23.01.13

Gentrifizierung

Im Schwaben steckt oft ein wahrer Weltbürger

Humorlos, provinziell und geizig – das sind die vorherrschenden Klischees über Schwaben. Sie können sie im Handumdrehen widerlegen.

Von Frédéric Schwilden
Foto: dpa

Der Spätzle-Angriff auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal ist ein Signal dafür, dass es zwischen Schwaben und Berlinern noch nicht richtig harmoniert
Der Spätzle-Angriff auf das Käthe-Kollwitz-Denkmal ist ein Signal dafür, dass es zwischen Schwaben und Berlinern noch nicht richtig harmoniert

Um acht Uhr morgens kann es in Berlin gar nicht besser riechen als in der Rungestraße 25-27 unweit der chinesischen Botschaft. In der Bäckerei Sporys liegen Brötchen mit Lachs in der Auslage. Darunter frischer Mohn-Quark-Kuchen. Daneben Laugengebäck, Croissants, Apfelkrapfen, Schrippen. Schrippen? Noch dazu in einer schwäbischen Bäckerei? Für Oliver Sporys ist das kein Widerspruch.

Sporys ist gelernter Bäcker und studierter Lebensmitteltechnologe, er ist Mitte 40, gebürtiger Pforzheimer. Schwabe also. Und für ihn hat die Schrippe genauso eine Daseinsberechtigung wie ein Wecken. Nur, und da hört bei ihm der Spaß auf, Mohnschrippen, Kornschrippen oder Milchschrippen, das geht gar nicht. Die gibt's nämlich gar nicht. Vom Look her wäre Sporys ein prima Fernsehkoch. Er hat einen ganz ansehnlichen Bauch, der wirkt aber gemütlich und strahlt so etwas wie verlässliches Handwerk oder Sachverstand aus. Ein Bäcker muss ja wissen, wie seine Brötchen schmecken. Und er hat eine Glatze, die er bestimmt nass rasiert. Da ist wirklich kein einziges Härchen zu sehen. Ein blaues Hemd trägt er auch – und sein Händedruck ist angenehm, dass man die eigne Hand am liebsten für immer in der seinen lassen würde, weil es da warm ist, aber nicht zu sehr und außerdem trocken. Wie könnte man so jemandem böse dafür sein, dass er 1990 nach Berlin gekommen ist?

Nach der Lehre in der Heimat hat sich Sporys erst einmal durch die ganze Welt gebacken, bevor er in Berlin-Moabit anfing. Im englischen Nottingham war er, und sein Chef hat gemerkt, dass der ja nach Dienstschluss noch für sich selber backt. Also hat der ein richtig deutsches Brötchen in die Hand genommen, der Chef. Die laufen in Sporys Läden, insgesamt betreibt er sieben in ganz Berlin, unter dem Namen Goldkrüstchen; ein ganz typisches Brötchen mit total viel Kruste. Früher nannte er das Westschrippe, die Ostschrippe führt er immer noch. Und die sei sogar so gut, dass viele aus Ost-Berlin extra zu ihm kämen. Seine Kunden sagen "dit schmeckt wie früher" und Sporys, der Schwabe, freut sich. Der Unterschied ist, dass die Ostschrippe nicht so knusprig ist, ein bisschen Malz hat sie auch mit drin, und sie hält sich länger.

Eine deutsche Gebäcklinie für Nottingham

Der Chef in Nottingham sei immer Porsche gefahren, erzählt Sporys weiter. Eines Tages nahm der Mann sein Goldkrüstchen, brach es auseinander und roch daran. Bestimmt stieg da Dampf aus dem Brötchen. Dann biss sein Chef rein; und ab da musste Oliver Sporys nicht mehr mit den anderen Angestellten zusammen backen. Ab da hatte Sporys eigene Backzeiten, eigene Geräte und entwickelte für einen Bäcker aus Nottingham – eine Stadt, die man sich partout nicht kosmopolitisch vorstellen sollte – eine deutsche Gebäcklinie. Die anderen Kollegen fanden das natürlich ein bisschen dreist von ihm, dem Kraut, so viele Hierarchien auf einmal zu überspringen. Aber andererseits – gelernt ist eben gelernt, das war immer so und wird so bleiben.

Es scheint so, das werden auch die weiteren Schwaben zeigen, die wir auf unserer Reise zu den schwäbischen Außenposten Berlins treffen, dass ihr Erfolg aus einer gewissen weltbürgerlichen Haltung heraus lebt. Dass sich Neugierde, Bildung und Ausbildung treffen und in der Mitte zu etwas vereinen, was man vielleicht für schwäbisch halten kann. Was der Pöbel, der dann "Schwaben raus!" schreit, mit Schwaben meint, ist aber nicht das Schwäbische an sich. Der Pöbel verabscheut den Lebensstandard der vermeintlichen Schwaben – eine besonders idiotische Form von Neid von Menschen, die tatsächlich glauben, dass Erfolg oder zumindest ein gutes Auskommen von der Herkunft, aber nicht von einer tatsächlich erbrachten Leistung abhingen.

Die folgende Geschichte ist schon häufig erzählt worden, wie erzählen sie der Ordnung halber aber noch einmal: Der Autozündler aus dem Prenzlauer Berg hat das aus Neid getan, weil die Schwaben mehr hatten als er. Trotzdem führt die Geschichte zu einer charmanten Pointe: Der Schwabe Frieder Schlaich, er kommt aus Stuttgart, fand den Autozündler so lange ein bisschen sympathisch, bis herauskam, dass das Zündeln nicht politisch motiviert war. Wahrscheinlich ist das so eine Denkfigur der Linken: Politisches Zündeln kann so mittel- bis richtig cool sein, wenn es gegen protzende Reiche geht, während Frustzündeln immer uncool ist.

Als Schlingensief DDR-Bürger zu Wurst verarbeiten ließ

Schlaich ist Anfang 50 und Filmproduzent. Er sitzt in einem Hinterhof in der Saarbrücker Straße. Das Gebäude gehört, wie er sagt, einer Genossenschaft. Das ist ziemlich gut, weil er und die anderen 40 Genossen deswegen immer selbst bestimmen können, was mit dem Haus passiert; sie treffen sich gelegentlich, eine Mieterhöhung aus heiterem Himmel wird sie niemals treffen. Die Filmproduktionsfirma von Til Schweiger nebenan zahlt übrigens die vierfache Miete.

Die Decken in den Räumen sind unverputzt. Es hängen Filmplakate an den Wänden. In den Regalen DVDs und VHS-Kassetten. Was man jetzt echt mal erwähnen muss ist, dass Frieders Videothek "Filmgalerie 451" alle Schlingensief-Filme rausbringt. Also nicht im Kino-Verleih sondern danach auf Video oder DVD. 1990 war er beispielsweise bei der Premiere zu "Das Deutsche Kettensägenmassaker". Schlingensief hat damals roten Schnaps als Blut an die Premierengäste verteilt. Die fanden das gar nicht lustig, dass in dem Streifen eine westdeutsche Metzger-Familie einreisende DDR-Bürger zu Wurst verarbeitete. Der Slogans des Films lautete: "Sie kamen als Deutsche und wurden zu Wurst".

Fest lebt der Filmproduzent seit dem Jahr 2000 in Berlin. Er schwäbelt wirklich nur ganz dezent – und zu Beginn des Treffens sagt er zum Spaß: "Ja, jetzt oute ich mich. Ich bin Schwabe." Genauer gesagt wohnt Schlaich in Pankow in Höhe Vinetastraße. Das war schon ruppig, als er da ankam. Genauso wie der Bäcker Sporys reiste auch Schlaich um die Welt. In Marokko arbeitete er mit dem großen Schriftsteller Paul Bowles zusammen. Vor 30 Jahren eröffnete er die erste große Videothek in Stuttgart. So etwas gab's damals nicht. "Die einzigen VHS-Videotheken waren Pornoläden."

So kam auch der Kontakt zu Schlingensief zustande – der machte damals eine Videothek in Mühlheim auf. Auf der diesjährigen Berlinale zeigt Schlaich einen Porträt über den Hofer Filmemacher Roland Klick. Es ist schon verwunderlich, dass so einer es nicht völlig verkehrt findet, wenn Autos, die Statussymbole sind, abfackeln. Statussymbole findet er obszön. Für Statussymbole wäre er nie nach Berlin gekommen – denn Schlaich zufolge hing in Berlin alles davon ab, "wer man ist und was man kann – und nicht, was man hat". Dieser Satz stimmt dann doch wieder versöhnlich.

Bisher waren wir bei zwei Schwaben im ehemaligen Ostteil der Stadt. Einer in Mitte, einer in Prenzlauer Berg. Klar, wir waren nicht am Kollwitzplatz, aber es ist schon erstaunlich, dass unsere beiden Gesprächspartner so gar nichts von Anfeindungen zu erzählen wissen.

Auf der Suche nach dem Blick in schwäbische Seele muss man auch den Weg in den alten Westen wagen. Berlin war schließlich schon vor dem Mauerfall eine Deponie für bestimmte Teile der westdeutschen Bevölkerung, die recht jung hierher zog und dann zumeist blieb. Unser Kontaktmann, ein Galerist, trifft sich am Abend mit unserer Expedition in der Pohlstraße, einer Seitenstraße der Potsdamer Straße. Das LSD, das Sexkaufhaus, strahlt einem entgegen. Die Frauen mit den weißen Stiefeln ziehen an Zigaretten und gehen auf und ab. Gedanken an das Christiane-F.-Berlin werden wach.

Andreas Kuhn raucht auch. Aber Selbstgedrehte ohne Spitze. Morgen ist Vernissage, die Bilder hängen schon. Figurative Malerei. Kräftige Farben, Rot, Grün, Eisenträger auf Eisenträgern, Autoreifenstapel; Arbeiten, die an eine bunte Orient-Industriewelt denken lassen. Gerade noch im Auto, auf dem Weg zu ihm, da lief der neue Bowie-Song, der erste seit 10 Jahren. Und Bowie singt darin ein bisschen traurig: "Had to get the train/ From Potsdamer Platz..... Sitting in the Dschungel/ On Nürnberger Straße/ A Man Lost in Time/ Near KaDeWe" Der Rauch von Kuhns dünnen Filterlosen steigt an die Decke seiner Galerie. Und er sagt, dass er 1974 über Holland nach Westberlin kam. Zwei Jahre später kam Bowie.

"Ich habe kein Geld. Ich arbeite viel, vielleicht ist das schwäbisch."

Kuhn ist auf gewisse Art und Weise auch ein Republikflüchtling, aber einer aus dem Westen. Er floh vor der Bundeswehr nach Holland, studierte dort Kunst. Die Feldjäger klingelten zwei Jahre lang zwei Mal im Monat bei seinen Eltern in Ludwigsburg – und die sagten dann immer, dass der Andreas in Holland sei.

In Berlin angekommen, studiert Kuhn noch Sozialpädagogik. In Kombination mit seinem Kunststudium die ideale Voraussetzung um am Grips-Theater als Bühnenbildner und Techniker zu arbeiten. Grips, das ist dieses Kindertheater am Hansaplatz mit Bildungsanspruch. Und wieder: Schlaich, Sporys und jetzt auch noch Kuhn. Drei Typen, die was können, die was machen und die ihr Können auch noch für was Gutes einsetzen.

Den Neid, den kann sich auch Kuhn nicht erklären. "Ich habe kein Geld. Ich arbeite viel, vielleicht ist das schwäbisch. Aber ich verprasse auch genauso viel. Anstatt Eigentumswohnungen zu kaufen, habe ich Wein getrunken und Reisen gemacht."

Irgendwie kommen wir auf Bowie zu sprechen. Nostalgisch sei das Lied, findet Kuhn. Aber er sei schon froh. Der Mauerfall war gut für Berlin. Andererseits, so schlecht waren die Siebziger auch nicht. Er war selber oft im "Dschungel", dieser ikonischen Disco, wo man Bowie und Iggy Pop sah und "alles nach Shit roch". Früher halt.

Jetzt wohnt Kuhn in Kreuzberg 61, die edlere Seite des Stadtteils. "Bürgerlich" nennt er das. Für ihn ist diese Schwaben-Debatte lächerlich. "Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Schrippe und Wecken? Noch nicht mal geschmacklich, oder?", gibt er sich die Antwort selbst.

Kurz vor acht. Die Frauen draußen rauchen immer noch. Vor dem Varieté Wintergarten öffnen Männer mit Hüten den Vorfahrenden die Autotüren. Irgendeine Zaubershow ist da heute Abend. Weil es schon spät ist, könnte man jetzt einen Wein vertragen. Im "Ebbes" soll's einen guten Trollinger geben. Außerdem die wohl besten Maultaschen der Stadt. Das "Ebbes" ist ein Feinkostladen für schwäbische Produkte aus Hohenlohe – und zum Glück ist der nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Und zum Glück brennt da noch Licht.

Der Schwabe, dem ein "Ick" dazwischen rutscht

Der Inhaber Wolfgang Stepper lässt gerade den Abend ausklingen. Seine Frau sitzt an einem hohen Bartisch mit einer Bekannten und Stepper trinkt ein Bier. Hier bleiben wir. Der Wein ist trocken, ganz weich auf der Zunge. Er schmeckt so, als würde man ein leicht kühles Samttuch auf der Zunge liegen haben; man muss dabei an Brombeeren denken und freut sich über die schöne Farbe im Glas.

Wenn einer als Schwabe zu erkennen ist, dann Wolfgang Stepper. Der redet richtig schwäbisch – soweit man das in Berlin überhaupt richtig beurteilen kann. Manchmal, da rutscht ihm ein "Ick" zwischen die Wörter. Das zeigt ja, wie gut integriert Schwaben in Berlin sind. Bei ihnen besteht keine Gefahr einer Parallelgesellschaft, die nach eigenen Gesetzesvorschriften lebt. Die schwäbische Mundart übernimmt ganz selbstverständlich Berliner Anleihen und so entsteht ein ganz neuer Dialekt, den Mundartforscher vielleicht bald schwärlinerisch nennen werden.

So ein Schnauzbart macht schon was her. Ähnlich wie Oliver Sporys' Bauch ist das ein Qualitätssiegel. Bart und Bauch, das kann nur gut sein. Steppers Laden ist wunderschön eingerichtet. Es liegen noch frische Seelen in Körben, die Weinauswahl ist groß und es kommen lauter Schauspieler und Architekten hier zum Einkaufen. Das merkt Wolfgang Stepper nie, der kennt die nämlich gar nicht – aber seine Nachbarn, die erkennen die. Er kann sich nur noch an den Namen "Kosslick" erinnern. "Berlinale, oder?" Seine Nachbarn, sein Kiez, das sind seine Freunde und Bekannte.

Das sind Türken, Berliner, wer weiß was alles. Von einem hat er sich gestern die Leiter ausgeliehen und ein anderer, ein Türke mit einer Werbeagentur, der hat ihm ganz schnell und unkompliziert einen neuen Schriftzug an die Scheibe gemacht. Weil man das so macht unter Nachbarn und Freunden. Also der Schuster, der sei ja wirklich toll, sagt Stepper. Dieses Jahr wird sein Laden Neunjähriges feiern. Und es werden bestimmt alle kommen. Der Schuster, der türkische Werber, die aus dem Restaurant nebenan, vielleicht ja sogar der Kosslick. Und sie sollten ihr Glas erheben und auf Typen wie Wolfang, Frieder, Oliver und Andreas trinken.

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