22.01.13

Kindesmisshandlung

Berlinerin schlägt Baby, weil es beim Telefonieren stört

Eine Not-OP konnte den sechs Wochen alten Jungen retten. Zurückbleiben könnten Hirnschäden. Die Mutter steht jetzt vor Gericht.

Von Hans H. Nibbrig

15 Minuten braucht Staatsanwältin Manuela Blankenheim, um am Montagvormittag im Landgericht Moabit ihre Anklage zu verlesen. Es sind 15 Minuten, in denen bei den Anwesenden im Saal zweierlei Reaktionen festzustellen sind: spürbar beklommenes Schweigen und fassungslose Gesichter. Angeklagt ist die 31-jährige Nancy M. Die junge Frau aus Hellersdorf soll im Juni vergangenen Jahres ihren erst wenige Wochen alten Säugling so schwer misshandelt haben, dass der Junge nur durch eine Notoperation gerettet werden konnte, vermutlich aber bleibende Hirnschäden zurückbehalten wird.

Etwa genauso so lange wie der Anklagevortrag dauert die Erklärung, die Verteidigerin Sylvia Frommhold im Namen ihrer Mandantin verliest. Und in der Nancy M. die Vorwürfe gesteht. Misshandlungen von Kleinkindern gehören zum Schlimmsten, worüber Richter befinden müssen. Die Verhandlungen verlangen Prozessbeteiligten und Beobachtern einiges ab. Das zeigt sich auch im Fall Nancy M. schon zum Prozessauftakt.

Abdruck des Eherings am Kopf

Das Drama nimmt am 26. Juni 2012 seinen Lauf. Am frühen Nachmittag sind Mutter und Sohn allein in der Wohnung, eine Tante der Angeklagten, die die junge Frau nach Kräften unterstützt, lässt sie für kurze Zeit allein, weil sie den Hund von Nancy M. Gassi führt. Die 31-Jährige telefoniert, ihr gerade sechs Wochen alter Sohn schreit. Das macht die Mutter so wütend, dass sie den Säugling ohrfeigt, wie es später in ihrer Erklärung heißt. Eine Ohrfeige für einen Säugling allein macht bereits fassungslos, ein Schlag, so hart, das der Abdruck des Eherings der Frau noch Stunden später am Kopf des Jungen erkennbar ist, übersteigt die Grenzen des Fassbaren.

Doch damit nicht genug. Der Junge schreit noch immer, weshalb Nancy M. ihn heftig schüttelt. "Der Kopf des Säuglings flog hin und her", heißt es in der Anklage, ebenso wie in der Erklärung der Verteidigerin. Anschließend setzt sich die 31-Jährige vor den Fernseher, um sich zu beruhigen. Erst Stunden später merkt sie, dass etwas nicht stimmt. Der Säugling windet sich in Krämpfen, der Kopf ist unnatürlich geschwollen, die Haut leichenblass. Die Mutter alarmiert die Feuerwehr, die das Kind ins Krankenhaus bringt.

Dort retten die Ärzte in einer Notoperation sein Leben, erkennen zugleich aber, wie die Verletzungen entstanden sind und dass der Säugling zuvor schon einmal in ähnlicher Weise misshandelt worden sein muss. Sie schalten die Polizei ein, Nancy M. wird festgenommen und einen Tag später erlässt ein Ermittlungsrichter Haftbefehl. Seither sitzt die 31-Jährige in Untersuchungshaft.

Tragödie mit Ansage

Im Nachhinein wird klar, dass es eine Tragödie mit Ansage war. Nancy M. hat bereits zwei Kinder aus erster Ehe und wollte kein Weiteres. Sie plant eine Abtreibung und versucht, durch intensives Ausüben ihres Hobbys, Reiten, einen Schwangerschaftsabbruch herbeizuführen. Letztlich beschließt sie doch, das Kind zu bekommen, vor allem ihrem Mann zuliebe, für den der kleine Damian Taylor ein Wunschkind ist. Auch nach der Geburt des Jungen ändert sich die Einstellung der Mutter zu dem Kind nicht. Gegenüber Zeugen äußert sie, sollte der Junge weiterhin ständig schreien, werde sie ihn aus dem Fenster werfen.

Sie leide seit der Geburt ihres ersten Kindes unter Stimmungsschwankungen und sage oft "böse Dinge", die sie aber nicht so meine, lässt Nancy M. ihre Anwältin erklären. Dass Schütteln für Säuglinge "nicht gut" sei, wisse sie, dass es aber lebensgefährlich sein könne, habe sie nicht geahnt, heißt es weiter in der Erklärung. Die Versicherungen der Angeklagten, es tue ihr unendlich leid, was passiert sei und sie sei bereit zu einer Therapie, klingen durchaus glaubhaft. Wie es tatsächlich um die Psyche der 31-Jährigen steht, soll im weiteren Verfahren ein Sachverständigengutachten klären.

Als erster Zeuge sagt der Ehemann von Nancy M. aus. Zur Tat schweigt er, betont aber, er wolle mit seiner Frau in Zukunft zusammenbleiben und irgendwann den kleinen Damian Taylor zurückholen. Der Junge lebt derzeit bei Pflegeeltern.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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