10.07.09

Tod eines Steuerberaters

Muss Günther Kaufmann erneut vor Gericht?

Der Schauspieler ist in einen der bizarrsten Kriminalfälle der bundesdeutschen Justizgeschichte verwickelt. Ein Steuerberater wird getötet. Mehrere Männer gestehen unabhängig voneinander die Tat. Und bis heute ist nicht klar, wer es wirklich war. Ein Verurteilter fühlt sich unschuldig und will den Fall neu aufrollen.

Von Michael Mielke
Foto: ddp
Juni 2002: Günther Kaufmann wartet auf den Beginn seines Prozesses. Muss er nun erneut vor Gericht?
Juni 2002: Günther Kaufmann wartet auf den Beginn seines Prozesses. Muss er nun erneut vor Gericht?

Er ist eine Ausnahme an diesem Nachmittag im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt Tegel. Vor den anderen Gefangenen stapeln sich Zigaretten, Tabak, Schokolade und Bonbons – Geschenke, die ihnen Angehörige mitgebracht haben. Auf dem Tisch von Hans-Joachim U. liegen Akten. Sein Anwalt hat beim Landgericht Augsburg einen Antrag für ein Wiederaufnahmeverfahren eingereicht. Es geht um viel für den 48-Jährigen, der jetzt im Gefängnis Tegel als Küster arbeitet – um Jahre seines Lebens; aber eigentlich, so ist er zu verstehen, geht es um noch weitaus mehr. "Ich bin kein Waisenknabe", sagt Hans-Joachim U., "aber ich bin auch nicht verantwortlich für den Tod eines Menschen."

Der Anlass für U.s Verurteilung wegen Raubes mit Todesfolge liegt mehr als acht Jahre zurück. Es ist einer der bizarrsten Kriminalfälle der bundesdeutschen Justizgeschichte. Ein Mann wird getötet. Mehrere Männer gestehen unabhängig voneinander, dass sie die Tat begangen hätten. Und bis heute ist nicht klar, wer es wirklich war.

Kaufmann benötigt Geld für seine krebskranke Frau

Eine der Hauptrollen in dieser Geschichte übernahm nicht ganz freiwillig der damals 53 Jahre alte Schauspieler Günther Kaufmann. Er hatte nach eigenen Angaben am 2. Februar 2001 eine Verabredung mit Steuerberater Hartmut Hagen in dessen Reihenhaushälfte in München-Großhader. Als der 60-Jährige nicht öffnete, sei er misstrauisch geworden und habe die Polizei alarmiert. Kaufmann, bekannt geworden durch seine Rollen in Filmen des Regisseurs Rainer Werner Fassbinder, wurde dann schnell selbst verdächtigt. Er hatte bei Hagen umgerechnet rund 430.000 Euro Schulden.

Dieses Geld soll er für seine 16 Jahre jüngere Ehefrau benötigt haben. Alexandra Kaufmann litt seit 1992 an Knochenkrebs. Sie kämpfte verzweifelt gegen diese Krankheit. Kosten, so schien es, spielten keine Rolle. Am Ende reichten Kaufmanns Ersparnisse dafür nicht mehr. Und so reifte bei Alexandra Kaufmann die Idee, sich Geld von dem wohlhabenden Steuerberater Hagen zu beschaffen.

Doch dann war plötzlich ein Mann tot

Sie erfand ein Großprojekt in Portugal, das angeblich fette Renditen versprach. Angeblich sollte auf dem Grundstück der Kaufmanns an der Algarve in Portugal ein Hotelkomplex errichtet werden. Und einer der Investoren sei der Rocksänger Billy Idol. Jetzt sei Idol jedoch von diesem Vertrag zurückgetreten, weshalb ihn Alexandra Kaufmann in New York auf 100 Millionen US-Dollar verklage. Wenn Hagen die Kosten für den teuren US-Anwalt vorstrecke, würde sie ihn, wenn der Prozess gewonnen sei, großzügig entlohnen.

Es funktionierte. Sogar Ehemann Kaufmann glaubte an diese Geschichte. Und Hagen zahlte, ohne sich Unterlagen zeigen zu lassen. Aber dann war er plötzlich tot.

Kaufmanns Rolle wurde anschließend immer merkwürdiger. In seinem Buch "Der weiße Neger vom Hasenbergl" versucht er zu schildern, wie er immer mehr in Verdacht geriet, sich bei Verhören überrumpelt fühlte, schlecht beraten war von Anwälten und wie er plötzlich zu Protokoll gab: "Sie kriegen jetzt ein Geständnis von jemandem, der es nicht war." Anschließend sei dieser Part des Täters zunehmend zur Rolle geworden.

Vor dem Landgericht München – 14 Tage vor Prozessbeginn starb seine Frau – schilderte er tränenreich, dass sich der Steuerberater abfällig über Alexandra geäußert habe, es hernach zu einer Rangelei gekommen sei und er seinen Widersacher dabei mit seinem 117 Kilogramm schweren Körper quasi versehentlich zu Tode gedrückt habe.

Eine überraschende Zeugin taucht auf

Am 2. November 2002 verurteilte das Landgericht München Kaufmann wegen versuchter Erpressung mit Todesfolge zu 15 Jahren Gefängnis. Der Schauspieler saß im Gefängnis München-Stadelheim ein, später in der Justizvollzugsanstalt Tegel. Er schien diese Strafe angenommen und sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben. Doch es sollte anders kommen.

Im August 2003 betrat eine Kellnerin ein Polizeirevier in Kreuzberg, um Anzeige zu erstatten. Sie gab zu Protokoll, nicht Kaufmann, sondern ihr Lebensgefährte Heinz K., der sich nach einem Streit von ihr trennen wolle, habe den Steuerberater Hagen getötet. Die Ermittlungen wurden wieder aufgenommen. Und es kam heraus: Heinz K. war nicht allein in der Villa. Er hatte zwei Komplizen dabei. Und einer von ihnen war Hans-Joachim U.

Kaufmann wird von einem Gericht freigesprochen

Im November 2003 wurde Kaufmann nach 831 Tagen aus dem Gefängnis entlassen. Nach einem Wiederaufnahmeverfahren sprach ihn das Landgericht Augsburg im Januar 2005 dann auch offiziell frei. Erleichtert erklärte er damals den versammelten Reportern: "Ich habe meine todkranke Frau raushalten wollen. Sie starb jeden Tag ein Stückchen mehr. Auch ich wollte damals sterben."

Der Schauspieler lebt heute in Bremen. Zu dem geplanten Wiederaufnahmeverfahren möchte er sich nicht äußern. Anfang des Jahres wurde die Öffentlichkeit wieder auf ihn aufmerksam durch seine Teilnahme am RTL-Dschungelcamp "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!". Im Herbst wird er in "Bully" Herbigs Film "Wickie und die starken Männer" als schrecklicher Sven in einer größeren Rolle zu sehen sein.

Hans-Joachim U. hat die Zeitungsausschnitte über die Prozesse um den Tod des Steuerberaters Hagen gesammelt. Sie sind jetzt abgeheftet in einem der Ordner, die in dem Gefängnis-Besuchsraum vor ihm auf dem Tisch liegen. Anfangs ist dort immer nur von dem prominenten Schauspieler Kaufmann die Rede. Später wird auch über ihn selbst geschrieben – den gelernten Karosserieklempner aus Berlin, der wegen verschiedenster Straftaten schon mehrfach vor dem Richter stand, und der sich Mitte der 90er-Jahre in eine aparte blonde Frau verguckte: Alexandra Kaufmann. Für Hans-Joachim U. "die Liebe meines Lebens". Er hatte sie bis zu ihrem Tod gepflegt und ihr in den letzten Minuten ihre Hand gehalten. Günther Kaufmann wusste von dieser Liaison nichts. Ihm hatten sie vorgegaukelt, Alexandra halte sich wegen des Rechtsstreits mit Billy Idol in den USA auf.

Bei dem Gespräch im Gefängnis-Besuchsraum möchte U. möglichst wenig über Alexandra Kaufmann reden. Aber es kommt dann doch das Motiv für seine Fahrt zu dem Steuerberater Hagen zur Sprache. Hatten er und Alexandra Kaufmann doch bis zum Schluss gehofft, dass sie vielleicht doch noch mit einer sündhaft teuren Operation in einer Privatklinik in Washington DC zu retten sei. Aber dafür war kein Geld da. Und Hagen, das hatten sie von einem Bekannten Alexandras erfahren, sollte eine größere Summe zu Hause aufbewahren.

Rädelsführer U. musste 14 Jahre ins Gefängnis

U. suchte sich in der Szene zwei Komplizen. Zu dritt fuhren sie nach München. "Der Plan war: klingeln, den Schreckmoment nutzen, fesseln, knebeln, das Geld holen und dann nach Berlin zurück", sagte Mittäter Heinz K. vor dem Landgericht München. Das sei jedoch misslungen. Der kräftige Hagen habe sich heftig gewehrt, und sie hätten versucht, ihn festzuhalten. "Auf einmal wurde Herr Hagen immer ruhiger und hat keinen Mucks mehr gemacht", sagte Heinz K. "Er hat nicht mehr geatmet. Das sollte nie so laufen." Später hatte er dieses Geständnis wieder zurückgezogen.

Hans-Joachim U. hat die Situation ohnehin ganz anders in Erinnerung: "Ich bin mir sicher, dass Hagen bei unserer Flucht noch lebte", sagt er. "Ich weiß noch genau, dass er hinter uns her geschimpft hat. So in der Art: Ihr Schweine, die werden euch schon kriegen!"

Im November 2004 wurden Hans-Joachim U. und seine Mittäter wegen Raubes mit Todesfolge verurteilt. U. erhielt als Rädelsführer mit 14 Jahren die höchste Strafe. Er ging in Revision. Im Sommer 2005 wurde sie vom Bundesgerichtshof verworfen.

"Berechtigte Chancen" auf ein Wiederaufnahmeverfahren

Die letzte Chance für Hans-Joachim U. ist nun ein Wiederaufnahmeverfahren. Am Tage arbeitet er als Küster in der Gefängniskirche. In der Freizeit studiert er Rechtswissenschaften an der Fern-Universität Hagen. Er hat dieses Wissen genutzt, die Akten wieder und wieder studiert und mehrere Wissenschaftler an Universitäten und Forschungseinrichtungen kontaktiert. Vor drei Jahren gewann er Hubert Gorka als Beistand. Der Karlsruher Anwalt hat den Ruf eines Experten für schwierige Fälle. Und er sieht auch in diesem Verfahren "berechtigte Chancen" auf ein Wiederaufnahmeverfahren. "Wenn das alles genau geprüft wird, kann man das Urteil nicht auf die damals zugrunde gelegten Tatsachen stützen."

Gorka hat "elf neue Tatsachen und Beweismittel" in seiner Antragsschrift aufgelistet. Wichtigster Punkt, sagt er, sei ein Fehler bei der Feststellung des Todeszeitpunktes. So sei in dem Gutachten die Tag- und Nachtschaltung der Heizungsanlage nicht berücksichtigt worden. "Schon ein Grad Unterschied kann bei der Todeszeit eine Abweichung von ein bis zwei Stunden bedeuten." Hier aber gehe es sogar um zehn Grad. Die Konsequenz: Der Steuerberater sei mit hoher Wahrscheinlichkeit verstorben, als sein Mandant und dessen Mittäter schon wieder in Berlin waren.

Der Antrag auf Wiederaufnahme des Verfahrens liegt jetzt beim Landgericht Augsburg. Hans-Joachim U. wartet gespannt auf den Entscheid. "Ich bin kein Unschuldsengel, ich weiß, dass ich Schuld auf mich geladen habe", sagt er. "Aber die angebliche Mitschuld, einen Menschen getötet zu haben, lasse ich nicht auf mir sitzen."

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