27.01.13

Arbeitsmarkt

Berliner SPD will gezielt Fachkräfte aus Polen abwerben

Sie Sozialdemokraten fordern den Senat auf, zu prüfen, ob polnische Berufsabschlüsse künftig leichter anerkannt werden können.

Von Jens Anker und Brigitte Schmiemann
Foto: dpa
ARCHIV - Eine Auszubildende arbeitet am 06.02.2009 in der Airbus Berufsausbildung auf dem Werksgelände von Airbus in Hamburg-Finkenwerder. Warnsignale ja, genereller Fachkräftemangel nein: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat erneut ihre Statistiken ausgewertet und sieht derzeit nur bei einigen Berufen echte Engpässe. Foto: Dominique Leppin/dpa (zu dpa "Bundesagentur: Warnsignale, aber kein genereller Fachkräftemangel" vom 09.01.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++
ARCHIV - Eine Auszubildende arbeitet am 06.02.2009 in der Airbus Berufsausbildung auf dem Werksgelände von Airbus in Hamburg-Finkenwerder. Warnsignale ja, genereller Fachkräftemangel nein: Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat erneut ihre Statistiken ausgewertet und sieht derzeit nur bei einigen Berufen echte Engpässe. Foto: Dominique Leppin/dpa (zu dpa "Bundesagentur: Warnsignale, aber kein genereller Fachkräftemangel" vom 09.01.2013) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Berlin soll künftig gezielt polnische Fachkräfte abwerben, um den drohenden Fachkräftemangel in der Stadt zu bekämpfen. Das ist eine Forderung aus der "Kolberger Resolution", die die SPD-Fraktion auf ihrer Klausurtagung in dem Ort an der polnischen Ostsee beschlossen hat. Das Zehn-Punkte-Papier will den Blick Berlins nach Polen schärfen und so den wirtschaftlichen Aufschwung der ganzen Region vorantreiben. Die SPD fordert den Senat deshalb auf zu prüfen, ob polnische Berufsabschlüsse künftig leichter anerkannt werden können, um die Arbeitsaufnahme von Polen in Berlin zu erleichtern.

Schon jetzt gründen jährlich mehr als 450 Polen Unternehmen in Berlin, rund 50.000 Polen leben offiziell in der Stadt. Zu diesem Zweck sollen nach dem Beschluss der SPD-Fraktion Ausbildungsverbünde und Industrienetzwerke entstehen und die Kooperation kleiner Unternehmen verbessert werden.

Gemeinsame Ziele

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit begrüßte den Beschluss seiner Fraktion. "Das lässt einen optimistisch in die Zukunft sehen", sagte er. Voraussetzung dafür sei eine grenzüberschreitende Verkehrsinfrastruktur – auf der Straße als auch auf der Schiene, heißt es in der Resolution. Außerdem sollen die rund 70 Partnerschaften zwischen Berliner und Warschauer Schulen ausgebaut werden. Bei gemeinsamen Bestrebungen zum Ausbau des Tourismus wollen die Sozialdemokraten die Oderregion in den Mittelpunkt stellen und international als gemeinsame Kulturlandschaft vermarkten.

Carsten-Michael Röding (CDU), Stadtrat für Wirtschaftsförderung in Spandau, sagte, dass die Entscheidung, Fachkräfte aus Polen oder auch anderen Ländern anzuwerben "grundsätzlich okay" sei. Sie sollte aber nur eine Notlösung sein. "Priorität muss auf jeden Fall sein, in Deutschland und auch in Berlin selbst ausreichend Fachkräfte auszubilden und dafür auch Anreize zu schaffen", forderte der CDU-Politiker. In Spandau würden beispielsweise Partnerschaften zwischen Oberschulen und Unternehmen vermittelt. Der direkte Kontakt helfe, die Schüler zu motivieren und die Unternehmen mit dem Nachwuchs zusammenzubringen.

Fachkräftemangel in Westpolen

Die frühe Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen ist auch nach Ansicht der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) ein guter Weg, das Problem der fehlenden ausbildungswilligen und -fähigen jungen Leute anzugehen. "Auch an den Universitäten haben wir neue Projekte initiiert, die Studienabbrecher ansprechen. Sie haben die Chance, eine verkürzte Lehre zu machen", sagte IHK-Sprecher Leif Erichsen. Die Initiative der SPD sei begrüßenswert. Das übergeordnete Ziel sei, die Arbeitslosigkeit zu senken, und dazu gehörten Fachkräfte. "Wir sehen allerdings relativ wenige Erfolgschancen. In Westpolen herrscht mittlerweile genau solch ein Fachkräftemangel wie bei uns", sagte Erichsen.

Der polnische Ministerpräsident der Wojewodschaft West-Pommern, Marschall Olgierd Geblewicz, zeigte sich zurückhaltend. "Sollen wir die Nähe zu Berlin suchen, oder Distanz wahren? Solche Diskussionen führen wir hier", sagte Geblewicz in seinem Grußwort an die Berliner SPD-Fraktion. Viele West-Pommern fürchteten, dass die Eröffnung des neuen Großflughafens BER den eigenen Regionalflughafen schwächt.

Diese Sogwirkung würde sich noch verstärken, wenn die grenzüberschreitenden Bahnverbindungen ausgebaut und die Fahrtzeiten deutlich verkürzt würden. Aber er sah auch Chancen in der Partnerschaft. West-Pommern habe als grenznahe Wojewodschaft eine hohe Arbeitslosigkeit (17 Prozent). Die Region könne von den Innovationen und Investitionen aus Berlin profitieren. "Daher unterstützen wir die Fertigstellung der Bahnlinie Berlin-Stettin vor 2020", sagte Geblewicz.

Gewerkschaft skeptisch

Der Direktor der Europäischen Akademie Berlin, Eckart Stratenschulte, warnte allerdings davor, sich allein auf die Oderpartnerschaft mit den westlichen Regionen Polens zu verlassen. Stratenschulte schlug stattdessen die Gründung von "Berlin-Instituten" in Stettin, Posen und Breslau vor, um polnische Fachkräfte für den Berliner Arbeitsmarkt zu gewinnen.

Die Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin-Brandenburg (DGB), Doro Zinke, zeigte sich dagegen skeptisch. Die erste Phase der Emigration aus Polen habe Deutschland verpasst. Nach dem Ende des Kalten Krieges hätten vor allem gut qualifizierte Lehrer das Land verlassen. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen habe eine Einwanderung der besser Qualifizierten nach Berlin damals erschwert. Da die Vermittlung von polnischen Fachkräften nach Berlin meistens über Agenturen erfolge, bliebe nur ein Teil des Gehaltes bei den Arbeitern, einen Großteil strichen die Vermittler ein, kritisierte Zinke.

SPD-Fraktionschef Raed Saleh zeigte sich dennoch zufrieden mit der Resolution. "Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass beide Seiten von einer Zusammenarbeit profitieren können", sagte Saleh.

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