22.01.13

Spätzle-Attacke

Warum Statuen von Kollwitz beliebte Projektionsflächen sind

Die Denkmäler der Bildhauerin Käthe Kollwitz haben schon viel aushalten müssen. Warum eigentlich?

Von Uta Keseling
Foto: dpa

Die Statue von Käthe Kollwitz am Berliner Kollwitzplatz wurde zu DDR-Zeiten aufgestellt
Die Statue von Käthe Kollwitz am Berliner Kollwitzplatz wurde zu DDR-Zeiten aufgestellt

Das Papierding setzt dem Ganzen die Krone auf. Mit der selbst gebastelten Kopfbedeckung auf der Berliner Statue von Käthe Kollwitz am gleichnamigen Platz wollten Anwohner gegen die "Gentrifizierung" in Prenzlauer Berg protestieren.

Zuvor hatten Unbekannte die Skulptur mit Spätzle beworfen. Das wiederum war möglicherweise als Reaktion auf Äußerungen des SPD-Politikers Wolfgang Thierse gedacht, der als "Ureinwohner" die Dominanz seiner schwäbischen Neunachbarn im Viertel moniert hatte. Er hatte sich danach entschuldigt. Doch der Streit geht weiter.

Die Denkmäler Käthe Kollwitz haben schon viel aushalten müssen. Nach der Wende erschreckten Nazi-Schmierereien auf der Kollwitz-Skulptur die Anwohner. Seit einigen Jahren wird rund um den Platz um einen Ökomarkt gestritten, den die Anwohner zwar gerne haben wollen, aber bitte schön den Lärm nicht. Diskutiert wird auch, wie viele Kinder(-wagen) ein Viertel verträgt. Zuletzt machte der Bezirk Schlagzeilen, weil dort Luxussanierungen reglementiert werden sollen.

Von Nationalsozialisten verfolgt

Was hätte Käthe Kollwitz wohl von alldem gehalten? Die Bildhauerin, 1945 kurz vor Kriegsende gestorben, gehört bis heute zu den bekanntesten deutschen Künstlerinnen. Sie fand, Kunst müsse soziale Bedingungen darstellen. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Kollwitz, war sie Ende des 19. Jahrhunderts in das Arbeiterviertel Prenzlauer Berg gezogen. Kollwitz' Skulpturen, Radierungen und Kupferstiche zeigen geplagte Mütter, hungrige Kinder, Krankheit, Elend, Trauer – aber auch Lebensfreude.

Käthe Kollwitz war Mitglied der Berliner Secession und wurde 1919 als erstes weibliches Mitglied in die Preußische Akademie der Künste aufgenommen. 1933 zwangen die Nationalsozialisten die selbstbewusste Frau zum Austritt und verfolgten sie als Gegnerin des Regimes. 1960 setzte die DDR ihr auf dem Kollwitzplatz jenes Denkmal. Ihm musste damals eine kleinere Kollwitz-Statue weichen, die schon seit 1950 dort stand. Die "Mutter mit zwei Kindern" wurde an die Ecke Knaackstraße gestellt – dorthin, wo Käthe Kollwitz gelebt hatte. Das Haus mit ihrer Wohnung war 1943 bei einem Bombenangriff zerstört worden.

An diese fast vergessene Statue erinnerten sich viele Anwohner erst 1995, als auf dem Areal ein neues Haus entstehen sollte. Empörung! Die einen befürchteten den Verlust von Grünfläche im Bezirk – das Grundstück ist winzig – oder wahlweise den Verlust des Weitblicks aus dem eigenen Fenster. Dann wurde die "Mutter mit zwei Kindern" entdeckt, die zwischen Unkraut fast verschwunden war. Sie dürfe nicht im Hinterhof landen, verlangte man.

Als sich herausstellte, dass nicht fremde Investoren, sondern der eigene Bezirk an der Stelle Sozialwohnungen baute, wo einst die sozial engagierte Künstlerin gelebt hatte, verebbte der Protest gegen den Neubau. Die "Mutter mit zwei Kindern" verschwand trotzdem. Eine Weile lagerte sie im Keller des Bezirksamtes. 1997 wurde sie auf dem Gelände des Amtes an der Fröbelstraße wieder aufgestellt. Heute würde sie eigentlich auch wieder perfekt auf den Kollwitzplatz passen, der ja auch als Symbol des Kinderreichtums im neuen Latte-Macchiato-Berlin gilt.

Mütter und Kinder waren ihr Thema

Doch auch die gut zwei Meter große "Käthe Kollwitz" auf dem Platz hat eine neue Aufgabe bekommen. Kinder wollen unbedingt auf ihren Schoß klettern – und dürfen das auch. Davon zeugen die blank gescheuerten Stellen der Bronzeskulptur. Möglich, dass der Künstler Gustav Seitz, der die Statue nach einem Selbstbildnis Kollwitz' schuf, diese Wirkung durchaus beabsichtigt hatte. Mütter und ihre Kinder waren das große Thema der Künstlerin, die im Ersten Weltkrieg einen Sohn verlor.

Von dieser Trauer erzählt auch ihre Figur "Pietà" in der Neuen Wache Unter den Linden. Die Figur zeigt eine um ihren Sohn trauernde Mutter. 1993 wurde die Neue Wache zur Zentralen Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in der Bundesrepublik. Um die Kollwitz-Skulptur – es ist eine vergrößerte Replik – gab es natürlich gleich erst mal Streit. Genauer gesagt um den Satz, der darunter steht: "Für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft". Das war vielen zu pauschal. Die einen befürchteten, die Inschrift könne als Gleichsetzung von Opfern und Tätern gelesen werden. Kritisiert wurde auch, das christliche Motiv der Pietà könne Menschen jüdischen Glaubens ausgrenzen. So wurde bei der Einweihung eine Tafel ergänzt, auf der alle Opfergruppen aufgeführt sind, derer gedacht werden soll.

Kunst als Projektionsfläche – Käthe Kollwitz hätte vielleicht grundsätzlich gar nichts dagegen gehabt. Jedoch sicherlich gegen manches Argument, das ihr wahrscheinlich ebenso flach erschienen wäre wie die Spätzle oder die Papierkrone, mit der man sie bedachte.

Protest gegen den Protest kommt jetzt jedenfalls in ihrem Namen vom "Freundeskreis des Käthe-Kollwitz-Museums Berlin". Als das Museum 1986 in Charlottenburg eröffnete, in einem ehemaligen Bürgerhaus an der Fasanenstraße, stand die Berliner Mauer noch.

Die Kollwitz-Freunde haben jetzt beim Pankower Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) Beschwerde gegen den Spätzle-Wurf eingereicht. Für eine derartige geschmackliche Entgleisung hätten sie kein Verständnis, schreiben sie – und dass die "gutbetuchten, aber leider berlinfremden Mitbürger" sich besser ein Bild davon machen sollten, wer Käthe Kollwitz wirklich gewesen sei und mit welchen Umständen sie zu kämpfen gehabt habe.

Moment mal. Wer hatte da noch mal wen mit was beworfen? Egal. Käthe Kollwitz, so muss man es wohl sehen, ist eben für alle da.

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