20.01.13

Berliner Band

Nora Tschirner macht mit "Prag" Musik in Pankow

Schauspielerin Nora Tschirner ist in Pankow zur Schule gegangen. Nun macht sie hier Musik - in einer Band mit den ehemaligen Schulkameraden.

Von Julia Friese
Foto: Amin Akhtar

„Hier haben wir früher Pferdchen gespielt!“: Nora Tschirner während des Kiezrundgangs mit ihren Bandkollegen Tom Krimi und Erik Lautenschläger (v. l.)
"Hier haben wir früher Pferdchen gespielt!": Nora Tschirner während des Kiezrundgangs mit ihren Bandkollegen Tom Krimi und Erik Lautenschläger (v. l.)

In den 70er-Jahren wurde der Pankower Plattenbau von der Akademie der Wissenschaften der DDR genutzt. Nach der Wende übernahm die Humboldt Universität das Bürogebäude. Und heute? Heute spielt Nora Tschirner hier Hackbrett. Manchmal auch Bassgitarre, Triangel, Xylophon oder sogar Mundharmonika. In der kommenden Woche erscheint ihr erstes, selbst produziertes Album. "Premiere" heißt es, denn die Schauspielerin aus "Keinohrhasen" und neue Synchronstimme von Computerheldin Lara Croft singt jetzt auch noch. In ihrer eigenen Band.

Genau so würde Nora Tschirner das wohl überhaupt nicht lesen wollen. "Prag" ist nicht "ihre" Band. Sie will hier nicht im Mittelpunkt stehen. Die beiden Berliner Vollblutmusiker Tom Krimi und Erik Lautenschläger arbeiteten schon an dem Klang der damals noch namenlosen Band, bevor Nora Tschirner dazu kam. "Das war nicht so, dass ich eines Morgens wach geworden bin und gesagt habe: Juchhu, jetzt möchte ich auch noch Sängerin werden. Das hat sich alles einfach so ergeben."

Gemeinsam im Chor gesungen

Den 37-jährigen Erik Lautenschläger kennt Nora Tschirner noch aus Schulzeiten. Unweit von ihrem Pankower Proberaum sangen die beiden in den späten 90er-Jahren im Chor der Rosa-Luxemburg-Oberschule Gospel, Bruckner und Händel. "Da war dann irgendwann so eine neue, kleine Dunkelhaarige", sagt Lautenschläger, "eine nicht gerade unauffällige Person."

Nora Tschirner guckt ihn kritisch von der Seite an. "Na, das hat er schon mal erzählt, dass ich da so auffällig gewesen sein soll", sagt sie. "Aber in meinen Augen war ich ein genauso langweiliger Teenager wie alle anderen auch." Lautenschläger grinst. Als seine Schulzeit vorbei war, sei er dem Chor übrigens dennoch treu geblieben.

Nora Tschirner hat bei den coolen Jungs rumgesessen

"Wir haben regelmäßige Chorfahrten nach Tschechien veranstaltet, und da war Nora dann eines von den jüngeren Mädchen, die bei uns älteren, coolen Jungs rumgesessen haben, um coole Musik zu hören." Lautenschläger war damals 22, Tschirner 16 Jahre alt. "Oh ja, ich erinnere mich", sagt sie. "Das waren diese Fahrten, nach denen man eigentlich mindestens drei Wochen Ferien brauchte, um sich wieder zu erholen." Sie lacht.

"Morgens Probe, danach Ski fahren, mittags wieder Probe, danach wieder Ski fahren und abends saufen." "Nora, du warst 16!", fällt ihr der 47 Jahre alte Bandkollege Tom Krimi ins Wort. "Na und?", sagt Nora Tschirner. "Mit 16 durfte man doch trinken?" Und schon ist man mittendrin: im Bandalltag von "Prag".

Der "ältesten und langweiligsten" Band der Welt, wie Nora Tschirner sagt. "Wir sind ja zwischen 31 und 47 Jahren alt. Normalerweise gründet man ja eine Band, wenn man ein noch junges, aufregendes Geschoss ist." Aufregend sei ihr Bandleben keinesfalls. Wenn sie nicht zusammen musizierten, dann führen sie raus ins ländliche Berliner Umland, um sich zu unterhalten, um spazieren zu gehen und um Snacks zu essen. "Und zur Blumenbestimmung", sagt Tom Krimi. Die anderen nicken.

"Älteste und langweiligste Band der Welt"

In den Proberäumen der "ältesten und langweiligsten Band der Welt" stehen neben alten Sportpokalen auch Whiskeyflaschen auf der Fensterbank. "Wir sammeln hier alles an, was kein Mensch zu Hause stehen haben will", sagt Tom Krimi. Nora Tschirner füttert ihren Dackel mit einer Banane. "Uns gefällt's hier sehr gut", sagt Erik Lautenschläger.

Hier im Atelierhaus hätten sie viel Kontakt zu anderen, vorwiegend bildenden Künstlern. "Ist auch immer ein lustiges Bild, wenn unten alteingesessene Pankower wie Oma Paschke mit ihrem Hund vorbeilaufen und dann die Herrschaften, Bildhauer und Maler hier hereinspazieren", sagt Erik Lautenschläger, der selbst Krawatte und Knickerbocker trägt.

Zur Illustration der Bandhistorie will sich die Band zur alten Schule von Nora Tschirner und Erik Lautenschläger aufmachen. Tom Krimi darf auch mit. Im Windfang des Gebäudes hängen mehrere Zeitungsartikel und ein Brief an den Berliner Senat. Die alte Platte soll saniert werden, die Künstler protestieren. Tschirners Hund läuft unbekümmert an den Artikeln und einem "Hunde verboten"- Schild vorbei. Dann fällt die Tür hinter der Band ins Schloss.

Seit Herbst sind Tschirner, Lautenschläger und Krimi zufällig eine Band

"Nach Chor- und Schulzeit haben Nora und ich nicht mehr so viel miteinander zu tun gehabt", sagt Erik Lautenschläger draußen. Ab und zu sei man sich aber über den Weg gelaufen. Nora Tschirner sei häufiger in Pankow, schließlich habe sie "noch immer Familie" hier.

Auch Erik Lautenschläger ist seinem Heimatkiez bis heute treu geblieben. Nach der Schule arbeitete er als Tischler und als Grafiker. Musik jedoch habe er "schon immer" gemacht. Zuletzt mit "Erik & Me" einer ebenfalls deutschsprachigen Indie-Pop-Band.

Tom Krimi ist als Sänger und Songwriter unterwegs. Außerdem bildet er eine Hälfte des DJ- und Produzententeams von "Stereo De Luxe". Durch das "Berliner Künstler Gemauschel", wie Erik Lautenschläger es nennt, hatten die beiden Musiker sich kennengelernt.

Auf der Filmpremiere eines gemeinsamen Bekannten sei Nora Tschirner schließlich auf ihren ehemaligen Chor-Kollegen zugekommen. "Sie hatte mich gefragt, ob sie in der Talkshow ,Ina's Nacht' zufällig was von ,Erik & Me' singen könnte", erzählt Erik Lautenschläger. Da habe er gefragt, ob sie nicht zufällig mal mit ihm und Tom singen wolle. Und Nora Tschirner wollte. Das war im Juni 2011. Im darauffolgenden Herbst sei man dann einfach so zur Band geworden.

"Nora hat es nicht so mit dem Heulen"

An der Forchheimerstraße biegt das Dreiergespann auf einen Sportplatz ab. "Hier hatten wir damals – zwar nicht gemeinsam – aber dennoch Sport und Sportfest", erzählen sie. Nora Tschirner und Erik Lautenschläger erinnern sich an Lehrer K., der "halb Pankow kannte" und auf dem Weg zum Sportplatz alle vier Meter stehen geblieben sei, um zu quatschen.

Geprobt habe die Band hier in Pankow. Ihre erste Single "Sophie Marceau", melodiöser, eingängiger Indie-Pop, habe sie jedoch gemeinsam mit dem tschechischen Filmorchester aufgenommen. In Prag. Ein Ausflug, der der Band später ihren Namen gab. Als das Orchester die eigene Musik spielte, seien Tränen geflossen. Zumindest bei dem männlichen Teil der Band.

"Nora hat es nicht so mit dem Heulen", sagt Erik Lautenschläger. Emotionaler reagiert habe sie jedoch bei ihrem ersten Konzert in einem kleinen Tempelhofer Varietétheater. "Das war fürch-ter-lich", sagt Nora Tschirner, jede Silbe des Adjektivs betonend. " Ich dachte, ich krepier vor Lampenfieber", sagt sie. Erst nach dem vierten Song habe sie sich in den Griff bekommen. "Vorher hatte ich schon gedacht: Okay, das war's mit der Musik, das mache ich nie…"

Lautes Gebell unterbricht Nora Tschirner. Ihr Dackel schlägt an. "Sach ma! Du kommst zurück ins Tierheim", droht Nora Tschirner dem Vierbeiner, der sich weitestgehend unbeeindruckt zeigt.

Schülerin Tschirner war nie in einer Band

Unweit vom Sportplatz biegt die Band auf den Schulhof der Rosa-Luxemburg-Schule ein: "Sieht noch alles aus wir früher", stellt Nora fest. Es schellt. Schüler strömen aus den Türen, laufen, wer sie erkennt, läuft mit großen Augen an der ehemaligen Schülerin vorbei.

"Hier war früher der Schulclub!", sagt Nora Tschirner, unbeirrt, und rennt eine kleine Treppe hinunter. "Ich war hier Chefin", sagt sie stolz. "Ey Malte, haste ma' den Schlüssel?" Schauspielerin Nora Tschirner wird kurz zur Schülerin Nora Tschirner.

"Wir haben hier Partys gemacht, Snacks verkauft. Und die Schulbands haben hier auch gespielt." Schülerin Tschirner war nie in einer Band. Obwohl sie gerne wollte. "Aber einmal hat eine Mädchenband einen Workshop gemacht. Im Kulturhaus Rosenthal. Das war natürlich derbe geil", sagt sie mit ironischem Unterton: "Da habe ich Gitarre gespielt und gesungen. Ein ganzes Wochenende."

Sie lacht: "Das ist doch das Spießigste, was es überhaupt gibt. Ein Rock'n'Roll-Workshop!" Während sie über das Gelände laufen, spielen sich Nora Tschirner und Erik Lautenschläger Erinnerungen an ihre Schulzeit zu. "Hier war früher eine kleine Turnhalle", sagt Lautenschläger. "Und hier haben wir immer Pferdchen gespielt. Ich hatte Miss Dixie!", ruft Nora Tschirner.

Nach dem Abi erst mal Auszeit

Schon während ihrer Schulzeit drehte die Tochter einer Hörfunk-Journalistin und eines Dokumentarfilm-Regisseurs ihren ersten Film. Im 2001 erschienenen "Wie Feuer und Flamme" spielte sie eine kleinere Nebenrolle. "Nach dem Abi habe ich mir erst mal eine Auszeit genommen. Ich wusste nicht, ob ich studieren sollte oder ob ich es tatsächlich mit Film und Fernsehen versuchen sollte", sagt Nora Tschirner.

Während sie in einem Möbel-Accessoire-Laden am Hackeschen Markt jobbte, wurde sie zu weiteren Castings eingeladen. Eins für eine Rolle in der Serie "Sternenfänger", das andere für eine Moderatoren-Stelle beim Musiksender MTV. Nora Tschirner bekam beide Jobs.

Gerade aber drehe sie "nicht wahnsinnig" viel. Im März komme ein weiterer Film mit ihr in die Kinos, und Ende des Jahres folge die bereits viel besprochene Tatort-Folge an der Seite von Christian Ulmen: "Aber ansonsten widme ich mich momentan der Band."

Ob die Tatort-Folge eine einmalige Sache ist oder in Serie geht, weiß Tschirner noch nicht. Ganz sicher aber weiß sie, dass sie mit "Prag" auf Tour gehen wird. "In China, Amerika und der ganzen Welt…", sagt sie augenzwinkernd. Es sei ihr ernst mit "Prag", dem Film und Fernsehen wird sie dennoch nicht abschwören.

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