06.02.13

Nahverkehr

BVG sucht Kritiker, aber bitte keine heftigen

Die Berliner Verkehrsbetriebe rufen erstmals einen Kundenbeirat ins Leben. Doch längst nicht jeder ist in dem Gremium erwünscht.

Von Thomas Fülling
Foto: REUTERS

Der Beirat soll dabei helfen „noch kundenfreundlicher“ zu werden
Der Beirat soll dabei helfen "noch kundenfreundlicher" zu werden

"We want you!", oder auf Deutsch "Wir wollen Sie!" – so steht es groß auf der Internetseite der BVG und auch auf dem Titel der aktuellen Kundenzeitschrift. Mit dem markigen Aufruf suchen die landeseigenen Verkehrsbetriebe seit Montag Mitglieder für einen neu zu gründenden Kundenbeirat. 30 Fahrgäste aller Alters- und Bevölkerungsgruppen sollen die täglich 2,5 bis 3 Millionen Fahrgäste der BVG repräsentieren und deren Sorgen und Nöte artikulieren.

Erklärtes Ziel ist, dass der neue Beirat der BVG dabei hilft "noch kundenfreundlicher" zu werden. Allerdings: Längst nicht jeder Kunde ist als Berater willkommen. Genauer gesagt: Viele Fahrgäste sind sogar unerwünscht. So heißt es in der BVG-Zeitschrift: Bewerben können sich alle, die nicht in einem Verkehrsunternehmen beschäftigt oder bereits in einem Fahrgastverband organisiert sind. Auch wer beruflich oder privat im Verkehrsbereich aktiv ist, ist von der Mitarbeit im Beirat ausgeschlossen.

Einschränkungen seien absurd

Beim Berliner Fahrgastverband Igeb, der die Bildung eines Kundenbeirats ausdrücklich begrüßt, stoßen diese Ausschlusskriterien auf harsche Kritik. Igeb-Sprecher Jens Wieseke kann durchaus nachvollziehen, dass offizielle Verbands-Repräsentanten nicht unbedingt erwünscht sind. "Dass aber einfache, engagierte Mitglieder des Verbandes ausgeschlossen werden, können wir einfach nicht verstehen", sagt Wieseke. Würden von der BVG Fahrgäste mit Fachkenntnissen aus ihrem Beratergremium prinzipiell verbannt, drohe das Ganze schnell zur Alibi-Veranstaltung zu verkommen, so die Befürchtung der Fahrgast-Vertreter.

Geradezu "absurd" ist nach ihrer Auffassung die Einschränkung der BVG, dass nicht Mitglied im Kundenbeirat werden kann, wer "privat im Verkehrsbereich aktiv" ist. "Sind also auch Trainspotter (Bahnfans, die regelmäßig Züge fotografieren – d. Red.) oder ADAC-Mitglieder ausgeschlossen?", so die polemische Frage des Igeb-Sprechers.

Blick von außen

BVG-Sprecher Klaus Wazlak verteidigt die Auswahlkriterien. "Wir wollen keinen, der vom Fach ist", betont er. Deshalb seien Mitarbeiter der BVG und auch anderer Verkehrsunternehmen ausgeschlossen. In der Praxis gebe es zudem bereits viele Gremien, in denen Politiker und Fachleute der BVG Ratschläge erteilen könnten. "Was uns aber fehlt, ist der unverstellte Blick von außen", so Wazlak. Die Kritik der Igeb weist der BVG-Sprecher zurück. Der Fahrgastverband sei schließlich bereits in einem anderen Beirat der BVG vertreten.

Diese Möglichkeit bestreitet Igeb-Sprecher Wieseke auch nicht: "Das ist ein Beirat beim BVG-Vorstand, in dem auch der Polizeipräsident und der ADAC-Chef vertreten sind. Da kommen wir als Verband auch gut zu Wort. Uns stört aber, dass einfache Igeb-Mitglieder sich nicht privat im BVG-Kundenbeirat engagieren können." Wenn es die BVG ernst meine mit der Kunden-Meinung, dürfe sie nicht auf Kompetenz verzichten.

Berliner S-Bahn dient als Vorbild

Dass es anders gehe, beweise die sonst vielfach kritisierte Berliner S-Bahn. "S-Bahn-Chef Peter Buchner legt sehr viel Wert auch auf die Meinung der Fahrgastvertreter", berichtet Wieseke. Die zum Bahnkonzern gehörende S-Bahn Berlin GmbH hat bereits seit 2007 einen Kundenbeirat. "Der Kundenbeirat hat sich mittlerweile als wichtiges Beratungsgremium etabliert", sagt ein Bahn-Sprecher.

Zwar sind auch dort Beschäftigte der Bahn und anderer Verkehrsunternehmen ausgeschlossen, so weitreichende Einschränkungen, wie sie die BVG plant, gibt es aber nicht. Im Gegenteil: Die Igeb-Vertreter sind im Beirat integriert, wenngleich ohne Stimmrecht. Wichtiger als bestimmte Berufs- und Interessengruppen auszuschließen sei die Zusammensetzung nach Alter und Wohnort. "Die Mischung muss stimmen", so der Bahn-Sprecher. Er räumt auch ein, dass nicht jeder Vorschlag aus dem Beirat auf Begeisterung in der Geschäftsführung stößt. "Nicht alles ist sinnvoll und wirtschaftlich umsetzbar", sagt er. Doch es habe auch einen "gegenseitigen Lernprozess" gegeben.

Auch der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) hat schon seit Längerem einen Kundenbeirat. Eines der Mitglieder hatte vor Jahren die Idee mit einer speziellen, preisvergünstigten Monatskarte für Senioren, die damit im gesamten Verbundgebiet fahren können. Insbesondere die BVG war anfangs wenig begeistert von dem Vorschlag, befürchtete sie doch erhebliche Einnahmeausfälle. Das 2009 schließlich eingeführte Senioren-Abo 65plus gilt inzwischen bei BVG und S-Bahn als große Erfolgsstory, die den Unternehmen einen messbaren Zuwachs an Stammkunden gebracht hat.

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