09.01.13

Tourismus

Ausgeraubte Touristen übernachten in Notunterkunft

2012 schliefen Menschen aus 91 Nationen in der Einrichtung in Charlottenburg. Neben Diebstahl spielt oft auch Eigenverschulden eine Rolle.

Von Christian Thiele
Foto: dapd

Sozialarbeiter Jürgen Mark hilft Touristen mit einem warmen Bett aus der Klemme.
Sozialarbeiter Jürgen Mark hilft Touristen mit einem warmen Bett aus der Klemme.

Bei Jürgen Mark hat schon so mancher Berlin-Trip ein jähes Ende gefunden. Wenn Touristen das Geld geraubt wird, die Urlaubskasse verloren geht oder Pässe verschwunden sind, hilft der 51-Jährige in der schwierigen Lage mit einem warmen Bett. Er ist Leiter der Notübernachtung Franklinstraße in Charlottenburg. Seit Jahren suchen zunehmend mehr Menschen Zuflucht in dem Heim – nicht nur Obdachlose und mittellose Touristen, sondern immer häufiger auch Menschen, deren Traum von einem neuen Leben im Ausland wegen der Euro-Schuldenkrise ausgeträumt ist.

Noch ist es ruhig in dem Backsteinhaus. Jürgen Mark erledigt Büroarbeit am Computer. In wenigen Stunden öffnet der Sozialarbeiter die Eingangstür zu der kostenlosen Notübernachtung. Von 18 bis 8 Uhr ist das Haus Anlaufstelle für jene, die kein Dach über dem Kopf haben. "Aus welchem Grund auch immer", fügt Mark hinzu. 23.145 Übernachtungen zählte er 2011. Im vergangenen Jahr werden es nach seiner Schätzung wohl noch mehr gewesen sein. Zu 88 Prozent sei das Heim im Schnitt ausgelastet. 23 Zimmer gibt es mit drei bis vier Betten pro Raum.

Enger Kontakt zu den Botschaften

Die meisten Touristen kommen ab Ostern in die Notunterkunft. Im Herbst und Winter seien es weniger, sagt der Leiter. Er kennt die Geschichten der bei ihm Gestrandeten: Nicht wenige haben sich mit ihrem Ausflug nach Berlin finanziell übernommen oder ihnen wurde das Geld gestohlen oder die Pässe sind weg. Doch wohin in Berlin ohne Geld für ein Hotel oder ein Ticket zurück in die Heimat? "In solchen Fällen reicht die Polizei unsere Adresse weiter", erzählt Mark. Andere kommen von Krankenhäusern oder werden von Bezirksämtern in die Franklinstraße geschickt.

Mark und seine Mitarbeiter klemmen sich nach Ankunft der Hilfebedürftigen nicht selten ans Telefon und nehmen Kontakt zu den jeweiligen Botschaften auf, die dann versuchen, die Familien in den Heimatländern zu kontaktieren. Der Sozialarbeiter kennt Fälle, wo Verwandte Geld aus der Nachbarschaft zusammenkratzten oder auf das nächste Gehalt warteten, um die Summe für den Rückflug überweisen zu können. Zwischen einem und sechs Nächte bleiben die meisten in dem Gebäude, notfalls auch länger.

Neuseeländer blieb zwei Monate

Vergangenen Sommer klopfte ein junger Mann aus Neuseeland an die Tür. "Er war Mitte 20", erinnert sich Mark. Mit Freunden kam er nach Europa und wollte sich mit Musik über Wasser halten. "Bis sie sich im Suff zerstritten, und er allein dastand", erzählt Mark. Mehr als zwei Monate schlief der Mann in der Franklinstraße, bis er seinen Rückflug antrat.

"Menschen, die nicht aufs Flugzeug angewiesen sind, raten wir, dass sie an den Wochenenden zunächst an die Berliner Bahnhöfe gehen und Fahrgäste fragen, ob sie mit einem Wochenend-Ticket unterwegs sind", erklärt der 51-Jährige. Oft könnten sie dann kostenlos mitfahren, weil mit einer solchen Fahrkarte bis zu fünf Personen reisen können.

30 Prozent der Gäste sind Ausländer

Menschen aus 91 verschiedenen Nationen schliefen allein 2012 in der Unterkunft. Der Anteil an Ausländern unter den bedürftigen und mittellosen Übernachtungsgästen liegt bei 30 Prozent. Die vom Senat getragene Einrichtung steht in der Trägerschaft der Berliner Stadtmission und des Caritasverbands. Sie wurde vor 25 Jahren eröffnet.

Seit einigen Monaten beobachtet der Heimleiter eine neue Entwicklung: "Immer öfter suchen Familien aus Deutschland die Unterkunft auf, die sich im Ausland eine Existenz aufbauen wollten, aber finanziell gescheitert sind." Das habe oft mit der Euro-Schuldenkrise zu tun, erklärt der Sozialarbeiter. "Sie kommen zurück ohne festen Wohnsitz." Viele wählten die Hauptstadt in der Annahme, sie biete bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt.

Mark kennt aber auch Fälle von Berlinern, die sich ausgesperrt haben oder deren Untermieter mit dem Haustürschlüssel nicht zu erreichen waren. Statt die Nacht im Freien zu verbringen, steuerten sie dann die Einrichtung in der Franklinstraße an.

Quelle: dapd
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