18.01.13

Schüsse in Bäckerei

Doppelmord an Schwestern trifft Neukölln mitten ins Herz

Der Berliner Kiez steckt mitten im Wandel. Doch die Flughafenstraße, an der zwei Frauen erschossen wurden, ist noch weit entfernt von einem hippen Viertel.

Von Regina Köhler
Foto: Reto Klar

Trauer: Nachbarn haben Kerzen und Blumen vor der Bäckerei der Schwestern Güllü und Nurten H. abgelegt
Trauer: Nachbarn haben Kerzen und Blumen vor der Bäckerei der Schwestern Güllü und Nurten H. abgelegt

Über der Bäckerei an der Flughafenstraße 35 schweben bunte Luftballons. Auf dem Schaufenster steht stolz das Wort "Neueröffnung" geschrieben. Fotos neben der Eingangstür zeigen leckere Torten, belegte Brötchen und Gebäck. Die großen Fensterscheiben sind noch mit Packpapier verklebt. Vor zwei Wochen erst hatte das Geschäft eröffnet. Doch nun sind auch Kerzen auf den Eingangstufen, Rosen und kleine Zettelchen mit handgeschriebenen Botschaften hinzugekommen. Es sind Botschaften der Trauer und Anteilnahme, keine Glückwünsche zur erfolgreichen Eröffnung.

Claudia und Laurent haben eben eine rote Kerze auf der Stufe der Bäckerei mit Namen BörekHaus angezündet. "Wir hatten uns fest vorgenommen, hier demnächst mal einzukaufen", sagt Claudia. Es sei wichtig, solche Neugründungen im Kiez zu unterstützen. Bisher seien sie allerdings knapp bei Kasse gewesen. "Wir haben die beiden Ladeninhaberinnen deshalb nie kennengelernt."

Plötzlich Feuer eröffnet

Claudia ist noch immer fassungslos. "Es tut mir so leid, was hier passiert ist", sagt sie und ihr Lebensgefährte nickt stumm. In den vergangenen Tagen hätten sie oft durch die Ladenfenster geschaut und die beiden Frauen bei der Arbeit beobachtet. Beide hätten immer ein weißes Kopftuch getragen. Nun sind sie tot.

Die Schwestern Güllü (33) und Nurten H. (38) sind am Mittwoch von Güllüs ehemaligem Lebensgefährten Mehmet Ö. erschossen worden. Der stand morgens plötzlich mit einer Pistole in der Bäckerei und eröffnete das Feuer. Güllü starb sofort. Nurten erlag ihren schweren Kopfverletzungen am Abend im Krankenhaus. Mehmet Ö. wurde noch am Tatort von der Polizei festgenommen. Als Motiv vermutet die Polizei Eifersucht.

"Ich lebe trotzdem gern in Neukölln", sagt Claudia und das klingt fast ein wenig trotzig. Sie sei vor mehr als 30 Jahren nach Berlin gekommen und liebe ihren Bezirk. "Neukölln ist längst meine Heimat geworden", sagt sie. Der Doppelmord sei furchtbar, doch so etwas könne überall passieren. "Gegen Eifersucht kann man eben wenig tun."

Dann steht plötzlich noch eine Frau vor dem Laden. Sie ist jung, trägt hellbraune Wildlederschuhe und eine große Wollmütze. Ihr Fahrrad hat sie einige Meter weiter abgestellt. Mit einer Kerze in den Händen harrt sie minutenlang schweigend aus. Dann stellt sie das Licht auf die oberste Treppenstufe und fährt wieder mit ihrem Fahrrad davon.

Claudia schaut ihr hinterher. "Das ist eine dieser jungen Hippen, die jetzt unseren Kiez erobern", sagt sie. Das sei schon okay, nur dass die Mieten jetzt steigen würden, das sei absolut nicht in Ordnung.

Flughafenstraße von hippem Kiez weit entfernt

Von einer Gentrifizierung allerdings scheint das Viertel noch weit entfernt. Die Kneipen heißen hier "Endstation" oder "Eck Oase", es gibt jede Menge Wettbüros, Glücksspielgeschäfte und trostlos aussehende Cafés. Die Häuser sind grau und die Menschen, die auf den Straßen unterwegs sind, sehen nicht unbedingt so aus, als würde es ihnen finanziell besonders gut gehen. Claudia und Laurent erzählen, dass viele hier keine Arbeit haben und von Hartz IV leben.

Trotz allem hat auch Doris, die gerade bei "Trödel Klaus" an der Flughafenstraße Ecke Mainzer Straße aushilft, Sorge um die Mietentwicklung in Neukölln. "Ich bin vor acht Jahren aus Kreuzberg hierher gezogen, weil ich dort die Miete nicht mehr bezahlen konnte", sagt sie. Nun habe sie Angst davor, dass sie in Kürze auch von hier wieder verdrängt werden könnte.

Dabei wohne sie gar nicht gern an der Flughafenstraße. "Das ist die Hölle hier. Keiner nimmt Rücksicht auf den anderen, es gibt kein Miteinander", schimpft Doris. Der Doppelmord sei ein trauriges Beispiel dafür. "Ich würde sofort hier wegziehen, wenn ich das nötige Geld hätte."

"Das ist traurig, unwohl fühle ich mich hier aber nicht"

Wer die Menschen im Kiez um die Neuköllner Flughafenstraße fragt, wie es sich dort leben lässt, bekommt sehr unterschiedliche Antworten. Während die einen die Hände heben und "extrem furchtbar" sagen, von Drogendealern, Glücksspielern und Frauenhändlern sprechen und bedauern, dass es inzwischen kein einziges deutsches Restaurant mehr gibt, lächeln die anderen breit und sagen, dass sie sich sehr wohlfühlen und froh darüber sind, dass immer mehr junge Leute aus aller Welt in den Kiez ziehen.

Einer von denen, die Neukölln für sich entdeckt haben, ist ein junger Mann aus Bayern. Er habe zunächst in Friedrichshain und Lichtenberg gewohnt, sagt er. Vor einem Jahr sei er dann hierher an die Mainzer Straße gezogen und habe das "Laidek" aufgemacht, ein Café mit Barbetrieb. Vom Mord in der Bäckerei habe er zwar gehört, Genaueres wisse er aber nicht. "Das ist traurig, unwohl fühle ich mich hier aber nicht", sagt er.

"Hier wird häufig geschossen und mit Messern losgegangen"

Im "Laidek" treffen sich schon nachmittags junge Leute, die in der Nähe wohnen. Es sind Künstler, Designer und Modemacher. Sie wissen vor allem die vergleichsweise günstigen Mieten in Neukölln zu schätzen, lieben aber auch die Ursprünglichkeit, die in diesem Bezirk noch zu finden ist. "Hier kommen gerade viele gute Leute her, dass macht diesen Kiez interessant", sagt der junge Mann aus Bayern.

Für ihn steht fest, dass er so schnell nicht wieder wegziehen wird. Für ihn ist Neukölln wie für die anderen Zugezogenen das neue In-Viertel, nah am Tempelhofer Flugfeld und mit vielen neuen Bars in der Nachbarschaft.

Doris hingegen, die an diesem Donnerstag bei "Trödel Klaus" Geschirr und Möbel aus zweiter Hand verkauft, scheint in einem anderen Neukölln zu leben. "Ich traue mich als Frau hier abends allein nicht mehr vor die Tür", sagt sie. Was man mitbekäme, sei wie ein schlechter Kinofilm ohne Werbeunterbrechung.

"Nachts ist es oft so laut, dass ich immer wieder die Polizei rufen muss, überall wird gefeiert, die Menschen sind rücksichtslos." Der Mord sei schlimm, aber auch bittere Realität. "Hier wird häufig geschossen und mit Messern aufeinander losgegangen", sagt Doris. Viele der Anwohner hätten offenbar nichts zu verlieren, sie seien schnell aufgebracht und aggressiv.

Anmache und Provokation gehören zum Alltag

Das findet auch Ramazan, ein junger Türke, der mit seiner Mutter zur Bäckerei gekommen ist, um eine Rose hinzulegen. "Hier wohnen zu viele Ausländer", sagt der 20 Jahre alte Mann. Er sei zwar selbst einer, gerade deshalb aber könne er das sagen. Es sei eine Katastrophe, hier zu wohnen. Anmache und Provokation gehöre zum Alltag.

"Ich lasse meine Mutter deshalb nach 20 Uhr nicht mehr allein auf die Straße." Er mache gerade eine Ausbildung zum Koch, sagt Ramazan noch. Er hofft, bald aus dem Kiez wegziehen zu können. Seine Mutter ist den Tränen nahe. Sie habe die beiden Frauen gekannt und ihnen gewünscht, dass sie sich mit der Bäckerei ein schönes Leben aufbauen können. "Es ist einfach nicht zu verstehen, wie ein Mensch zu so einer Tat in der Lage sein kann", sagt sie.

Die Tat von Mehmet Ö. hat den schlechten Ruf von Neukölln zunächst wieder einmal bestätigt. Den Wandel des Kiezes wird sie dennoch nicht aufhalten.

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