10.01.13

Treptow-Köpenick

Vertriebene Hausboote können in Niederschöneweide anlegen

Das Bezirksamt hat einen neuen Standort für die Hausboote gefunden – an der Treskowbrücke. Allerdings muss der vorher noch saniert werden.

Von Sabine Flatau
Foto: JOERG KRAUTHOEFER

Umgezogen: Das Hausboot „Torgau“ hat den Treptower Hafen verlassen. Es liegt jetzt am anderen Ufer
Umgezogen: Das Hausboot "Torgau" hat den Treptower Hafen verlassen. Es liegt jetzt am anderen Ufer

Am Sonntag sind sie umgezogen. Tontechniker Jochen Voerste, seine Frau und die drei Kinder haben mit ihrem Hausboot "Torgau" auf die andere Seite der Spree übergesetzt. Im Treptower Hafen werden sie nicht mehr geduldet. Die Stern und Kreis Schifffahrt will den Platz, an dem ihr Boot lag, selbst nutzen. Die Zwangsräumung drohte, der Mietvertrag war schon lange gekündigt – nicht nur bei Voerstes, sondern auch bei den Familien auf den anderen Wohnschiffen im Hafen. Jahrelang prägte die kleine Kolonie das Bild am Treptower Park. Jetzt hat sie sich aufgelöst.

Liegeplatz an der Treskowbrücke

Zwei Hausboote liegen noch im Hafen. Die anderen sind vor dem Gerichtsvollzieher in die nähere Umgebung geflüchtet, an provisorische Standorte, an denen sie nur für kurze Zeit liegen dürfen. Doch die Familien möchten weiter an Bord wohnen und als Kolonie zusammenbleiben. Das Bezirksamt Treptow-Köpenick hat den Hausboot-Bewohnern deshalb zugesagt, nach einer langfristigen Lösung zu suchen. Jetzt ist sie da.

"Wir haben einen aus unserer Sicht geeigneten Standort für die dauerhafte Nutzung durch Wohnschiffe gefunden, und zwar in der Nähe der Treskowbrücke", sagte Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) der Berliner Morgenpost. Er sei sehr froh darüber. "Es war unser politisches Ziel, diese Wohnformen auch dauerhaft zu ermöglichen und in Zusammenarbeit mit Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) hat sich diese Möglichkeit nun eröffnet."

Der neue Ort liegt an der Spree in Niederschöneweide, am Rand eines einstigen Industriegeländes an der Brückenstraße. "Allerdings ist dieser Standort noch nicht sofort nutzbar", sagte Bürgermeister Igel. Zunächst müsse die Erschließung sichergestellt werden. Das soll im ersten Halbjahr 2013 passieren. Sie sei sowieso im Rahmen einer Investitionsmaßnahme geplant und verursache daher keine zusätzlichen Kosten. Selbst bezahlen sollen die Hausboot-Eigentümer die Verlegung ihrer Schiffe und den Stromanschluss, der am neuen Standort zu schaffen ist.

Ein weiteres Problem ist die Ufermauer, deren Zustand nicht genau bekannt ist.

Möglicherweise muss die Wand saniert werden – auch unabhängig von den Hausbooten. Denn am Spreeufer ist ein öffentlicher Weg geplant. Der Bezirk hat sich deshalb an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gewandt. Die empfiehlt, dass die Sanierung der Ufermauer vom neuen Investor für das Industriegelände übernommen werden sollte. "Das könnte in einem städtebaulichen Vertrag festgeschrieben werden", sagte Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung.

Doch die Hausboot-Familien meinen, sie könnten auch mit einem Provisorium am neuen Standort starten. Die Ufermauer könnte abgedeckt werden, die Boote könnten an Stegen, in sicherer Entfernung, festmachen, schlägt Jochen Voerste vor. "Dann wären die Schiffe nicht gefährdet, und die Reparatur der Wand wäre jederzeit möglich." Doch bis es tatsächlich zum Umzug kommt, sind noch viele Genehmigungen von Bezirks- und Landesbehörden und vom Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin erforderlich.

Solaranlagen, Dieselgeneratoren und kleine Windräder

Keine leichte Zeit für die Hausboot-Familien. Am Treptower Hafen, als sie die Stege gepachtet hatten, waren sie an Strom und Wasser angeschlossen. Jetzt, an den provisorischen Ankerplätzen, müssen sie sich neu einrichten. Das sei ein Lernprozess in Nachhaltigkeit geworden, erzählt Jochen Voerste. Man nutze jetzt Solaranlagen, Dieselgeneratoren und kleine Windräder. "Unser Umgang mit Strom ist wesentlich bewusster."

Es sei erstaunlich, wie viel man sparen könne, wenn man LED-Leuchten anstelle der Glühbirnen einsetze. Eine Alternative gibt es aus seiner Sicht nicht. "Man schlägt uns immer vor, in eine Wohnung zu ziehen", sagt Voerste. "Aber wenn ich weggehe, ist immer noch das Schiff da." Ein Ausweg wäre, das Boot zu verschrotten. "Aber das geht nicht." Auch das Leben an Bord würde er nur ungern aufgeben. "Das ist etwas Besonderes. Unsere Kinder kennen es nicht anders. Sie sind jetzt das erste Mal umgezogen." Doch die nervliche Belastung für alle Hausboot-Familien ist groß.

Voerstes "Torgau" lag mehr als zehn Jahre im Treptower Hafen. Drei Jahre schon dauert der Rechtsstreit um die Liegeplätze. So lange geht auch die intensive Suche nach einem anderen Ankerplatz. "Wir sind froh, dass das Bezirksamt diesen Standort gefunden hat." Bezirksbürgermeister Oliver Igel habe die Hausboot-Familien seit Jahren unterstützt. "Das Ende unserer Notlage ist absehbar, aber es gibt noch keinen Umzugstermin", sagt Voerste. Das müsse man aushalten. "Wir werden Engpässe durchstehen und die Durststrecke überwinden, bis der neue Liegeplatz erreicht ist."

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