27.01.13

Selbstversuch

Beim Clooney-Casting ist militärische Erfahrung gefragt

George Clooney dreht einen neuen Film in und um Berlin und sucht dafür Tausende Komparsen. Einer könnte Morgenpost-Reporter Max Boenke sein.

Von Max Boenke
Foto: Marion Hunger

Nummer 977: Morgenpost-Reporter Max Boenke hat sein Glück versucht. Die Chancen stehen für ihn trotz großer Konkurrenz gar nicht schlecht.
Nummer 977: Morgenpost-Reporter Max Boenke hat sein Glück versucht. Die Chancen stehen für ihn trotz großer Konkurrenz gar nicht schlecht.

"Quentin-Tarantino-Straße" steht auf dem ersten Straßenschild, das ich auf dem Gelände der Filmstudios Babelsberg in Potsdam entdecke. Ein Zeichen, denke ich mir. Schließlich spielte der Namensgeber der Straße mit George Clooney 1996 in dem gleichermaßen dämlichen wie kultigen Streifen "From Dusk Till Dawn" eine Hauptrolle. Und wegen George Clooney bin ich ja hier. Die Berliner Komparsenagentur "Filmgesichter" will heute Statisten und Kleindarsteller für Clooneys neuen Film "The Monuments Men" casten. Der Film wird in der Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen, und für einige Kriegsszenen werden Tausende Männer zwischen 18 bis 50 Jahren gebraucht.

Nur noch eine Nummer

In dem offenen Casting will ich mein Glück als Statist versuchen. Leider bin ich nicht der einzige mit der Idee. Die Schlange vor dem Studio 8 ist lang. Sehr lang. Am liebsten würde ich direkt ins Studio marschieren, Herrn Clooney verlangen und schon mal über meine Gage verhandeln. Doch daraus wird nichts. Die Sicherheitsleute sind sehr pingelig. "Stellt Euch ordentlich in eine Reihe", brüllt einer mit blauer Wollmütze auf dem Kopf. Militärischer Drill schon bei der Auswahl – vielleicht ist das Teil der Vorbereitung.

Es hilft nichts, ich muss mich anstellen. Die Luft, die ich ausatme, steigt in kleinen Wölkchen auf. Es sind minus fünf Grad, doch die Sonne scheint und macht die Wartezeit ertragbar. Von einem großen Plakat, das nur wenige Meter weiter rechts steht, starrt mich ein übergroßer Brad Pitt an. Das Schwarz-Weiß-Bild stammt aus dem Film "Inglorious Basterds". Ein Mitarbeiter der Agentur bittet die Anstehenden, gruppenweise in ein weißes Zelt zu gehen. Nach einer halben Stunde Wartezeit ist es soweit. Beim Betreten des Zeltes stellt sich Ernüchterung ein. Rund zwanzig Bierbänke und Tische stehen hier, von Kameras keine Spur.

Das ist nur die Zwischenstation – ich bekomme einen Zettel mit einer Nummer in der Hand. 977. Ab jetzt bin ich also nur noch eine Nummer, eine nicht besonders schöne dazu. Auf der Rückseite des Zettels soll ich einige Fragen beantworten und Kreuzchen machen. Schon wieder brüllt irgendjemand im Hintergrund: "Zügig ausfüllen und weiter zum Fotografieren." Ich ignoriere diesen Aufruf zur Hektik und setze mich gemütlich auf eine Bierbank, um die Fragen auf dem Zettel zu studieren. Die Agentur will wissen, wie ich heiße, wie groß ich bin, welche Haarfarbe ich habe.

Außerdem sollten Komparsen dazu bereit sein, sich einen Fasson-Haarschnitt der 40er-Jahre schneiden zu lassen, sie sollten nicht größer als 1,90 Meter und "eher schlank" sein, heißt es auf der Website der Filmstudios. Ich passe ganz gut ins Raster – über den Haarschnitt ließe sich auch noch diskutieren und eigentlich ist der ja heute sowieso wieder in Mode. Heißt halt mittlerweile "under cut" und nicht mehr Fasson.

Militär-Erfahrungen?

Gewissenhaft beginne ich den Fragebogen auszufüllen. Eine Frage lautet: "Was können Sie Besonderes???" Ich bin mir unsicher und frage meinen Sitznachbarn, was er denn dort einträgt. Marcus ist mit seiner Mutter gekommen und ziemlich einsilbig. "Nix", sagt der 32-Jährige. Ich entscheide mich für die offensivere Variante und trage sämtliche Sportarten ein, die ich halbwegs beherrsche. Die letzte Frage auf dem Zettel ist in Großbuchstaben und extra fett gedruckt: "Militärische Erfahrung/ Waffenumgang/ Zeitsoldat?" Meine einzigen militärischen Erfahrungen habe ich im Alter von etwa zehn Jahren mit Wasserpistolen und einem selbst geschnitzten Schwert aus Holz gemacht. Ich bezweifle, dass das zählt, und lasse die Zeile schweren Herzens aus.

Mit dem Zettel in der Hand darf ich endlich weiter zum echten Casting. In Gedanken sage ich mir auf dem Weg dorthin zur Übung ein paar Szenen aus "Der Soldat James Ryan" auf. Wieder muss ich mich anstellen, diesmal gibt es aber mehrere Reihen. Vor mir steht Kevin. Er sieht aus wie das Paradebeispiel eines Statisten-Soldaten. Die passende Frisur hat er bereits, und auch der Rest stimmt. Blond, schlank, hochgewachsen, kantige Gesichtszüge. Und Erfahrung hat der 22 Jahre alte Berliner dazu: "Ich wurde schon mal als Statist für ein Bushido-Konzert gecastet", erzählt er. Außerdem habe er schon einige Male bei Billigproduktionen, die in der Hauptstadt gedreht wurden, als Komparse mitgewirkt.

"Nicht lächeln, nichts sagen"

Zum Quatschen bleibt keine Zeit, der Fotograf ruft Kevin auf, sich vor die weiße Leinwand zu stellen und ein Foto von sich machen zu lassen. Nur wenig später bin ich an der Reihe. "Nicht lächeln, nichts sagen, geradeaus schauen", lautet die Anweisung des Fotografen. Gerade als ich anfangen will, einen kriegerischen Monolog vorzutragen, unterbricht mich der Fotograf: "Nächster bitte!" Das war es also. Warten, wieder warten, Mund halten, fotografiert werden.

Etwas glamouröser hatte ich mir so ein Casting schon vorgestellt. Vor dem Ausgang treffe ich andere Vercastete. Jonas, Johannes und Freundin Nele waren kurz nach mir dran. Ob sie nicht etwas enttäuscht wären, frage ich: "Wenn wir genommen werden, sparen wir uns den Friseur. Das ist doch gut", sagt Johannes und lacht. "Es war eine spontane Idee und eigentlich ganz lustig", sagt Nele. Außerdem gebe es ja als Statist auch eine kleine Gage. Pro Drehtag wird es für "The Monuments Men" als Komparse wohl 55 Euro geben, Kostüme und Frisur inbegriffen.

Matt Damon und Cate Blanchett spielen auch mit

Gefilmt werden soll ab Frühjahr 2013 unter anderem im Studio Babelsberg und in der Region Berlin-Brandenburg. Die Chance, als Statist bei dem Dreh mitmachen zu können, dürften bei dem hohen Bedarf an Komparsen hoch sein. "Wir brauchen insgesamt zwischen 5000 und 8000 Komparsen", sagte Studiosprecher Eike Wolf. Babelsberg produziert das Projekt mit Clooney, der auch Regisseur ist. Ob die Bewerber dabei sind, erfahren sie in den kommenden Wochen.

"The Monuments Men" spielt gegen Kriegsende: In einem Wettlauf gegen die Zeit versuchen Kunsthistoriker bedeutende Kunstschätze in Sicherheit zu bringen, bevor Hitler sie zerstören kann. Neben Clooney werden am Set weitere Hollywood-Stars erwartet wie Matt Damon und Cate Blanchett. Sollte ich als Statist mitmachen, werde ich denen einfach meinen Monolog vortragen.

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