf erheblichen Widerstand im Aufsichtsrat. Weil Kauermann vorgeworfen wird, einer Wachschutzfirma, an der er einmal selbst mit zehn Prozent beteiligt war, zu einem Auftrag bei Vivantes verholfen zu haben, fasste Nußbaum einen anderen Beschluss. Nun sollen alle Vergaben von Vivantes aus den vergangenen fünf Jahren von der Unternehmensberatung KPMG überprüft werden. Eine Anweisung, über die Bovelet sich ebenfalls ärgert. Dies alles, auch das anonyme Schreiben, sei "ein Feldzug" gegen ihn persönlich, habe er erklärt – und in der vergangenen Woche nach Gesprächen mit Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) sowie mit Finanzsenator Nußbaum die Konsequenzen gezogen.

Beratung über Missbrauchsfall

"Wir haben gut zusammengearbeitet, der Rücktritt hat mich überrascht", sagte Czaja am Sonnabend. Über die Nachfolge werde nun der Vivantes-Aufsichtsrat beraten, der schon am 18. Februar zu einer Sondersitzung zusammenkommt. Dort soll es um etliche Fragen gehen – um Ausschreibungen und Grundstücksgeschäfte. Und auch um einen Missbrauchsfall, über den Bovelet den Aufsichtsrat im Dezember informiert hatte. Der Pfleger des Auguste-Viktoria-Klinikums (AVK) sei nicht mehr im Dienst, Strafanzeige gestellt worden, sagte Vivantes-Sprecherin Tschenett. Betroffen seien erwachsene Patienten im AVK.

Im Senat ist man nicht glücklich über das Ausscheiden des Klinikmanagers, wirft dies doch wieder ein schlechtes Licht auf Berlin. Noch gut in Erinnerung ist der Ärger mit der Kurzzeit-Senatorin Sybille von Obernitz (CDU), die erst den Aufsichtsratschef von Berlin Partner, Peter Zühlsdorff, vergraulte und sich anschließend mit der Messegesellschaft anlegte, dass auch dort der Aufsichtsratschef intern schon mit Rücktritt drohte. Es kam dann anders, weil sich die CDU von der Senatorin lossagte und diese ihren Posten aufgab.

Bovelets Arbeitsweise war umstritten

Aber auch der Streit mit der Wohnungsbaugesellschaft Degewo hat für viel Unruhe in den Landesbetrieben gesorgt. Noch nicht entschieden ist der Konflikt beim Liegenschaftsfonds, der die Landesgrundstücke vermarktet. Auch in diesem Fall würde Nußbaum gern den Chef des Liegenschaftsfonds, Holger Lippmann, ablösen.

Doch bei all dem Ärger, den der Finanzsenator in den vergangenen Wochen ausgelöst hat: Die Arbeit von Bovelet ist unter Gesundheitsexperten nicht unumstritten. So hat der Manager den Konzern zwar in die schwarzen Zahlen gebracht, gleichzeitig aber auch schwere personelle Konflikte ausgelöst. Dazu zählt die Kündigung der Chefärztin und ehemaligen DDR-Spitzenturnerin Karin Büttner-Janz, in deren Folge dann auch Bovelets Stellvertreterin Dorothea Dreizehnter das Unternehmen verließ. Kritisch wird auch gesehen, dass Bovelet keine Zukunftsstrategie für Vivantes ab 2014 ausarbeitete. Dennoch: Aufsichtsratschef Hartmann Kleiner bedauerte den Weggang. Bovelet habe viel für die Entwicklung von Vivantes geleistet, sagte Kleiner am Sonnabend.

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