03.02.13

Erziehung

Sind Eltern fit im Internet, klappt's auch mit den Kindern

Eltern sollen sich mehr mit dem Internet beschäftigen, bevor sie das Web verteufeln, sagen die Berliner Blogger Tanja und Johnny Haeusler.

Von Anne Klesse
Foto: Random

In ihrem Buch „Netzgemüse“ erklären die Berliner „Spreeblick“-Blogger Johnny und Tanja Haeusler Eltern, wie sie den Generationenkonflikt umgehen
In ihrem Buch "Netzgemüse" erklären die Berliner "Spreeblick"-Blogger Johnny und Tanja Haeusler Eltern, wie sie den Generationenkonflikt umgehen

Verstehen Sie die Welt nicht mehr, wenn Ihre Kinder oder Enkel schon beim Frühstück mit dem Smartphone im Internet surfen und über nichts anderes mehr reden als Videospiele, Social Networks und Chats? Dann könnte Ihnen das Buch "Netzgemüse" (Verlagsgruppe Random House, Wilhelm Goldmann Verlag, München, 2012, 288 Seiten, 9,99 Euro) helfen. Darin erklären die Berliner "Spreeblick"-Blogger Johnny und Tanja Haeusler Eltern, wie sie den Generationenkonflikt umgehen und ihre Kinder souverän in der digitalen Welt begleiten können. Anne Klesse hat mit den Autoren gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie schreiben, die "Aufzucht und Pflege der digitalen Generation", die Sie "Netzgemüse" nennen, sei eine erzieherische Herausforderung, die viele Fragen mit sich bringe. Sie sind selbst Eltern zweier Söhne, elf und 13 Jahre alt. Welche Fragen haben sich denn Ihnen so in den vergangenen Jahren gestellt?

Tanja Haeusler: Weil wir seit Jahrzehnten im Netz aktiv sind, kennen wir uns ganz gut aus. Aber befreundete Eltern hatten viele Fragen und haben uns oft konsultiert. Das war dann auch der Hauptgrund, warum wir ein Buch geschrieben haben.

Dabei gibt es schon etliche Elternratgeber zum Thema Medienkompetenz von Kindern, zur guten und sicheren Nutzung des Internets. Warum haben Sie mit "Netzgemüse" einen weiteren geschrieben?

Johnny Haeusler: Wir hatten den Eindruck hatten, dass viele der Bücher auf dem Markt ein wahres Horrorszenario von den neuen Medien zeichnen. Oft geht es um Internet- oder Computerabhängigkeit, Killerspiele, die ganzen negativen Seiten. Wir fanden, es ist an der Zeit zu beleuchten, was alles toll ist an den neuen Medien. Was man Positives daraus ziehen kann.

Tanja Haeusler: Die meisten Ratgeber lesen sich wie wissenschaftliche Abhandlungen. Im Prinzip ist es ja schon praktisch, beispielsweise für Facebook mal nachschlagen zu können, wie man was einstellt. Aber wir haben uns immer gefragt, warum die Leute nicht einfach im Internet nachgucken. Die Antwort auf das Internet ist das Internet - denn das besteht nicht nur aus Problemen, sondern bietet auch Lösungen. Viele Eltern und Großeltern vertrauen aber offenbar eher auf das Buch. Insofern wollten wir eines von Eltern für Eltern schreiben, ein Buch, das man abends im Bett schmökern kann.

Johnny Haeusler: Viele scheinen Angst davor zu haben, sich mit dem Internet zu beschäftigen, denken so etwas wie "mit Technik kenne ich mich einfach nicht aus". Mit unserem Buch wollen wir Eltern Selbstvertrauen geben, sie sollen die Oberhand in der Erziehung ihrer Kinder behalten: Wieviel Zeit mein 13-jähriger Sohn täglich vor dem Computer verbringt, bestimme immer noch ich und nicht er.

Tanja Haeusler: Genau. Elternkompetenz hört nicht am Computer auf und Medienkompetenz fängt nicht am Monitor an. Wie in allen Erziehungsfragen sind auch hier ganz normale Gespräche über "Do's and Dont's" wichtig. Da sollten Eltern auf ihr Gefühl vrtrauen.

Aber sind nicht Eltern, die Kinder in dem von Ihnen angesprochenen Alter haben, ohnehin selbst ausreichend medienaffin, um mögliche Gefahren und Verhaltensregeln im Internet selbst zu kennen?

Tanja Haeusler: Ich glaube, uns fehlt der Vergleich zur eigenen Kindheit. In vielen anderen Momenten können wir sagen "Das habe ich als Kind auch gemacht - war blöd, aber ich habe daraus gelernt". Oder ich möchte die Freude, die ich in meiner Kindheit an etwas hatte, weitergeben an mein Kind. Aber diese Spielephase im Netz kennen wir nicht aus unserer eigenen Kindheit. Unsere Generation hat Computer von Anfang an professionell genutzt, dieses spielerische freie Herumklicken und Quatsch machen hatten wir nicht.

Johnny Haeusler: Wenn wir uns um unsere Kinder sorgen, tun wir das oft deshalb, weil wir fürchten, dass sie zu schnell mit der Welt der Erwachsenen in Berührung kommen. Das ist mit dem Internet ähnlich wie beim Alkohol oder Rauchen - alles Dinge, die mit Beginn der Pubertät für Jugendliche interessant werden. Wenn ich mich mit Erwachsenen unterhalte, bin ich manchmal schockiert darüber, wann wer angefangen hat zu rauchen oder zu trinken. Heute erzählt man sich diese Erfahrungen als witzige Anekdoten. Unsere Kinder werden sich wahrscheinlich später mal darüber lustig machen, wie sie mit 13 mal eine Pornoseite im Internet angesehen haben. Wir werden nicht verhindern können, dass unsere Kinder das irgendwann mal tun. Wir können es nur ein bisschen hinauszögern - und müssen aufklären und dafür sorgen, dass sie einen gewissen Selbstschutz haben.

Wo liegen denn die größten Gefahrenquellen für Kinder, die online gehen?

Johnny Haeusler: Wir konzentrieren uns ja lieber auf die Chancen, die das Internet bietet. Aber sagen wir so: Gefahren liegen überall dort, wo wir ihnen die Erwachsenenwelt vorenthalten wollen, weil wir wissen, dass die sie überfordern kann.

Tanja Haeusler: Unser Sohn hat mal aus Versehen irgendwo geklickt und damit eine kostenpflichtige App abonniert. So etwas ist eine kleine Ohrfeige, die einfach passiert. Letztendlich haben unsere Söhne aber daraus gelernt.

Laut einer Studie von 2011, die der Drogenbeauftragte der Bundesregierung veranlasst hatte, gelten 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen als internetsüchtig…

Johnny Haeusler: Es gibt sicher Menschen, die Gefahr laufen, zu verwahrlosen und den Rest ihres Soziallebens zu verpassen. Die Gründe dafür liegen zwar woanders, das Netz ist dann aber der Ort der Flucht, denn es ist leicht, sich im Internet zu verlieren. Deswegen brauchen Kinder Begleitung. Und wenn ich merke, dass mein Kind sich ausschließlich für den Computer interessiert, sollte ich dagegen steuern, andere Angebote machen und auch sagen "Ich möchte nicht, dass du so viel Zeit im Internet verbringst, das ist nicht gut für dich". Dann gilt es, Regeln zu entwickeln.

Tanja Haeusler: Gerade im Umgang mit Smartphones können Eltern solche Regeln aufstellen: Benutzung nicht am Essenstisch, nicht im Bett usw. Oft sind die Kinder gar nicht so unglücklich über solche regeln.

Johnny Haeusler: Als Gesellschaft befinden wir uns gerade in einer Übergangsphase. Je normaler der Umgang mit dieser Technologie für uns wird, desto schneller wird es auch normal, davon Abstand zu nehmen, die Zeit anders zu nutzen. Alles, was normal ist, verliert auch ein wenig an Reiz.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Ihr Erstgeborener eifrig im Internet gelernte Witze unter der Gürtellinie weitererzählt und plötzlich in einer Art Gossensprache redet. Inwiefern können Youtube und Co bei der Generation, die eine Welt ohne Computer, Internet und Smartphone gar nicht kennt, elterlichen Erziehungszielen dazwischen grätschen?

Johnny Haeusler: Das kann das Internet genauso wie die Kumpels in der Schule. Dort sprechen 15-Jährige auf eine Weise oder machen Sachen, die ein Zehnjähriger nachmacht. Aber wenn man es schafft, dass die Familie der Hafen ist, dann behalten wir Eltern auch die Oberhand in der Erziehung. Gegen unerwünschte Einflüsse kann man nichts tun, man kann aber eigene Impulse setzen. Ansonsten gilt, was auch bei offline erworbenen fremden Einflüssen gilt: Bei Kraftausdrücken und Schimpfwörtern etwa sollten Eltern mit ihren Kindern sprechen, was okay ist und was nicht.

Außer konsumieren können Kinder im Internet auch ganz einfach selbst Dinge veröffentlichen - selbst gedrehte Filme im eigenen Youtube-Kanal etwa, Fotos oder Adressdaten im Sozialen Netzwerk. Wie behalten Eltern die KOntrolle über solche Aktivitäten?

Johnny Haeusler: Bei Facebook haben wir eine klare Altersgrenze gezogen, unser älterer Sohn hat seit einem halben Jahr sein eigenes Profil, der jüngere darf erst, wenn er ebenfalls 13 ist. Voraussetzung war, dass wir alles sehen dürfen. Gleichzeitig haben wir versprochen, uns nie auf seiner Pinnwand oder so öffentlich zu äußern. Wir hoffen, dass unser Sohn mit 13 verantwortungsbewusst genug ist, damit umzugehen. Schon vor Jahren haben wir beiden beigebracht, dass solche Dinge wie ein Konto irgendwo einrichten, Adresse angeben usw. tabu sind. Bei Namen bin ich nicht so streng, ich denke, wenn es tatsächlich später mal einen Personalchef gibt, der sagt, den stelle ich nicht ein, weil der mit 14 mal einen zotigen Witz auf Facebook gepostet hat, dann läuft etwas falsch in unserer Gesellschaft.

Im Netz gilt also genauso wie in der realen Welt die Devise "Kinder müssen eigene Fehler machen, um daraus zu lernen"?

Johnny Haeusler: Unbedingt. Diesen Freiraum brauchen sie. Wenn ein 13-Jähriger nur eine Stunde pro Woche im Netz surfen darf, bekomme ich keine Medienkompetenz. Es ist wichtig, dass Kinder sich auch im Internet mal in Ruhe umgucken können.

Tanja Haeusler: Es gibt ja Möglichkeiten, das Surfen sicherer zu gestalten, man kann Browser, den ganzen Rechner oder den Router kindersicher einstellen. Trotzdem werden Kinder Fehler machen und über merkwürdige Inhalte stolpern. Aber: Wir können unsere Kinder nicht im Teletubbieland aufwachsen lassen, weder offline noch online, denn dann werden sie nie erwachsen.

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