04.02.13

Hochschulen

Warum die Berliner UdK keine Exzellenzinitiativen nötig hat

Der Präsident der Universität der Künste spricht über Fähigkeiten jenseits des Einser-Abiturs und die gesellschaftliche Wirkung der Kultur.

Von Joachim Fahrun
Foto: Massimo Rodari

Gut gelaunt: Der Musiker Martin Rennert leitet die UdK
Gut gelaunt: Der Musiker Martin Rennert leitet die UdK

Martin Rennert ist seit 2006 Präsident der Universität der Künste. Geboren wurde Rennert 1954 in New York, in Wien, Graz und Granada hat er Musik studiert, 1985 trat er eine Professur für Konzertgitarre an der UdK an.

Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt Rennert, warum seine Universität keine Exzellenzinitiativen nötig hat.

Berliner Morgenpost: Professor Rennert, Berlins Universitäten sind sehr stolz darauf, ihre Qualität verbessert zu haben. FU und HU sind Elite-Unis geworden. Wie misst man eigentlich die Qualität einer Kunsthochschule?

Martin Rennert: Natürlich nicht über Exzellenzinitiativen. Im Gegenteil. Unsere Exzellenz stellen wir schon bei der Zugangsprüfung unserer Studierenden her. Wir wählen aus vielen Tausenden Kandidaten aus, wir haben 60 oder 70 große Kommissionen, die jede einzelne Bewerbungsmappe eingehend betrachten. Man hat 1000 Leute, die Schauspiel machen wollen, am Ende nimmt man zehn. Wir haben insgesamt 4500 Studierende in rund 100 Studiengängen. Bei uns gibt es Studiengänge mit 15, 20 oder 30 Studierenden. Für die suchen wir als Dozenten Künstler, Leute die aus der Gestaltung kommen. Unsere Studiengänge sind nicht wie an einer wissenschaftlichen Hochschule, wo man in einem einzigen Studiengang vielleicht 30 Professuren haben könnte. Wir haben Studiengänge mit einer oder zwei Professuren. Diese Leute müssen die absolute internationale Spitze repräsentieren. Unsere Exzellenz misst man also an der internationalen Bedeutsamkeit.

Es wird ja oft gefordert, die Universitäten müssten etwas bringen für den Wirtschaftsstandort. Wie rechtfertigen Sie die hohen Ausgaben des Staates für die UdK?

Wir sind regional überaus wirksam. Wir können nicht erwarten, dass der Senat und die Bevölkerung Berlins uns hier aushalten, einfach nur weil wir toll sind. Das sind wir glaube ich, aber das wäre nicht genug. Deshalb hat die UdK aus ihrer Exzellenz einen Imperativ, in der kulturellen Bildung, in der Lehrerbildung, in der Integrationspolitik, der Stadtentwicklung, in der Wirtschaftspolitik entscheidende Beiträge zu leisten. Das tun wir. Wenn wir aber nur mittelmäßig wären, hätte das auch keine Relevanz. Aus der internationalen Anerkennung gewinnen wir die Relevanz als ein Gesprächspartner auf Augenhöhe mit dem Senat von Berlin oder anderen kulturellen Einrichtungen.

85 Prozent ihrer 220 Professoren sind meist erfolgreiche Kulturschaffende oder Gestalter. Wie wichtig ist bei Berufungen von solchen prominenten Leuten die Geldfrage?

Bei uns gibt es fast niemanden, der eine rein akademische Karriere macht. Wenn ich vor drei Jahren beispielsweise Ólafur Eliasson berufen habe, dann wusste ich natürlich, dass er woanders ein Vielfaches seines UdK-Gehaltes verdienen könnte. Gleichzeitig ist es Eliasson ein besonders Anliegen, junge Talente zu entdecken, auszubilden und zu fördern. Er wollte zwar nur für fünf Jahre kommen, aber er hat glaubhaft versichert, dass er sich für diese Zeit dieser Aufgabe intensiv widmen will. Und er wusste, dass ihn eine UdK-Professur nicht reich machen würde. Der Erfolg ist öffentlich sehr deutlich geworden. Wenn wir in der Ausbildung in Bildender Kunst ein Signal setzen wollen, müssen wir aber in so einem Fall innerhalb kürzester Zeit die Bedingungen für den Erfolg schaffen. Diese sind vor allem Ausstattung: Raum, Personal, jemanden der seine Projekte für die Verwaltung übersetzt, in Scheine für die Studierenden. Heutzutage braucht man eben nicht nur Leinwand und Pinsel, sondern massiven Medien-, Raum- und Personaleinsatz.

Was müsste Berlin tun, um die UdK zu stärken?

Wenn Berlin in dieser Richtung investieren wollte, bräuchte man mehr als einen Hinweis darauf, dass Kreativwirtschaft wichtig ist. Man muss weiter denken als drei oder vier Jahre. Berlin ist eine kulturelle Metropole. Unsere Gesellschaften leben von einem Potenzial, das es jenseits des Wirtschaftlichen auch noch zu realisieren gilt. Wenn man den Boden erodieren lässt, auf dem das geschieht, passieren Dinge wie jetzt in der Bildungspolitik, wo man mit einer gewisser Berechtigung vor allem auf mathematische und Lesekompetenz schaut. Aber man vergisst, dass es Formen der Erkenntnis und außerordentliche Fähigeiten gibt, mit denen man auch ohne Einser-Abitur erheblich auf die Entwicklung eines Gemeinwesens einwirken kann. Das Innovative, das über die Künste kommt, ist sicherlich auch entscheidend für die Ökonomie, für unsere Fähigkeit, Dinge weiter zu entwickeln, jede gute Entwicklung aller Teile unseres Lebens lebt aber von ihrer starken Verankerung in den differenzierten Feldern der Kultur. Hier ist die UdK wirksam und erfolgreich.

Derzeit wird darüber debattiert, die Ausbildung von Musiklehrern und Kunstlehrern in Berlin neu zu organisieren. Dabei soll mehr auf pädagogische und didaktische Fertigkeiten Wert gelegt werden als auf eigene künstlerische Kompetenz. Was halten Sie davon?

Natürlich braucht ein Kunst- oder Musiklehrer pädagogische und fachdidaktische Fertigkeiten. Aber sie müssen als Person überzeugen, sie müssen mitreißen. Deshalb muss man die Studierenden in der Systematik von Kunst und Musik belassen und nicht vor allem in ein Bildungswissenschaftsstudium nötigen. Lehrer müssen den Kindern zu zeigen vermögen, dass Kunst und Musik große Themen sind, die man im Unterricht nur ganz leicht berühren kann. Wenn sie mehr wollen – und hier ist das überzeugende Vorbild entscheidend – müssen sie selbst tätig werden: Dann eröffnet sich ihnen eine ganze Welt. Das gilt für Sport ebenso. Es gibt mit Musik, Sport und Kunst drei Fächer, die vollkommen unterbelichtet sind an unseren Schulen, weil wir vor allem auf Vergleichstests in anderen Fächern sensibel reagieren müssen. Dabei können wir über Sport, Musik und Kunst nonverbal Begeisterung herstellen, für emotionale Erkenntnis sorgen. Wenn man Kindern nicht frühzeitig diese Welten eröffnet, wie will ich Neugier wecken und Potenziale nützen?

Was hat aber ein arabisches Kind in Neukölln davon, wenn Sie hier an der UdK einen tollen Künstler als Dozenten berufen?

Wenn man regional wirksam sein will, müssen wir aus unserer hohen künstlerischen Kompetenz heraus Projekte für Kinder und Jugendliche entwickeln. Das haben wir etwa mit dem Projekt "Kinder zum Olymp" getan, inzwischen ein Unesco-Referenzprojekt, bekannt in der gesamten Welt.

Wie funktioniert das Projekt?

Unsere Theaterpädagogen gingen in Grundschulen, zum Beispiel in Wedding, wo etwa 80 Prozent der Kinder nicht deutscher Herkunft waren und viele aus sozial schwierigen Verhältnissen kamen. Dort haben wir ein Märchen-Erzählprojekt gemacht, jede Woche eine Stunde. Das wurde mehrfach verlängert. Bei den Kindern ist die Fähigkeit messbar gestiegen, sich in deutscher Sprache verständlich zu machen. Die Theaterpädagogen wollten erreichen, dass Kinder Geschichten von ihren Großeltern und Eltern bekommen, die sie dann in der Schule erzählen. Jedes Kind kam dran. Das brachte Sprachkompetenz. Zu Hause wurde über Dinge gesprochen, die sonst nicht thematisiert worden wären. Und die Kinder haben gelernt, die unterschiedlichen Geschichten zu respektieren. Und die Kinder waren stolz, dass die anderen ihnen zugehört haben und etwas aus ihrem Leben verstanden haben. Auch mit unseren Musikpädagogen machen wir viel. So entwickeln sich Modelle und man verändert ein Schulklima stark durch einen winzigen künstlerischen Eingriff. Das ist regionale Wirksamkeit jenseits von Start-ups und Kreativwirtschaft.

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