28.01.13

Rocker

Berlin ohne Bandidos ist ein Albtraum für die Polizei

Die letzten Mitglieder sind zu den Hells Angels übergelaufen. Damit entsteht allerdings eine umso mächtigere und brutalere Vereinigung.

Von Michael Behrendt
Foto: dapd

In Berlin spielen die Bandidos ab sofort keine Rolle mehr. Die Mitglieder des letzten Chapters sind zu den Hells Angels gewechselt
In Berlin spielen die Bandidos ab sofort keine Rolle mehr. Die Mitglieder des letzten Chapters sind zu den Hells Angels gewechselt

Im Knast, untergetaucht, übergelaufen – so lauten die aktuellen Statusmeldungen der Berliner Rockerbruderschaft Bandidos. Der einst gefürchtete Konkurrent der Hells Angels, dessen Mitglieder den Ruf haben, gefährlich, gesetzlos und stets bewaffnet zu sein, gilt schon seit längerer Zeit als extrem geschwächt.

Nun sind auch die Mitglieder des letzten sogenannten Chapters, der Vereinigung Bandidos "Midtown", zu den ehemaligen Feinden übergelaufen. Das erfuhr die Berliner Morgenpost aus Sicherheitskreisen. Somit sind die auch "Banditen" genannten Rocker nach Angaben eines Ermittlers in der Bedeutungslosigkeit verschwunden – stattdessen tragen zahlreiche ehemalige Angehörige dieses Clubs jetzt die Kutten der Hells Angels.

Für die Berliner Polizei ist das ein regelrechter Albtraum. Denn während sich die verfeindeten Gruppen bei ihren illegalen Geschäften früher oft selbst im Weg standen, weil sie sich mit den anderen bekriegten und teils blutige Auseinandersetzungen lieferten, sind jetzt alle wichtigen und skrupellosen Berliner Rocker unter dem Banner der Hells Angels vereint.

Als einflussreichster Anführer der neuen Rocker-Macht gilt der Türke KadirP. Er war es, der vor einigen Jahren in einer weltweit einzigartigen und spektakulären Aktion selbst mit etwa 70 treuen Gefolgsleuten von den Berliner Bandidos die Seiten wechselte und von diesem Tage an die bisherigen Brüder als Feinde betrachtete. Nun, so ein szenekundiger Ermittler, sitzt der Ex-Boxer wie die Spinne im taktisch clever gestrickten Netz.

In Polizeikreisen wird er schon Kadir Capone genannt, eine Anspielung auf den legendären Mafiaboss Al Capone. "Um die Sicherheit der Stadt steht es ohnehin nicht gut", so der Ermittler. "Aber durch dieses nun fast vollständige Verschwinden der Bandidos ist der organisierten Kriminalität Tür und Tor geöffnet."

Status der "Prospects"

Der finale Übertritt fand fast unbemerkt vor wenigen Wochen statt. 15 Angehörige des Bandido-Chapters "Midtown" wechselten auf Geheiß ihres 33 Jahre alten Anführers die Seiten und wurden sofort in den sogenannten Status der "Prospects" versetzt. Sie sind damit noch keine vollständigen Mitglieder und müssen sich erst noch bewähren, bevor sie die richtige Kutte – das Colour – tragen dürfen. Doch der schnelle Einstieg mit diesem Status zeigt, dass die neuen Mitglieder in dem Verein bereits eine wichtige Rolle spielen.

Pikant ist in diesem Zusammenhang, dass der 33 Jahre alte Anführer mit einem geplanten Sprengstoffanschlag in Verbindung gebracht wird, der auf einen Bandido-Rocker verübt werden sollte, der ebenfalls zuvor die Seiten gewechselt hatte. Beamte hatten die Wohnung des Mannes Mitte November 2012 durchsucht, bei ihm wurden eine scharfe Schusswaffe und angeschliffene Patronen gefunden. Er soll mit Verdächtigen in Kontakt gestanden haben, die im Juli am Seehafen von Rostock festgenommen worden waren.

Bei ihnen waren 700 Gramm Sprengstoff und eine Sprengkapsel sichergestellt worden. Gegen die drei Männer wurden Verfahren wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen Vorbereitung einer Sprengstoffexplosion eingeleitet. Sie sollen zur schwedischen Gruppe BMCHelsingborg beziehungsweise zu den Bandidos Nomads gehören.

Schulterschluss für das Geschäft

Hells Angels und Bandidos hatten sich in Berlin und auch im Umland immer wieder schwere Schlägereien geliefert, bei denen geschossen, aber auch mit Messern und Macheten aufeinander losgegangen worden war. Die Rocker fügten sich untereinander schwerste Verletzungen durch Hiebe mit zum Teil langen Klingen zu, in einigen Fällen hätten die Opfer fast ganze Gliedmaßen verloren. "Dass die Herrschaften trotz dieser Vorgeschichten jetzt den Schulterschluss demonstrieren und alles bisher Gewesene vergessen, zeigt doch ganz deutlich, dass es bei den Rockern letztlich nur um Geschäfte geht", so ein Kriminalbeamter.

Denn geschäftlich wurde die Luft für die Bandidos immer enger, die ausgemergelte Truppe konnte sich immer weniger gegen die wachsende Übermacht der Hells Angels behaupten. So fasst der 33 Jahre alte Anführer den Entschluss, überzulaufen – auch wenn KadirP. und er nicht gerade als Freunde gelten. Die stets hochgehaltene "Rockerehre", so ein Berliner Ermittler, zähle heute nicht mehr.

Für die Berliner Hells Angels sind die neuen "Brüder" aber auch ein echter Gewinn. Denn jenseits aller Harley-Davidson-Romantik steht bei den Rockern vor allem eines auf der Tagesordnung: Geld verdienen, egal mit welchen Mitteln. Es geht um Waffengeschäfte und Prostitution, um Schutzgelderpressung und Drogen. Und um die Herrschaft über die Türen der Clubs im Nachtleben. "Wer die Türen kontrolliert, der bestimmt auch, was sich dahinter abspielt", so ein ranghoher Polizeiführer. "Wer hineindarf und wer die Drogen für die zahlungswilligen Kunden besorgt."

Coup der Höllenengel

Der nun als Letzter übergelaufene 33 Jahre alte Bandido und seine Gefolgsleute gelten als "harte Truppe", im Nachtleben eilt ihnen ihr Ruf voraus. "Dadurch haben die Hells Angels nicht nur einen Konkurrenten weniger im Kampf um die Tür, sondern auch die absoluten Fachleute mit Telefonbüchern voller Nummern von wichtigen Kontaktleuten in diesem Milieu", so der Beamte. "Davon können die Hells Angels nur profitieren."

Die zuständigen Stellen der Berliner Sicherheitsbehörden warten seit vergangenem Sommer auf einen neuen Coup der Höllenengel: Damals war eine Verbotsverfügung gegen verschiedene Berliner Rockerclubs erlassen worden, auch gegen die berüchtigten Hells Angels "Berlin City" unter der Führung von KadirP. Die Aktion, der eine große Razzia mit zahlreichen Spezialeinheiten folgen sollte, war durchgesickert, die Vereine lösten sich im Vorfeld auf und teilten dies notariell mit. Auch zahlreiche Bandido-Gruppierungen befürchteten ein Vereinsverbot und lösten sich offiziell auf – hinter den Kulissen aber nahmen sie Gespräche mit den Hells Angels auf.

Kutte der dänischen Hells Angels

Die Richter hatten bei den Verfügungen darauf geachtet, dass die verbotene Gruppierung keine Möglichkeit erhält, einfach unter neuem Namen weiterzuagieren. "Diese Leute haben aber ebenfalls gute Anwälte und Berater, es ist also durchaus denkbar, dass KadirP. und seine Truppen bald neu strukturiert ins Rennen gehen", so ein Kriminalbeamter. Im Moment trickst der türkische Ex-Boxer das Verbot aus, indem er eine Kutte der dänischen Hells Angels trägt – die Hells Angels "Denmark" sind in Berlin nicht verboten.

Und es dürfte für die deutschen Behörden nicht einfach sein, auf die Schnelle einen ausländischen Club zu verbieten, so der Berliner Ermittler. "Letztlich kann es KadirP. egal sein, welcher Schriftzug da nun auf seiner und den Kutten seiner Gefolgsleute steht. Er weiß, wer er ist. Und auch die Unterwelt weiß, wer er ist. Das reicht."

Welche Auswirkungen die Berliner Entwicklung auf das restliche Bundesgebiet hat, ist noch nicht absehbar. Einst war ein einjähriger, bundesweiter Frieden zwischen Hells Angels und Bandidos – medienwirksam vor zahlreichen Kameras – vereinbart worden. Doch es waren immer wieder die Leute von KadirP., die als Drahtzieher für Übergriffe auf die Bandidos galten. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit "Berlin City" das "härteste" Charter überhaupt zu führen. So habe es auch intern eine Anordnung für die Hells Angels gegeben, bei Polizeikontrollen Widerstand zu leisten. Sich gerade zu machen, wie es heißt. Zeitweilig wurde das Agieren von KadirP. und seinen Leuten sogar unter den Höllenengeln kritisiert, weil es immer wieder die Polizei auf den Plan rief und die Geschäfte störte. Es habe durchaus Hells Angels gegeben, die damals dagegen gewesen waren, den Überläufer KadirP. aufzunehmen, berichtet ein Berliner Beamter. Sie hätten gewusst, worauf man sich mit dem Ex-Bandido einlasse. "Lieber hätten sie in Ruhe ihre Deals gemacht, ohne dass wegen einer kleinen Klopperei mit einem Bandido die nächste Razzia bevorsteht", so der Beamte.

Mit Skrupellosigkeit und List

Mittlerweile ist die Meinung offenbar gekippt. KadirP. gilt jetzt als die Führungskraft, die die Rockerszene in Berlin umstrukturiert und die Hells Angels zu einer der schlagkräftigsten Einheiten in ganz Deutschland gemacht hat. "Er hatte schon damals als Chef von ,Berlin City' den Anspruch, als härteste deutsche Gruppe zu gelten. Nun hat er es geschafft, mit Skrupellosigkeit und List dafür zu sorgen, dass es keine Bandidos in Berlin mehr gibt", so ein Ermittler. Vielleicht gebe es noch ein oder zwei versprengte Banditen, die auf Rache sinnen. Doch eine Rolle würden die Bandidos in Berlin nicht mehr spielen.

Die Berliner Polizei weiß, dass sie mit KadirP. nicht nur über einen mächtigen, sondern auch intelligenten Gegner verfügt. "Das macht ihn ja gerade so gefährlich", so der Beamte weiter. "Die Geschäftsstrukturen greifen um sich, es wird in allen kriminellen Betätigungsfeldern mitgemischt. Und wenn HerrP. so weitermacht, dann hat er sich den Spitznamen Kadir Capone auch verdient." Doch selbst den berüchtigten Al Capone habe man am Ende geschnappt, so der Ermittler – wegen Steuerhinterziehung im Zusammenhang mit Geldwäsche.

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