31.01.13

Sturm in Berlin

Abgestürzte Stahlteile sorgen für Großeinsatz am Ostkreuz

Windböen haben am Bahnhof Ostkreuz eine Stahlschiene gelockert. Bauteile stürzten herab. Auch in anderen Teilen Berlins wütete der Sturm.

Von Markus Falkner und Thomas Fülling
Foto: Glanze
Ostkreuz: Nach heftigen Sturmböen ist eine Halterung am Bahnhof abgerissen worden. Ein Träger drohte in die Tiefe zu stürzen
Ostkreuz: Nach heftigen Sturmböen ist eine Halterung am Bahnhof abgerissen worden. Ein Träger drohte in die Tiefe zu stürzen

Heulende Sturmböen, prasselnder Regen. Nach dem ruhigen Winterwetter der vergangenen Tage fegte Sturmtief "Lennart" von Mittwochabend bis Donnerstagmorgen über Berlin.

Größtenteils kam die Stadt im Vergleich zu weiten Teilen Norddeutschlands glimpflich davon, wie Feuerwehr und Polizei bestätigten. Am Bahnhof Ostkreuz wäre es aber beinahe zu einem folgenschweren Unfall gekommen.

Vermutlich durch den Sturm lösten sich mehrere kiloschwere Bauteile an der südwestlichen Fassade der erst vor gut neun Monaten eröffneten Bahnhofshalle und stürzten im Eingangsbereich auf den Vorplatz. Auch eine vier Meter lange Stahlschiene riss teilweise aus ihrer Verankerung und hing bedrohlich lose über den Köpfen der morgendlichen Passanten.

Nur durch Glück wurde niemand verletzt. Täglich nutzen etwa 140.000 Ein-, Aus- und Umsteiger den Verkehrsknoten an der Grenze von Lichtenberg und Friedrichshain.

Ein Großeinsatz für Feuerwehr und Polizei war die Folge. Noch bis in den Nachmittag blieb der Bereich um die Absturzstelle weiträumig abgesperrt. Auch der Eingang am Markgrafendamm, sowie die Rolltreppe zum Ring-Bahnsteig blieben zunächst aus Sicherheitsgründen geschlossen. Rot-weißes Flatterband und Mitarbeiter der Bahntochter DB Sicherheit sorgten dafür, dass niemand den Gefahrenbereich betreten konnte.

Provisorische Sicherung

Nach Angaben von Feuerwehrsprecher Sven Gerling hatte sich am frühen Morgen eine etwa vier Meter lange Stahlschiene von der Fassade der Bahnhofshalle gelöst und drohte abzustürzen. Die Schiene dient einer Leiter als Führung, die unter anderem von Gebäudereinigern zum Säubern der Glasfassade genutzt wird.

Laut Gerling lösten sich durch den Sturm auch zwei, jeweils etwa vier Kilogramm schwere Rollen, auf denen die Leiter normalerweise über die Schiene gleitet. Aus acht Metern Höhe krachten die Metallteile auf den Bahnhofsvorplatz am Markgrafendamm.

Im Laufe des Vormittags gelang es Feuerwehrleuten mit Hilfe eines Krans, die abgeknickte Stahlschiene zu demontieren. Gleichzeitig befestigten die Einsatzkräfte – zunächst provisorisch mit Gurten – die Leiter und den dazugehörigen Reinigungskorb. Insgesamt war die Feuerwehr mit 30 Kräften sowie mehreren Fahrzeugen vor Ort. Der Einsatz dauerte von 9.47 bis 11.15 Uhr. Zeitweise musste während der Sicherungsarbeiten auch der Autoverkehr auf dem Markgrafendamm unterbrochen werden.

Gutachter gibt Entwarnung

Zunächst blieb unklar, ob die provisorischen Sicherungsmaßnahmen vom Vormittag ausreichen würden. Am Nachmittag nahm ein Gutachter die beschädigte Konstruktion an der Fassade in Augenschein. Schlimmstenfalls müsse der S-Bahnverkehr auf der Stadtbahn zeitweise unterbrochen werden, um mittels eines Krans die Leiter samt Korb komplett abzubauen, sagte ein Bahnsprecher.

Gegen 16.30 Uhr gab es zumindest in dieser Frage Entwarnung. Laut dem Gutachter müsse die Leiter zwar demontiert werden, sagte der Sprecher. Geplant sei das je nach Wetterlage für Freitag oder Sonnabend. Auswirkungen auf den S-Bahnverkehr werde es aber voraussichtlich nicht geben. Bis zum Abschluss der Arbeiten bleibt der Zugang am Markgrafendamm aber weiter gesperrt.

Wie es zu dem Sturmschaden kommen konnte, blieb zunächst offen. Die neue Bahnhofshalle über dem Ringbahnsteig war erst im März 2012 eröffnet worden. An den Stirnseiten und den seitlichen Fassaden des 132 Meter langen Gebäudes ziehen sich riesige Glasflächen entlang – insgesamt wurden mehr als 3000 Quadratmeter Glasscheiben verbaut.

Um diese Flächen ohne größeren Aufwand warten und bei Bedarf reinigen zu können, wurden an der Innen- wie an der Außenseite bewegliche Körbe montiert, die sich auf Schienen durch die gesamte Halle, beziehungsweise an der Fassade entlang fahren lassen. Zwölf Millionen Euro ließ sich die Bahn den Neubau der Halle kosten.

Erinnerung an Orkan "Kyrill"

Bahnfahrgäste fühlten sich nach den Meldungen am Donnerstagmorgen an die Beinahe-Katastrophe vor fast genau sechs Jahren erinnert. Am Abend des 18. Januar 2007 hatte Orkan "Kyrill" über Berlin gewütet. Am erst 2006 eröffneten Hauptbahnhof hatte sich durch die Wucht des Windes ein 40 Tonnen schwerer und mehr als acht Meter langer Stahlträger an der Fassade gelöst und war auf eine Treppe am Eingangsbereich des Bahnhofs gestürzt. Nur durch großes Glück war niemand verletzt worden.

Nach dem Orkan wurden alle ähnlichen Bauteile vorsorglich zusätzlich befestigt. Die Folgen waren ein aufwendiger Rechtsstreit mit dem Bahnhofs-Architekten, sowie ein immenser Imageschaden für die Bahn und ihren 1,2 Milliarden Euro teuren Prestige-Neubau.

Schwere Schäden wie diesen verursachte Sturmtief "Lennart" in Berlin nicht. Trotzdem hielt das Wetter die Berliner Feuerwehr den gesamten Vormittag in Atem. In der Zeit von 6 bis 13 Uhr mussten Einsatzkräfte insgesamt 42 Mal zu witterungsbedingten Einsätzen ausrücken.

Bereits gegen 1.50 Uhr war die Feuerwehr in Spandau in die Pichelsdorfer Straße gerufen worden, weil Metallteile von einer Terrasse und große Äste auf die Straße gefallen waren. In Westend, Weißensee und Wedding knickten Bäume um und stürzten auf Gehwege.

Eine böse Überraschung erlebte ein Autobesitzer in Tempelhof, der gegen 7.30 Uhr die Feuerwehr rief, nachdem ein Straßenbaum auf sein Auto gestürzt war. Im gleichen Bezirk musste die Feuerwehr vormittags im St. Joseph-Krankenhaus anrücken, nachdem Bauteile und Äste im Innenhof der Klinik herab gefallen waren. In Wilmersdorf stürzten große Putzteile von einer Fassade in die Tiefe, in Steglitz musste eine 15 Meter hohe Fichte zersägt werden, die nicht mehr standsicher war. In anderen Stadtteilen sicherten die Feuerwehrleute flatternde Bauplanen und gelockerte Reklametafeln.

Am späten Vormittag rief ein besorgter Passant die Einsatzkräfte an die Karl-Marx-Allee in Friedrichshain, weil ein Baugerüst zusammenzubrechen drohte, berichtete Hauptbrandmeister Gerling. Glücklicherweise seien bei keinem der Einsätze Menschen zu Schaden gekommen.

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