06.02.13

Annette Schavan

Berliner Studenten enttäuscht über ihre Honorarprofessorin

Nach der Aberkennung des Doktortitel ist unklar, ob Schavan weiter an der FU Berlin lehren darf. Studenten sehen den Fall unterschiedlich.

Foto: Amin Akhtar

Solveig Högemann, 22, Judith Baumann, 24, und Rebecca Pruß, 24, (v. l.) machen an der FU ihren Master für Geschichte: „Plagiat ist wie klauen“, sagen sie, „man benutzt nicht sein geistiges Eigentum.“ Ihre Hausarbeiten werden stets von einer Software auf Plagiate untersucht.
Solveig Högemann, 22, Judith Baumann, 24, und Rebecca Pruß, 24, (v. l.) machen an der FU ihren Master für Geschichte: "Plagiat ist wie klauen", sagen sie, "man benutzt nicht sein geistiges Eigentum." Ihre Hausarbeiten werden stets von einer Software auf Plagiate untersucht.

Das kleine Institutsgebäude der Katholischen Theologie an der Schwendener Straße liegt verlassen da. Am Tag nachdem Bundesbildungsministerin Annette Schavan der Doktortitel entzogen wurde, lässt sich keiner ihrer Studenten blicken.

Schavan ist Honorarprofessorin der Freien Universität Berlin, im jetzigen Wintersemester hatte sie ein Seminar zum Thema "Religionsfreiheit. Eine neue Sicht des Konzils und die Rezeption in religiös pluralen Gesellschaften" angeboten. Die letzte Veranstaltungen hatte sie am 23. Januar gegeben. Ob Schavan ihre Honorarprofessur behalten darf und ihre Lehrtätigkeiten fortsetzt, ist unklar. Bei der FU hieß es auf Anfrage, dass man sich nicht äußern wolle. Nur so viel: Für das kommende Semester sei ohnehin kein weiteres Seminar geplant gewesen, so Sprecher Goran Krstin.

Die Studenten des Fachbereichs Geschichts- und Kulturwissenschaften, die zwischen Mensa und Bibliothek zu finden sind, sehen den Fall Schavan unterschiedlich. Christian Johann beispielsweise, selbst Doktorand im Bereich Neuere Geschichte, nennt das Urteil "zu extrem". "Die heutigen wissenschaftlichen Standards sind nicht mehr die gleichen wie im Jahr 1981", sagt er. Zudem sei es nicht der Doktortitel gewesen, der sie zu ihrer Position als Bundesministerin geführt habe.

Deutlich weniger Verständnis hat dagegen Elisabeth Zschache, die im Fach Philosophie promoviert. "Ohne ihren Doktortitel wäre Schavan keine Bundesministerin", sagt die 25-Jährige, deshalb müsse sie zurücktreten. "Durch ihren Betrug ist sie für die Bildung und Forschung nicht mehr tragbar." So sieht es auch die Geografiestudentin Juliane Bismark (23) von der Humboldt-Universität, wo am Mittwoch ebenfalls über Schavan diskutiert wurde. "Wissenschaftliche Texte zu schreiben ist viel Arbeit und benötigt umfangreiche Recherchen. Es ist daher eine umso größere Unverschämtheit, dass eine Persönlichkeit wie Schavan plagiiert", sagt sie. Schavan habe zu sehr an Glaubwürdigkeit verloren, ihr Rücktritt sei unumgänglich.

Hochschulverband legt Schavan Rücktritt als Ministerin nahe

In der nationalen Hochschullandschaft hat die Aberkennung ebenfalls unterschiedliche Reaktion ausgelöst. So legte der Präsident des Deutschen Hochschulverbands, Bernhard Kempen, Schavan den Rücktritt nahe. "Es wäre richtig, wenn Schavan als Bundesbildungsministerin zurücktreten würde", sagte Kempen am Mittwoch. Er könne sich nicht vorstellen, "dass sie als Ministerin einfach so weitermachen kann". Schließlich sei sie die Repräsentantin der deutschen Wissenschaft, begründete Kempen seine Einschätzung.

Kempen verteidigte auch die Universität Düsseldorf gegen Kritik. Die Uni habe "sehr sorgfältig und außerordentlich korrekt gearbeitet", sagte er. Es gebe keinen Anlass, das Verfahren in Zweifel zu ziehen.

In Ulm, wo Schavan auch ihren Wahlkreis hat, sieht man das anders. "Das Ganze ist ein Armutszeugnis für die Düsseldorfer Fakultät", erklärte der Präsident der Universität Ulm, Karl Joachim Ebeling. "Wenn Frau Schavan in ihrer Doktorarbeit schluderig zitiert haben soll, wundert es mich schon, dass dieses in den ursprünglichen Gutachten zur Promotion vor mehr als 30 Jahren nicht moniert wurde", sagte Ebeling. "Denn die fraglichen Stellen waren doch in den allermeisten Fällen durch Quellenangabe kenntlich gemacht."

Schavan darf Titel weiter tragen

Ebenfalls befremdet über die Entscheidung zeigte sich der Wissenschaftsexperte und ehemalige Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, George Turner. "Beim Verfahren, denke ich, hat die Universität Fehler gemacht", sagte Turner der "Saarbrücker Zeitung". Sie habe "nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, sich selbst als untadelig und als unvoreingenommen gegenüber Frau Schavan darzustellen". Dazu hätte die Universität weitere Gutachten einholen müssen.

Solange die Aberkennung nicht rechtskräftig ist, könne Schavan ihren Titel übrigens weiter tragen, hieß es bei der Uni Düsseldorf. Dies würde auch für die Dauer des gesamten Klageverfahrens gelten. Da beim Verwaltungsgericht Düsseldorf solche Verfahren durchschnittlich ein Dreivierteljahr dauern, könnte ein Urteil womöglich erst nach der Bundestagswahl gefällt werden.

Quelle: rm/BM
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