02.02.13

Neues Buch

Was man an der Wursttheke fürs Leben lernt

In vier Jahren hat die Berliner Studentin Viviane Cismak 13 Nebenjobs gehabt und über ihre skurrilen Erlebnisse jetzt ein Buch geschrieben.

Von Annette Kuhn
Foto: Martin U. K. Lengemann

Stehen gelassen: Trotzdem will Viviane Cismak ihre Aushilfsjobs nicht missen: „Ich kann viel besser auf Menschen zugehen“
Stehen gelassen: Trotzdem will Viviane Cismak ihre Aushilfsjobs nicht missen: "Ich kann viel besser auf Menschen zugehen"

Viviane Cismak hat gerade ihren 14. Nebenjob beendet: Sie hat ein Buch über ihre 13 Nebenjobs in den vergangenen vier Jahren geschrieben, über anstrengende Chefs, anspruchsvolle Kunden und skurrile Erlebnisse ("Einsatz am Wurstregal").

Die Jura-Studentin hat schon als Baum auf Inlinern Äpfel verteilt, als Engel Schokolade ausgegeben, Passanten Spendenverträge aufgeschwatzt, im Supermarkt Wurstregale einsortiert und Kaffee gekocht. Vor allem das. Zwei Jahre hat sie im Coffeeshop gearbeitet, für 6,40 Euro die Stunde. Bestimmt 100 Mal am Tag hat sie die Angebotspalette der Kaffeesorten und Geschmacksrichtungen aufgesagt. "Und nach einer Zehn-Stunden-Schicht konnte es mir passieren, dass ich schon mal gefragt habe: ,Wollen Sie Ihren Cappuccino mit Milch und Zucker?'"

Heute kann Viviane Cismak darüber lachen. Und auch darüber, wie sie sich mal versehentlich eine große Portion Milchschaum ins Gesicht gespritzt hat. "Die Kunden müssen mich manchmal für ganz schön inkompetent gehalten haben", sagt sie, und so mancher Vorgesetzter wohl auch.

Am Wurstregal hat sie das oft zu spüren bekommen. Als Aushilfe war sie in einem Supermarkt für die Kühltheke der abgepackten Ware zuständig. Klingt nicht schwer, und doch war diese Aufgabe für Viviane Cismak eine Herausforderung. Vor allem, wenn sie nicht wusste, wohin mit Salami, Putenaufschnitt und Gutsleberwurst, wenn das Regal voll war. Kurzerhand stopfte sie ein bisschen nach – mit Erfolg, aber offenbar auf Kosten der Optik. Jedenfalls missfiel das Ergebnis ihrer Vorgesetzten, die schon von Weitem rief: "Frau Cismak, gucken Sie sich doch bitte mal an, wie Sie die Wurst einräumen." Nach einer kurzen Ruckelei mit den Wurstpäckchen erläuterte sie dann: "Hier, sehen Sie: Jede Ware hat ein Gesicht".

Zwei, drei Jobs gleichzeitig

Mit der Jobberei hat Viviane Cismak vor vier Jahren begonnen. Nach der elften Klasse war sie als 17-Jährige von Darmstadt nach Berlin gezogen, um hier ihr Abitur zu machen. Allein, ohne ihre Familie. Sie wollte in die Großstadt und unabhängig sein. Weil der Umzug nicht notwendig war, bekam sie kein Schüler-Bafög. Auch ihre Mutter konnte ihr übers Kindergeld hinaus keine Unterstützung geben. Darum musste die Tochter neben der Schule arbeiten. Bis zu 20 Stunden in der Woche, für die im Schnitt 400 Euro im Monat heraussprangen. "Manchmal hatte ich zwei, drei Jobs gleichzeitig", erzählt sie. Wählerisch konnte sie nicht sein, denn eine 17-Jährige beschäftigte ohnehin nicht jeder.

Bei ihrem ersten Job verteilte sie für eine Telefongesellschaft Werbung für eine Internet-Neukunden-Aktion. "Ich musste wildfremde Leute auf der Straße anlabern", schreibt sie in ihrem Buch und gibt zu, "eigentlich bin ich ja schüchtern." Oder war es, denn ihre Hemmungen hat Viviane Cismak nach reichlich Flyer-Verteiler-Jobs längst überwunden. "Ich kann heute viel besser auf Menschen zugehen", sagt sie. Etwas anderes blieb ihr gar nicht übrig, denn sonst wäre sie die vielen Handzettel wohl nicht losgeworden. Angenehm war es trotzdem nicht. "Ich kam mir irgendwie blöd dabei vor, wie ich den Kudamm auf und ab lief und die Leute mir auswichen, weil sie schon von Weitem sahen, dass ich sie zumüllen wollte".

Flyer laufen in Mitte am besten

Wenigstens waren Gummibärchentütchen an die Flyer für die Internet-Aktion getackert – für manch einen Passanten ein Grund seine ablehnende Haltung abzulegen. Allerdings, auch das stellte Viviane Cismak bald fest, kamen die Gummibärchen nicht in jedem Bezirk an: "In Neukölln und Kreuzberg wurden sie gern genommen, aber in Zehlendorf nicht – wahrscheinlich hatten die schon alle Internet und brauchten weder so eine Aktion noch Gummibärchen."

Im Berlin-Vergleich lief es im Übrigen mit den Flyern besonders gut in Mitte, vor allem wegen der Touristen: "Die reagieren nicht so schnell und schon kann man ihnen etwas in die Hand drücken", sagt sie und streift sich dabei durch die blonden Haare. Die haben ihr manches Mal auch genützt. Mit schwarzen Haaren hätte sie wohl kaum ihren Lieblingsjob als Engel am Flughafen Tegel bekommen. Mit einem Lächeln und im Engelskostüm verteilte sie an Reisende Schokolade. "Für zwölf Euro die Stunde – ein Traum".

Die Studentin hat auch schon anderes erlebt: zum Beispiel für fünf Euro in der Stunde bei Eiseskälte Flyer für ein Restaurant verteilen, das eine Bratwurst-Flatrate anbietet. "Und das im ökologisch korrekten Prenzlauer Berg mit den vielen Vegetariern." Sie ahnte die Gefahren und wurde auch prompt als "Tiermörderin" beschimpft, "dabei wollte ich doch nur meine leere Weihnachtskasse auffüllen".

Donut als Wurfgeschoss

Und doch hat die Jobberin inzwischen gelernt, mit Angriffen umzugehen und Ruhe zu bewahren. Auch bei der Donut-Attacke im Coffeeshop. Ein Kunde war damals mit dem Geschmack des Gebäckstücks nicht zufrieden und wollte es angebissen wieder zurückgeben. Das wollte wiederum Viviane Cismak nicht, also wurde der Teigkringel zum Wurfgeschoss, vor dem sich die Schülerin aber noch rechtzeitig ducken konnte. Manchmal sei der Kunde schon ein verdammt anstrengender König.

Und manchmal war es auch nicht einfach, Schul- und Arbeitsalltag unter einen Hut zu bekommen. Viel Zeit zum Lernen brauchte sie nicht, die Schule habe sie eher unter- als überfordert, hat Viviane Cismak schon vor zwei Jahren in ihrem zum Bestseller avancierten ersten Buch "Schulfrust" ausführlich dargelegt. Aber wenn sie mitten im Matheunterricht eine SMS bekam mit der Drohung: "Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung dafür, wo die 100 Becher sind, die im Lager fehlen", dann prallten plötzlich zwei Welten aufeinander. Letztlich hatte sich nur jemand beim täglichen Becher-Zählen vertan. Es war nicht die einzige sonderbare Diskussion, die Viviane Cismak erlebt hat. Kontrollierende Chefs gehörten zu ihrem Nebenjob-Alltag wie schlechte Bezahlung. Aber wenn es ihr doch irgendwann zu blöd wurde, hat sie den Job eben geschmissen.

Ein Luxus, den sie sich als Aushilfe leisten konnte, weil sie immer schnell einen neuen Job gefunden hat. "Die festangestellten Mitarbeiter haben es da doch viel schwerer", sagt sie, die seien schließlich auf den Job viel mehr angewiesen als sie.

Qualifikation am Wurstregal

Wie nun ihr 15. Nebenjob aussehen wird, weiß die Jura-Studentin noch nicht. Auf jeden Fall würde sie sich nicht mehr von schön klingenden Verdienstaussichten blenden lassen, die dann doch nur auf unerreichbaren Provisionen beruhten, das weiß sie genau. Und bei minus fünf Grad würde sie auch nicht mehr stundenlang auf der Straße stehen, um Flyer zu verteilen. "Vielleicht sollte ich jetzt allmählich damit anfangen, mich jobmäßig Richtung Studium zu bewegen und mir eine Stelle als studentische Aushilfe im Büro suchen", überlegt sie. Vielleicht kann sie da sogar etwas von dem Organisationstalent einbringen, das sie am Wurstregal gelernt hat, der von der Hartnäckigkeit, die sie sich als Promoterin angeeignet hat.

Zum Weiterlesen: Viviane Cismak: "Einsatz am Wurstregal", Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro

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